Es kam nun noch die grosse Frage eines Beschützers aufs Tapet: in Bengasi war man der Ansicht, ein Europäer könne sich unmöglich allein in die Cyrenaica hineinwagen, das Ansehen der türkischen Regierung sei überall gleich Null, die Gegend voller Räuber und Strolche, und ohne Begleitung eines einflussreichen Chefs sei eine Reise aufs Hochland unausführbar. Den vereinigten Vorstellungen der Europäer glaubte ich nachgeben zu müssen, und zwei Männer, einer von den Franzosen, der andere von den Engländern protegirt, kamen nun in Vorschlag. Ich entschied mich für letzteren, Mohammed Aduli, weil er die meiste Garantie zu bieten schien. Obschon Fremdling in der Gegend, war er vor Jahren von Mesurata eingewandert, und hatte dann die geschiedene Frau eines der angesehensten 123Chefs von Barca geheirathet. Er war reich, hatte mehrere Häuser in Bengasi und war unter andern Besitzer des englischen Consulates. Gegen die geringe Miethe von 90 Mahbab jährlich lautete der vor Jahren abgeschlossene Contract, mit dem Beisatz, dass so lange das englische Gouvernement in Bengasi ein Consulat habe, dies Haus ihnen für 90 Mb. zur Verfügung stände; an ein Kündigen von Seiten des Aduli war gar nicht zu denken. Dergleichen Miethscontracte wurden von den Europäern vor noch 20 Jahren oft mit den eingebornen Städtern geschlossen, in Tripolis haben fast alle Europäer so gemiethet, jetzt sind die Mohammedaner gescheidter.—Sein eigentliches Zeltdorf, oder, wie man in Barca sagt, „Freg“, war dicht bei Gaigab, also auch nicht weit von der alten Cyrene selbst gelegen.
Leider erfuhr ich später, dass Mohammed Aduli derselbe war, der Hammilton nach Cyrene begleitet hatte, und alle die Beschwerden, welche dieser gegen ihn vorbringt, kann ich nur unterschreiben. Hatte er später auch mehreremale Denys begleitet und war bei Porcher und Smith thätig gewesen, so kann ich doch nur die Erfahrung Hammiltons: „Mohammed serving his own, utterly neglected my interests“ bestätigen. Der Aduli schien eine solche Reise nur zu seinem eigenen Vortheile zu machen; der zu escortirende Reisende war für ihn ein bequemes Mittel, auf die billigste Art eine Geschäftsreise zu erledigen, und andererseits vergrösserte 124er dadurch noch seinen Einfluss bei Türken und Arabern. Hernach stellte sich auch heraus, dass die Gegend gar nicht so gefährlich sei, die Bewohner sind zwar diebisch, würden aber, so lange man sich innerhalb der türkischen Castelllinie hält, es kaum wagen, etwas gegen das Leben eines Europäers zu unternehmen.
Ich blieb nur einige Tage in Bengasi, und hatte mich von Seiten der Europäer der zuvorkommendsten Aufnahme zu erfreuen. Die verschiedenen Consulate, die Geistlichen des Franciscanerklosters, die Schwestern und Privatpersonen, alle boten ihre Dienste an und wetteiferten, mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Aber auch die türkische Behörde, obschon der Pascha selbst, wie schon bemerkt, noch nicht eingetroffen war, zeigte sich anerkennungswerth zuvorkommend. Sie bot mir Saptién und Empfehlungsbriefe an, da man indess auf dem englischen Consulate der Meinung war, dass eine türkische Begleitung der Eingebornen wegen eher schädlich als nützlich sein würde, so lehnte ich dankend das Anerbieten ab. Auch dies war, wie ich später erfuhr, eine irrige Ansicht, das türkische Gouvernement ist in seinem Rayon überall respectirt; übrigens wäre die Mitnahme von Saptién, wenn auch nicht schädlich, doch ganz überflüssig gewesen.
