Unter diesen Umständen war andern Tags an einen regelrechten Marsch nicht zu denken, sondern mit Tagesanbruch gingen wir in die Wohnung des italienischen Consuls, froh ein Unterkommen gefunden zu haben, um unsere Schäden wieder ausbessern zu können. Der Landsitz des Consuls befindet sich ganz am Südrande der Oase und ist von hohen Dünen, die Tadjura sowohl als die Mschia umgeben, durch einen kleinen See getrennt, auf welchem oft zahlreiche wilde Enten sich herumtummeln. Tadjura selbst ist eigentlich mit der Mschia und dem Sahel, einer Palmenstrecke zwischen beiden, eine und dieselbe Oasis; politisch ist es indess insofern von Sahel und Mschia unterschieden, als die Bewohner der beiden letztgenannten Orte gar keine Abgaben von ihren Palmen zu geben brauchen, während die von Tadjura von jedem Palmbaum eine bestimmte Abgabe entrichten müssen. Die Befreiung der Mschia und des Sahel ergiebt sich daraus, dass die männliche Bevölkerung kriegspflichtig ist, gewissermaassen also eine Art Militärcolonie vorstellt. Wenn übrigens die Zahl der Dattelbäume in Tadjura vom türkischen Gouvernement auf nur 80,000 101angegeben wird, so liegt dabei der Umstand zu Grunde, dass das Geld der als gezählt eingetragenen in den Staatsschatz abgeliefert werden muss; aber sicher existirt eine eben so grosse Zahl nicht gezählter Bäume, von denen natürlich auch die Abgabe, 2½ Piaster, erhoben, aber nicht in den öffentlichen Schatz fliesst. Man wird nicht zu hoch greifen, wenn man die Zahl der Palmen in Tadjura auf 200,000 angiebt.
Wir blieben den ganzen Tag über in Tadjura, um die Zelte trocknen zu lassen und andere Dinge auszubessern; aber von da an hatten wir wenigstens günstiges Wetter. Ohne mich bei der Beschreibung des langweiligen Weges aufzuhalten, führe ich nur an, dass wir am ersten Tage nach unserm Abgange von Tadjura dicht beim Kasr Djefara am ued msid, am andern Tage am Fusse des Gebirges, gegenüber der weissschimmernden Kubba Sidi Abd el Ati's campirten.
Am dritten Tage stiess ich auf das Lager Hammed Bei's, des Gouverneurs von Choms, welcher gerade von Tripolis gekommen war, wo er bei seinem Schwiegervater, dem Muschir und Marschall Ali Riza Pascha, die Ramadhanfestlichkeiten verbracht hatte. Hamed Bei erklärte nun gleich: ich solle in Choms oder Lebda nicht Zelte schlagen, sondern in seinem Hause wohnen, und ich nahm, da ich aus der Erfahrung wusste, wie wenig angenehm und sicher in Lebda das Campiren ist, mit Freuden sein Anerbieten an. Er brach dann vor mir 102auf, am Nachmittag aber konnte ich es mir schon in Choms in seinem gastfreundlichen Hause bequem machen.
Da es noch früh am Tage war, so ging ich gleich mit dem Photographen nach der Ruinenstätte, um im Voraus diejenigen Plätze zu bestimmen, von wo aus Aufnahmen erfolgen sollten, und kehrte dann Abends nach Sonnenuntergang in die Wohnung Hamed Bei's zurück. Hier erwartete uns ein splendides Essen, und besonders auffallend war, dass Hamed Bei, wir waren doch nur zu zweit bei Tisch, d.h. er und ich, eine so glänzende Erleuchtung spendete. Da waren auf den Nebentischen grosse massiv silberne Candelaber, der Esstisch selbst hatte zwei mit je fünf Kerzen. Das merkwürdigste war, dass mein Wirth einen ausgezeichneten Tischwein führte, und selbst mit Maass und Anstand zu essen und zu trinken verstand. Natürlich waren Messer und Gabeln vorhanden, und die Diener, fünf an der Zahl, so abgerichtet, dass sie selbst nach jedem Gange die Bestecke und Teller wechselten. Einer von ihnen war Hauptmann der Infanterie, was nicht hinderte, dass er in Uniform aufwartete. Hamed Bei selbst, der sehr eifersüchtig darüber wachte, dass alles europäisch zuging, gab dann und wann befehlende Seitenblicke oder Fingerzeige, und war wie in Verzweiflung, wenn nicht alles nach seiner Meinung fränkisch zuging. Dass nun in der Reihenfolge der Gerichte, in ihrer Zubereitung selbst, nach unsern Begriffen seltsame Anordnungen vorkamen, 103kann man sich leicht vorstellen: leben doch in Tripolis die Europäer selbst eher türkisch als europäisch in ihren Gesellschaften.
