Am Tage des Abganges der Karawane lud ich daher sämmtliche Consuln und die angesehensten Familien der Stadt ein, beim Abschiede gegenwärtig zu sein. Die Zelte des Dr. Nachtigal waren schon vorher am Rande 116der Mschia aufgeschlagen worden. Kameele und Gepäck lagen daneben. Fast alle kamen unserer Einladung nach, auch das türkische Gouvernement hatte sich durch Hammed Bei, dem Schwiegersohn des Gouverneurs, und durch einen in Wien erzogenen Officier, Masser Bei, Oberst im Generalstab, vertreten lassen. Dort am Ende des Palmwaldes, am Anfange der Sanddünen, wurde nun den Tripolitanern ein Piknik gegeben, wobei natürlich der Stoff des Essens nach arabischer Manier hergerichtet war, d.h. in gerösteten Hammeln und enorm grossen Kuskussu-Schüsseln bestand; aber auch Wein, freilich nicht von bester Sorte, wurde geschenkt, so dass die Gesundheit auf den König Wilhelm vom holländischen Generalconsul, sodann die auf die glückliche Ueberkunft der deutschen Expedition vom englischen Generalconsul unter allgemeinem Jubel ausgebracht werden konnten. Schliesslich kamen dann auch noch die Tripolitaner Stadtmusikanten, eine Flöte, eine Harfe, eine Geige und eine Trommel heraus, so dass es den tanzlustigen Tripolitanerinnen, ein Platz war bald gefunden, an Walzern und Polka's nicht fehlte.
Man kann sich denken, mit welchen Augen Araber der Stadt und Umgegend diesem, für sie nie gesehenen Treiben, zusahen. Wahrscheinlich hielten sie uns alle für christliche Derwische, und der alte Gatroner, der nie früher Europäer gesehen hatte als nur vereinzelt, und nie weiter nach Norden in Afrika gekommen war als 117Mursuk, schwur beim Haupte des Propheten, er wolle nach Rückkehr von Bornu nach Prussia selbst, „in scha Allah.“
Am andern Morgen früh trat die Karawane ihren ersten Marsch an, nachdem sie Nachts am Rande der Mschia campirt hatte, die hohen Sanddünen entzogen sie bald unsern Blicken, und wir unsererseits kehrten nach der Stadt zurück, und hatten somit die Aufgabe, die Geschenke des Königs für den Sultan von Bornu von Tripolis aus abzusenden, gelöst.
Es handelte sich jetzt darum, ein Schiff zu finden, um nach Bengasi zu kommen, denn der Weg um die grosse Syrte war durch die lang anhaltenden Regen ganz unpassirbar geworden, namentlich wäre es unmöglich gewesen ihn mit Kameelen zu durchschreiten. Die Ufer der Syrte befanden sich in dem Zustande, wie sie von Strabo und Mela so treffend beschrieben worden sind. Uebrigens glaube ich, dass wenn della Cella meint, die Landschaft südlich von der grossen Syrte habe den Namen Sert oder Sürt als Erinnerung und Ableitung von Desertum, er darin einfach übersieht, dass der Ausdruck „surtis“ von „surein“ ziehen, eben so gut auf's Land passt, wie auf den Meerbusen selbst. Land und Meer verschwimmen um die Zeit der hohen, durch den Nord- und Nordwestwind hervorgebrachten Fluthen, und wer um diese Zeit eine Reise um die grosse Syrte machen wollte, würde rettungslos in die Tiefe gezogen werden, falls er 118nicht einige nur den Eingebornen bekannte Pfade, die hindurchführen sollen, inne hielte. Ueberdies ist das, was wir auf den Karten unter dem Namen die Syrtenwüste bezeichnen, keineswegs Desertum, sondern das fruchtbarste Weideland, von vielen Nomaden und ihren Heerden durchzogen. Der Weg aber bot im Verhältniss zu seiner Länge wenig interessantes, wenn man nicht von einzelnen Punkten Excursionen in's Innere machen wollte. Von della Cella, Beechey und Barth, was die Küste anbelangt, beschrieben, konnte man nur dann hoffen auf diesem Wege neues zu bringen, falls man über Mittel und Zeit zu Nachgrabungen zu verfügen hatte.
Da Dampfer nur zufällig nach Bengasi eine Fahrt machen, so konnte ich blos an Segler denken, aber selbst bei widrigem Winde, wo die Schiffe circa 14 Tage unterwegs sind, war es einer Landreise gegenüber, welche nicht unter 35 Tagen gemacht werden kann, eine bedeutende Zeitersparniss; bei günstigem Winde segelt man blos drei, manchmal nur zwei Tage. Es traf sich sehr gut, dass Ali Gergeni, der Scheich el bled von Tripolis, eine Brigg im Hafen für Bengasi fertig clarirt hatte, aber er wollte sie nur gleich absegeln lassen, wenn ich die ganze Cajüte miethen würde. Gross und comfortabel war dieselbe nun zwar nicht, aber dafür theuer. Indess ohne Wahl, blieb mir nichts anderes übrig. Ausserdem hatte ich für fünf meiner Leute zu zahlen und für 119meinen Reitesel, und musste wenigstens für zwanzig Tage Proviant einnehmen.
