Wir dürfen daher weder mit Pacho auf Scylax gestützt, die Gärten nach Phycus legen, noch ist es nöthig mit Beechey, ebenfalls sich auf Scylax stützend, dieselben in den Felsvertiefungen der Gegend von Bengasi erblicken zu wollen. Wir können eben nur annehmen, da jetzt ein bestimmter Ort bei Bengasi, der wegen besonderer Schönheit und Ueppigkeit der Pflanzen den Namen der hesperidischen Gärten verdiene, nicht vorhanden ist, dass die ganze Gegend im Laufe der Jahrhunderte in pflanzlicher Beziehung eine Umwandlung erlitten hat. Dies sehen wir nicht nur hier, sondern überall in Nordafrika lässt sich durch das massenhafte Entholzen, durch Waldbrände, eine Verwüstung ganzer Gegenden 142nachweisen. Dass aber die Hesperiden-Gärten in nächster Umgebung von Berenice gewesen sein müssen, dafür ist namentlich der Ausspruch Plinius entscheidend[18]: „Nicht weit von der Stadt (Berenice) ist der Fluss Lethon und der heilige Hain, wo die Garten der Hesperiden liegen sollen.“ Ferner sagt Ptolemäus: die Barciten hätten östlich von den Gärten der Hesperiden gewohnt. Kurz alle andern alten Schriftsteller, welche die Sache behandeln, verlegen die Gärten in die Nähe der Stadt. Barth, kurz darüber hinweggehend, sagt nur, dass bei Bengasi nach dem gemeinsamen Zeugnisse der Alten sich die Hesperiden-Gärten befunden, aber er glaubt auch, dass die Ansicht Beecheys, der aus der Beschreibung von Scylax, jene Felseinsenkungen bei Bengasi, als die Hesperiden-Gärten ansehen will, eine irrige sei.

Beechey (den Mitgliedern seiner Expedition) gebührt aber unstreitig das Verdienst, zuerst die Spuren des Lethe wieder gefunden zu haben. Wie die Gärten der Hesperiden für verschiedene Oertlichkeiten reclamirt wurden, so beanspruchten auch noch andere Gegenden den Ruhm, diesen Strom der Vergessenheit bei sich zu haben, man fand ihn in Thessalien, und auch die Lydier nahmen ihn für ihre Heimath in Anspruch. Die gewichtigsten Autoren der Alten verlegten ihn nach Cyrenaica. Und noch heute können wir im Laufe eines Uadi (zuerst 143von Beechey wieder entdeckt) im Osten der Stadt den Fluss so erkennen, wie ihn die Alten beschrieben haben. Dies Uadi, aus einer weiten Höhlung hervortretend, in der am Anfange das Wasser nur flach ist, im Innern jedoch breit und tief sein soll, zieht sich von Osten nach Westen hin, wird aber auf 1 K.-M. Entfernung vom Salzsee, dem alten Tritonis, durch eine Felsbarrière abgeschlossen. In derselben Richtung weiter gehend nach dem See zu, stösst man dann gleich auf eine Quelle von Süsswasser, welche einen kleinen immer fliessenden Faden von Wasser in den See giebt. Nach der Regenzeit soll, wie die Eingebornen sagen, das Wasser weiter aufwärts der Quelle aus dem Boden kommen, was allerdings darauf schliessen lässt, dass die Quelle mit dem aus der Höhlung kommenden Wasser, trotz der Barrière, unterirdisch communicirt, und darauf hin bei den Alten die Vermuthung oder den Glauben nahe legten, von dem Verschwinden und Wiedererscheinen des Lethon.

Wir finden also auch hier den Lethe noch so, wie ihn die alten Geographen beschrieben haben, nur vielleicht, weil die ganze Gegend trockener geworden zu sein scheint, nicht so bedeutend. Strabo lässt den Lethon in den Hafen der Hesperiden fliessen, Plinius verlegt ihn in die Nachbarschaft von Berenice, Scylax erwähnt eines Flusses unter dem Namen Eoceus[19] bei Berenice, Lucan verlegt ihn in die Nähe der Hesperiden-Gärten 144und des See's Tritonis, obgleich er diesen einen Platz an der kleinen Syrte anweist, Ptolemäus endlich giebt den Lethefluss als zwischen Berenice und Arsinoe fliessend an.