In Hamed Bei lernte ich einen der besten Civilisationstürken kennen, gerade aber ihn hatten die Tripolitaner aus der nächsten Umgebung des Pascha's zu entfernen gesucht, und dies dadurch erlangt, dass er als Kaimmakam nach Choms versetzt wurde. Rechtlicher als die meisten Beamten, war er, sagt man, namentlich dem Schich el bled, oder Stadtvorsteher von Tripolis, ein Dorn im Auge gewesen, und dieser hatte mittelst seiner Freunde, des Personals des französischen Consulates, seine Entfernung von Tripolis verlangt. Man muss aber nicht denken, dass Hamed Bei deshalb nach unsern Begriffen in Geldsachen ein makelloser Mann gewesen sei; die Leute in Choms erzählten mir sogar, dass er allein bei den Abgaben von den Oelbäumen das Doppelte erhebe (statt eines halben Sbili einen ganzen), und als ich auf dem Rückwege zufällig mit einem der untern Beamten, einem Abgabensammler, zusammentraf, fügte dieser hinzu: dass Hamed Bei in den letzten Tagen etwa 18,000 Mahbub—ein Mahbub ist etwas mehr als ein preuss. Thaler—bei den Abgabensammlungen profitirt habe. Dabei lobte merkwürdigerweise der Abgabensammler Hamed Bei in solch warmen Ausdrücken, dass ich nicht umhin konnte zu fragen, ob er selbst nicht auch sein Profitchen gemacht habe, was er zwar 104in Abrede stellen wollte, indess sicher der Fall war. Araber und Türken sind übrigens so an Erpressungen und Unterschleife gewöhnt, dass sie sich ohne sie gar keine Administration denken können; Civilisation, rechtliche Verwaltung sind auch überdies schon bei Völkern unmöglich, die ihre Richtschnur nach dem Koran nehmen; wer heutzutage noch glauben kann, die Völker civilisiren zu wollen, welche dem Islam huldigen, der komme und sehe selbst die Türkei, Aegypten und Tunis, und ich glaube sagen zu dürfen: alle mohammedanischen Staaten sind heute noch dasselbe, was sie vor hundert Jahren gewesen, d.h. zu einer Zeit, wo die sogenannten Reformen bei ihnen noch nicht eingeführt waren. Man kann nicht genug wiederholen, dass gewisse Völker nicht zu civilisiren sind, eben weil ihre eigene Gesetzgebung keine Civilisation erlaubt. Würden wir Europäer vielleicht nicht in demselben Fall sein, wenn wir zufällig uns nicht freigemacht hätten von einer Religion, die für ganz andere Völker in längst vergangenen Zeiten, zu anderen Bedürfnissen passte? Denn sicher wird man nicht behaupten wollen, dass die Sitten und Bedürfnisse, die ganze Anschauungsweise eines Volkes zur Zeit der Pharaonen, zur Zeit der Cäsaren dieselben waren, wie sie es jetzt sind im Jahrhundert des Telegraphen und des Dampfwagens. Glücklicherweise für uns ist unser Christenthum heute aber auch nicht mehr das Christenthum der ersten Jahrhunderte: wer dieses will, gehe 105nach Abessinien oder besuche die Copten oder andere Völker, die streng an den Satzungen der Kirche festgehalten haben, und sehe, was aus ihnen geworden ist.