Seit den ersten Besuchen von europäischen Reisenden hat sich Bengasi bedeutend gehoben und gebessert. 125Beechey giebt die Einwohnerzahl nur auf 2000 an, während della Cella früher schon 5000 vorgefunden haben will. Barth rechnet 10,000 Einw. und Hammilton deren 10–12,000, vertheilt auf 1200 Häuser. Gegenwärtig wird die Stadt etwa 15,000 Einw. haben, von denen 2000 Europäer sind, meist Malteser, Italiener und Griechen. Die übrigen Eingebornen theilen sich in Mohammedaner arabischen Ursprungs und etwa 2 bis 3000 Juden.
Die Stadt selbst, welche ihren Namen von einem Heiligen Namens Ben Ghasi oder Ben Rhasi hat, dessen Grabmal sich unfern der Stadt im Norden befindet, liegt hart am Meere, derart, dass sie auf eine von Norden nach Süden zu laufende Landzunge gebaut ist, die im W. vom Mittelmeere selbst, im O. von Lagunen bespült wird. Eine andere gegen die nördliche strebende von Süden her kommende Landzunge bildet mit der erst erwähnten das Thor zum Hafen, welcher 6' tief, bei hohem Wasser mit den Lagunen der flachen Salzsee communicirt. Bei Landwinden aber ist zwischen dem Hafen und den Seen eine Passage, und im Sommer trocknen diese oft ganz aus. Der Hafen ist so versandet, und überdies bei starken Stürmen so unsicher, dass im Winter die Schiffe Bengasi nur selten, und dann auf kurze Zeit, berühren. Im Sommer ist übrigens auch die Rhede ein guter Ankerplatz. In diesem Jahre sind Ingenieure von Constantinopel gekommen, um neue Hafenbauten aufzuführen, 126und es lässt sich leicht voraussehen, dass die Eröffnung des Canals von Suez auch hier einen belebenden Einfluss ausüben wird. Mit einigen kräftigen Baggermaschinen und mit zweckmässig angelegten Landungsdämmen wird sich leicht und ohne grosse Kosten ein guter Hafen herstellen lassen.
Der vorletzte Gouverneur von Bengasi hat sehr viel zur Verschönerung der Stadt gethan; während früher die Stadt ganz des Schmuckes irgend eines Thurmes entbehrte, hat er für die Haupt-Moschee ein hohes, schlankes Minaret bauen lassen, das schon von weitem den Schiffern vom Meer aus die Stadt Bengasi verkündet. Der Hauptbazar in der Mitte der Stadt, elegant und zweckmässig angelegt, ist auch seine Schöpfung. Und die Hauptsache ist, dass alle Waaren vorhanden sind; in der That giebt es heute keinen Artikel, der nicht in Bengasi zu haben wäre. Die Strassen in der Stadt sind zwar nicht gepflastert, aber passirbar, zudem gerade und für den Verkehr hinlänglich breit. Die Häuser sind solide aus Steinen gebaut, und auch äusserlich die meisten mit Kalk beworfen; alle sind numerirt, sehr viele haben eine zweite Etage, namentlich fast alle die, welche in dem letzten Decennium von den Europäern oder türkischen Beamten gebaut worden sind, die innere Einrichtung ist wie überall im Süden: in der Mitte ein viereckiger freier Platz und lange schmale Zimmer mit Thüren und Fenstern, welche sich auf den Hof öffnen. 127Jedes Haus hat einen Brunnen, das Wasser aber, welches man schon bei 6 Fuss Tiefe findet, ist brakisch. Die Häuser der Europäer, auch alle mit einem freien Hofraum im Innern versehen, haben geräumige hohe Zimmer, und die meisten besitzen allen Comfort, wie man ihn nur in Europa wünschen kann. Drei grössere Moscheen, zwei Synagogen und eine katholische Kirche sind für den Gottesdienst vorhanden. Die Moscheen bieten äusserlich nichts bemerkenswerthes, doch dürften im Innern viele römische und griechische Alterthümer vermauert sein, leider wurde es mir nicht erlaubt, eine zu besuchen.
