Darüber aber, und weil Hamed Bei mich nicht ohne Frühstück fortlassen wollte, verlor ich meine Karawane. Ich hatte sie nämlich schon am Morgen früh fortgeschickt, und dem Gatroner gesagt, nach einem kleinen Tagmarsch am Wege zu lagern. Da ich aber vom Berge, wo die Inschrift sich befand, erst Nachmittags herunterkam, überfiel mich beim Weiterreiten schnell die Nacht, und unmöglich war es, irgend etwas zu unterscheiden. Obgleich ich mehrmals Doppelschüsse abfeuerte, namentlich so oft ich Wachtfeuer erblickte, wollte es mir nicht gelingen, den Lagerplatz meiner Leute ausfindig zu machen, und um 10 Uhr Abends, als mein Esel, der nun den ganzen Tag im Gange gewesen war, nicht mehr weiter konnte, musste ich mich endlich entschliessen, ein anderes Lager zu suchen. Zudem musste ich jetzt meine Karawane längst hinter mir gelassen haben.

112Glücklicherweise sah ich bald ein Wachtfeuer, und schickte meinen Neger dorthin, ein Nachtlager zu erbitten. Es fand sich, dass nicht weit vom Weg ein einzelnes Araberzelt stand und die Eigenthümer bewilligten auf's gastlichste meine Bitte. Freilich war von Bequemlichkeit keine Rede, die Leute waren so arm, dass sie nicht einmal eine Matte besassen, und wenn nicht ein beständig unterhaltenes Feuer, neben welchem ich mich ausstreckte, die ganze Nacht etwas Wärme im luftigen Zelte verbreitet hätte, so würde ich bitter von Kälte gelitten haben. Man kann sich leicht denken, dass das Abendessen bei diesen armen Leuten nicht besser ausfiel: etwas Basina (Weizenmehl-Polenta), welche ich mit meinem Wirth aus einer Schüssel mit den Fingern ass, war alles, was zu haben war. Mein armer Esel fuhr noch schlimmer: nicht einmal Stroh war für ihn aufzutreiben.

Die armen Leute, von der türkischen Regierung ganz ausgesogen, hatten übrigens ihr Möglichstes gethan, und so nahm ich am folgenden Morgen mit Dank von ihnen Abschied, indem ich einem kleinen Kinde im Zelte reichlich an Geld gab, was ich bei den Eltern verzehrt hatte. Denn dem Araber selbst Geld für seine Gastfreundschaft anzubieten, wäre gegen alle gute Sitte gewesen. Mein Esel, der an Altersschwäche litt, wollte gar nicht mehr von der Stelle, und nachdem ich einige Stunden zu Fuss marschirt war—den Esel liess ich 113durch meinen Neger treiben—war ich froh, als ich in einem Zelte, welches dicht am Wege von Beduinen aufgeschlagen worden, ein Pferd zur Weiterreise miethen konnte. Hungrig wie ich war, fand ich hier ein besseres Mahl. Eier, Milch und Gerstenbrod setzten mich in den Stand, noch an demselben Abend Tadjura, freilich etwas spät, zu erreichen, und hier kehrte ich im Landhause des italienischen Consuls ein, denn auch mein Pferd wollte nicht mehr weiter.

In der That ist der Weg von Tripolis bis Lebda bedeutend weiter, als man nach den Karten glauben sollte, die zahlreichen Krümmungen verlängern die Strecke sicher um ein Viertel; dazu kommen mehrere Strecken Dünen, auf denen Thiere und Menschen bald ermüden. Am andern Morgen früh war es nur noch ein Spazierritt bis zu meiner Wohnung in der Mschia. Meiner Karawane, der ich vorausgeeilt war, gelang es übrigens schon am folgenden Morgen einzutreffen; die Kameele hatten sich auf dem Wege ebenso gut gehalten, wie die Leute.


Bengasi.

Ich hatte mich sehr beeilt von Lebda wegzukommen, weil ich vermuthete, dass bei dem schönen Wetter der Dampfer rasch von Malta zurückkommen würde, und ich 114keinenfalls Veranlassung sein wollte den Abgang der Karawane nach Bornu zu verzögern. Wider Erwarten war das Dampfschiff noch nicht angekommen, ja ein von Malta eingetroffenes Telegramm besagte, dass das Schiff erst nach Ende des Carnevals abgehen würde.

Herr Rossi hatte daher gleich einen Saptié (berittener Soldat) nach Lebda geschickt, mit einem Briefe des Inhalts: ich brauche mit meiner Rückreise nach Tripolis nicht zu eilen, leider hatte mich dieser Saptié verfehlt. Es that mir dies um so mehr leid, als ich so die Gelegenheit aus der Hand gegeben hatte, noch mehrere interessante Ansichten von Lebda photographiren zu lassen.

Endlich kam nach dem Carneval der lang ersehnte Dampfer an, und nun konnte, da seit langem alles vorbereitet war, die Karawane abgehen.

Es war dies das erstemal, dass ein officieller Act unter preussischer Aegide seitens Deutschlands in Tripolis vorgenommen wurde. Wenn auch in früheren Zeiten fast die Hälfte aller von Tripolis abgegangenen Reisenden Deutsche gewesen waren, so waren dieselben, wie Barth, Overweg und Vogel, durch Englands Gelder ausgerüstet, und von der englischen Regierung abgeschickt, als Engländer betrachtet worden. Die von Moritz v. Beurmann und mir unternommenen Reisen hatten einen vollkommen privaten Charakter gehabt; wenn auch bei meiner Reise nach Bornu der König von Preussen sich mit 115einer grossmüthigen Unterstützung betheiligt hatte, so war nie von einem Regierungsunternehmen die Rede gewesen.[17] Ganz anders war es jetzt: Dr. Nachtigal ging mit einem bestimmten Auftrage in's Innere, einem Auftrage, der ihm vom König von Preussen, dem Schirmherrn von Norddeutschland war übermittelt worden. Sein Abgang musste daher mit einer gewissen Feierlichkeit stattfinden. Zum erstenmale sollte die neue norddeutsche Fahne in's Herz von Afrika getragen werden, und auf dem Christenhause in Kuka, der Hauptstadt Bornu's, wehen, wo bis jetzt nur die englische und die Bremer Flagge war gesehen worden. Die schwarz-weiss-rothe Flagge sollte, so hoffen und wünschen wir, von hier noch weiter getragen werden, wo möglich bis an die Ufer des indischen oder atlantischen Oceans. Ueberdies waren wir während der Zeit unseres Aufenthaltes in Tripolis von allen Consulaten mit Aufmerksamkeiten aller Art überhäuft worden. Die einzelnen Familien wetteiferten, um uns unsern temporären Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.