Trotz eines heftigen Windes nahmen wir am folgenden Tage vier Ansichten von Lebda auf: das südliche Stadtthor, die südliche Front der grossen Basilika, die Ansicht eines grossen Palastes, der wahrscheinlichen Wohnung des Höchstcommandirenden, und eine Uebersicht vom Hafen, der freilich jetzt ganz versandet ist.
Lebda fanden wir völlig so, wie wir es verlassen hatten, höchstens um einige Säulenstümpfe ärmer, die der jetzige Gouverneur von Tripolis, Ali Riza Pascha, von dort nach Tripolis hatte holen lassen, um damit seine Anlagen zu verunzieren.
Es wäre gewiss merkwürdig zu wissen, ob die Sandüberschwemmung Lebda's auf einmal oder nach und nach eingetreten sei. Ich glaube, man muss wohl beides annehmen; denn nach der ersten Zerstörung von Leptis magna fand Justinian die Haupt-, d.h. Weststadt so mit Sand überschüttet, dass er die Wiederherstellung aufgab und seine Hauptsorgfalt auf die Neapolis oder Oststadt verwendete[14]; es muss also ein aussergewöhnlicher Orkan geherrscht haben, der nach der Zerstörung durch die Vandalen diesen Stadttheil mit aufgewühltem Meeressand überschüttete. Kleinere Stürme fügen noch 106immer Sand hinzu, und so dürfte einmal eine Zeit kommen, wo ganz Lebda, wenigstens der westliche Stadttheil, die eigentliche Hauptstadt, verschwunden sein wird.
Wie indess hier die Sanddünen in geschichtlicher Zeit aus dem Meere geworfen worden sind, so ist vor Zeiten die ganze grosse Aregformation in der Sahara ebenfalls ein Meeresproduct, und die Behauptung französischer Forscher[15] gänzlich unhaltbar, dass die Dünen der Wüste ein Zersetzungsproduct von Felsen seien. Lebda nun, wie es sich uns heute zeigt, bildet drei Haupttheile. Die hoch- und dickmaurige Altstadt, auf beiden Seiten des Flusses gelegen, doch so, dass die Haupthälfte sich auf dem linken Ufer befand, während auf dem rechten nur Gewölbe gewesen zu sein scheinen; nahe dem Meere zu, südlich von dem westlichen Hafenfort, scheint die Stadtmauer der östlichen Stadthälfte zugleich die des Hafens gewesen zu sein. Wenigstens fällt die Südseite des Forts auf der rechten Flusszunge direct ins alte Hafenbassin; sie bildet dort schöne Quais, woran noch die grossen Quadern zur Befestigung der Schiffe vorhanden sind, und Treppen, welche zum Hafen hinabführten; jetzt natürlich steigt man mittelst der Treppen auf aufgewehten und aufgeschwemmten Sandboden. Diese Altstadt enthält fast allein die öffentlichen Gebäude: als Paläste, Kirchen, das Forum etc., aber alle zur Hälfte, einige ganz, von Sand überschüttet.
107Kaum möchte ich indess glauben, dass das, was Barth als πόλις oder Altstadt bezeichnet, dies wirklich gewesen sei. Ich glaube vielmehr, dass die westliche Landspitze mit dem heute noch Staunen erregenden Festungswerke sonst unbewohnt war, denn man findet auf dieser Landspitze—die auch viel zu eng ist, um nur zwei Reihen von Häusern aufzunehmen, mögen wir uns die Privatwohnungen der Griechen und Römer noch so beschränkt denken—gar keine andere Spur von Gebäuden, als solche, die auf Vertheidigung und Schutz hindeuten, und gerade eben die drei Ueberreste von Quermauern, welche die Landzunge von der Altstadt trennen, deuten darauf hin, dass hier das eigentliche Reduit lag. Die kolossalen Quaderbauten nach dem Meere zu sind vollkommen gut erhalten, leider erlaubte der Sturm mir nicht, die unterirdischen Kammern, die vom Meer aus in die untere Partie des Forts münden, zu besuchen; das Meer peitschte mit solcher Gewalt seine schäumenden Wogen gegen die Oeffnungen, dass es unmöglich war, hineinzudringen. Die ganze Landzunge ist übrigens nach dem Meere zu durch eine starke Quadermauer geschützt.