Die neue katholische Kirche (für den derzeitigen Gottesdienst dient ein grosser Saal des Klosters) wird, wie das grosse Kloster, ganz von Mönchen gebaut werden, nur die gröbsten Arbeiten werden von arabischen Hilfsarbeitern geleistet. Sie wird ganz aus behauenen Quadern von Kalkstein und im romanischen Styl errichtet. Diese fleissigen Franciscaner, erst vor wenigen Jahren von dem uralten Kloster von Tripolis als Filiale nach Bengasi geschickt, sorgen ausserdem für die Erziehung der Kinder der christlichen Bevölkerung. Dicht beim Kloster ist auch das von ihnen erbaute Hospital der französischen Schwestern, welche zugleich eine Töchterschule haben, und durch Arzneivertheilung an Arme ohne Unterschied der Religion von den Arabern die christlichen Marabutia (Heiligen) genannt werden. 128Auch diese sind nur eine Zweiganstalt von der grossen in Tripolis.
Ohne Mauern, hat man zum Schutze der Stadt im Anfange dieses Jahrhunderts ein Castell erbaut, das zugleich die Mündung des Hafens schützen soll. Aber obgleich äusserlich sauber gehalten, ist dieses Fort baufällig und würde europäischer Artillerie, einerlei, ob neuester oder älterer Construction, keinen Widerstand entgegensetzen können. In diesem Castell hat die Regierung ihren Sitz, ausserdem befinden sich Harem, Casernen, Gefängnisse etc. darin. Eine neue grosse Caserne, es sind in der Regel nur 500 Mann Infanterie in Bengasi, liegt dicht beim Castell und daneben das türkische Militärhospital. Als vorzüglich muss noch die Sanitätseinrichtung hervorgehoben werden, wenn auch die Direction nicht mehr von einem deutschen Arzte, wie zur Zeit Hammiltons, geleitet wird, so ist dieselbe jetzt unter der intelligenten Aufsicht eines türkischen Arztes nicht minder gut, und lässt nichts für den gesundheitlichen Zustand von Stadt und Hafen zu wünschen übrig.
Der Regierung steht ein von Tripolis abhängiger, jedoch von Constantinopel ernannter Kaimmakam vor, welcher zumeist als Gouverneur des ganzen Ejalet Barca, dessen Hauptstadt Bengasi ist, regiert. Ihm zur Seite stehen für die geistlichen Angelegenheiten ein Mufti, für die richterlichen ein Khadi, welche ihre Ernennung 129von Tripolis erhalten. Ein Midjelis oder Rath aus den vornehmeren Kaufleuten der Stadt gebildet, und worin in neuester Zeit auch Juden und Rajas sitzen, hat berathende Stimme. Die Stellung der Europäer der türkischen Regierung gegenüber, ist wie in den übrigen Provinzen des osmanischen Reichs. Die Einkünfte und Ausgaben von Bengasi und Barca auch nur annähernd anzugeben, ist ganz unmöglich, sie schwanken überdies sehr, je nachdem ein anderer Gouverneur an der Spitze steht, oder je nachdem man Razzien, um den Tribut von den Nomaden einzuziehen, unternimmt. Die verschiedenen zu erhebenden Abgaben werden, wie in Tripolis, an Meistbietende verpachtet, und Christen und Juden sind davon nicht ausgeschlossen.
Die Consuln und angesehenen Franken wohnen in der Nähe des Hafens, die Mohammedaner und Juden wohnen durcheinander, ohne dass, wie man das in den meisten anderen Städten des Orients antrifft, die Juden ein eigenes Viertel, Melha genannt, bewohnen. Dass es an zahlreichen Kaffeehäusern, sowohl europäischen wie türkischen, nicht fehlt, dass eine Legion von Schenken schlechte griechische und sicilianische Weine, starke Araki und Branntweine verkaufen, braucht wohl kaum angeführt zu werden. Bei den öffentlichen Gebäuden haben wir übrigens ein Bad anzuführen vergessen, das aber keineswegs empfehlungswerth ist, und wo namentlich die verschiedenen erwärmten Stuben fehlen, welche 130zu den heissen Bädern so nothwendig sind. Da das Wasser aus den beiden einzigen öffentlichen Brunnen zu den Bädern geholt wird, diese aber stark brakisch sind, und nur zum Viehtränken benutzt werden können, so wird das Unangenehme des Badens noch vermehrt. Das Trinkwasser für die Bewohner wird in Fässern und Girben (Schläuchen) von aussen weit hergeholt, und macht so den Einwohnern eine grosse jährliche Ausgabe.