Indess konnte ich am Sonnabend Abend, am 20. März, einige Tage nach dem Abgange der Karawane des Königs, mit allen meinen Leuten an Bord gehen, und am andern Morgen früh segelten wir mit halbem Winde aus dem Hafen. Die Brigg hatte ein entsetzliches Aeussere, auf dem Decke lungerten 40 bis 50 zerlumpte Araber, Juden, Levantiner Christen, Greise, Männer, alte Weiber, Frauen, Kinder, alles Kuddelmuddel durcheinander, mit ihren werthlosen Habseligkeiten: Töpfen, Matratzen, alten Teppichen und Kisten und Kasten. Von der Cajüte aus sich bis zum Vordertheile des Schiffes einen Weg zu bahnen, war kaum möglich, so voll war das Verdeck.
Diese Cajüte, circa 4 Fuss Cubik haltend, denn sie war auch so niedrig, dass man nur ganz gebückt sich darin halten konnte, hatte ausserdem drei Cojen, Tische und Stühle fehlten, als in einem Araberschiffe selbstverständlich, sie hätten auch schwerlich Platz gefunden, dennoch gelang es, einen Theil meiner Bagage unterzubringen. Und besser, als ich gedacht hatte, ging die Fahrt von statten, etwas Seekrankheit, etwas Sturm, etwas Windstille waren unsere Abwechslung, denn unser Reis (Capitain) war ein erfahrener Mann, und statt sich an der Küste zu halten, fuhren wir geraden Wegs nach Bengasi über, hatten mithin bald das Ufer ausser Sicht verloren. Schon am sechsten Tage erblickten wir Land, 120und bald darauf tauchte das Minaret auf, dann die Stadt, welche sich von weitem recht stattlich ausnahm. Viel trugen freilich das Fort an der einen Seite, die Palmengärten, die schmucken europäischen Häuser, und im Hintergrunde die bläuliche Bergkette dazu bei.
Aber ohne einen kleinen Schreck sollten wir nicht davon kommen. Schon hatten wir einen Lootsen an Bord, und derselbe hatte das Commando übernommen, als nach einigen Windungen zwischen den Klippen das Schiff aufstiess. Das Wasser war so klar und so wenig tief, dass wir überall Grund sehen konnten, wir waren auf einen Felsen gerathen, wo nach Aussage des Lootsen noch 7 Fuss Wasser sei, und unser Reis behauptete, das Schiff ginge nur 6 Fuss tief. Das konnte nun unter gewöhnlichen Umständen der Fall sein, aber überladen, wie es war, ging es mindestens 7 Fuss tief. Grosses Geschrei und Umherstürzen waren die nächste Folge, jeder schrie und commandirte, aber niemand gehorchte. Und schon glaubte ich, es würde beim „Gott ist der Grösste, nur bei Gott ist Hülfe“, sein Bewenden haben, als zahlreiche Boote vom Ufer stiessen. Unser Reis, der noch der Vernünftigste von allen war, liess nun gleich fast alle Passagiere debarquiren, und dann rasch einen Theil der Ladung nachfolgen, so wurden wir nach kurzer Zeit flott, und ohne dass die Brigg Schaden genommen hatte, wurden wir dann in den Hafen bugsirt.
121Mittlerweile hatte ich einen meiner Leute mit den debarquirenden Passagieren an's Land geschickt, um Quartier zu suchen, und die alsbald auf den Consulaten als Gruss aufsteigenden Flaggen sagten mir, dass man meine Ankunft erfahren hatte. Nicht lange dauerte es denn auch, so kamen der englische und französische Consul an Bord, um mich abzuholen, und gleich darauf waren wir im geräumigen, englischen Consulatsgebäude untergebracht. Herr Chapman, der den abwesenden Alterthumsforscher, Herrn Denys, als Consul vertrat, nahm uns mit der liebenswürdigen Gastfreundschaft auf, welche im Auslande Engländer und Franzosen so sehr vor den andern Nationen auszeichnen.
Am folgenden Tage wurde dann gleich mit der Ausrüstung begonnen; es waren Kameele, Sättel, Stricke, Maulkörbe für die Kameele (gegen die von den Arabern sehr gefürchtete Drias-Pflanze, bis jetzt von allen Reisenden für das berühmte Silphium gehalten) und vor allen der nothwendige Proviant zu schaffen. Frühere Reisende in Cyrenaica haben sich damit beholfen, Kameele zu miethen; ich fand die Preise aber so in die Höhe getrieben, dass ich mich entschloss, welche zu kaufen, und dies habe ich später auch keineswegs zu bereuen gehabt. Freilich musste ich auch noch die Zahl der Diener um einige erhöhen, aber andererseits war ich dafür Herr meiner Karawane und meiner Bewegungen, konnte zudem annehmen, dass bei 122dem reichen Krautwuchse zu der Jahreszeit, wo in Cyrenaica alles grünte und blühte, die Kameele sich so halten würden, um sie nach beendeter Reise mit nicht allzugrossem Verluste wieder an den Mann bringen zu können. Fünf gute Kameele wurden mir also durchs französische Consulat eingekauft, alle anderen Einkäufe besorgte der Canzler des englischen Consulats. Selbst wenn man der Sprache, aller Sitten und Gebräuche eines Landes mächtig ist, ist es für einen Fremden immer am gerathensten, sich dergleichen durch Ansässige besorgen zu lassen, will man nicht den grössten Prellereien ausgesetzt sein.