In der Topographie von Bengasi haben wir also weit mehr Anhaltspunkte für die alte Stätte von Berenice und den damit verbundenen Oertlichkeiten, als in noch etwa vorhandenen baulichen Ueberresten. Es ist dies in der That auf den ersten Blick überraschend genug, dass von einer so blühenden Stadt wie Berenice, so wenig Steine und Denkmäler übrig geblieben sind. Es erklärt sich dies aber wiederum aus der grossen Anzahl von Juden, welche unter Ptolemäus Soter nach Berenice geführt, wohl keine so festen und dauerhaften Bauten aufführten wie die Griechen. Und obgleich den Juden unter römischer Herrschaft manchmal ihre Privilegien entrissen wurden, entwickelten sie sich derart, dass sie in dieser Stadt den eigentlichen Kern der Bevölkerung bildeten, Cäsar, später Antonius, protegirten sie sehr, erlaubten ihnen vollkommene Freiheit für ihren Cultus, und ihre Genossenschaft wurde von einem eigenen Archonten regiert. Bald wurden sie so stark, dass sie unter Trajan und Hadrian in ihrem Fanatismus die Griechen niedermetzelten, so dass man gezwungen war, neue Colonien nach Cyrenaica abzusenden, um das Land wieder zu bevölkern. Bei der grossen Zerstörung, die dann später über ganz Cyrenaica einbrach, gingen auch 145die Juden von Berenice mit zu Grunde. Ob die Bewohner der heutigen blühenden Judencolonie directe Abkömmlinge der hier im Alterthume so zahlreich vertretenen Juden sind, ist schwer zu entscheiden, aber nicht wahrscheinlich.


Teucheira, Ptolemais und Reise nach Cyrene.

Alles war geordnet und marschfertig am 4. März, nur Mohammed Aduli, der als Führer und Sicherheitsmann uns begleiten sollte, machte Einwendungen so rasch aufzubrechen, zuerst schlechtes Wetter vorschützend, dann, indem er noch allerlei an der Ausrüstung auszusetzen hatte, namentlich aber darauf bestand, es müssten Maulkörbe für die Kameele gekauft werden, wegen der Drias-Pflanze. Als aber auch diese rasch herbeigeschafft waren, überdies alle meinten, dass wir in dieser Jahreszeit von der Drias für unsere Kameele nichts würden zu fürchten haben, konnte er keine Gründe zum Verzögern mehr vorbringen, und es stellte sich nun heraus, dass er hauptsächlich deshalb noch gerne einige Tage in Bengasi geblieben wäre, weil er selbst seine Einkäufe noch nicht beendigt hatte.

Um 1 Uhr Nachmittags war alles gepackt, und meine Leute trieben die Kameele vor sich her, zu denen 146noch mehrere schwerbeladene des Aduli gestossen waren, welche auf diese Weise auch frei von Abgaben die Stadt verlassen konnten. Ich selbst ritt mit dem englischen und französischen Consul, welche mich bis Tokra begleiten wollten, hinterdrein, und uns die ersten 3 Stunden nordöstl. haltend, zwischen den Seen und Palmgärten, waren wir bald in der grossen Ebene, welche zwischen Hochland und dem Meere liegt, und die hier äusserst fruchtbar und breit ist. Sobald wir die Seen vorbei hatten, hielten wir 80° Richtung, und stiessen nun häufig auf jene Felseinsenkungen, welche von einigen auch als hesperidische Gärten beschrieben und gehalten worden sind. Es war in der That ein eigenthümlicher Anblick, in einer vollkommenen freilich gut bewachsenen Ebene mit einem Male vor einem solchen mit steilen Rändern eingefassten Kessel zu stehen, dessen Grund die üppigsten Bäume und Küchengewächse enthielt, und die meist so tief waren, dass die Kronen der Bäume nicht über dem Rande hervorstanden. Dann ging unsere Richtung wieder N.-O., die Gegend wurde, je weiter wir zogen, desto üppiger, und gegen Abend waren wir schon so in Buschwerk, meist Lentisken, Myrthen und eine weissdornähnliche Staude, dass man jede Fernsicht verlor. Um 7 Uhr Abends hielten wir vor einem Fereg der Braghta, welches Schützlinge und Freunde vom französischen Konsulate zu sein schienen, denn wir wurden ganz ausgezeichnet aufgenommen.

147Der Regen war immer in Strömen vom Himmel gekommen, und es kam uns daher recht gut zu Statten, dass man uns in ein grosses durchwärmtes Zelt führte, wo man weiche Teppiche ausgebreitet hatte, und auch unsere Diener alle, wir mochten in allem dreissig Personen sein, ein gutes Unterkommen fanden. Dass Schaffleisch, Basina, Kuskussu und grosse Milchschüsseln nicht fehlten, braucht wohl kaum gesagt zu werden; aber ebenso waren die Teppiche und das Zelt voll jener hüpfenden und kriechenden Thierchen, so dass an Schlaf nicht viel zu denken war. Der Fereg, wo wir lagerten, hiess Thuil, nach einem Castell, Kasr Thuil, in der Nähe so genannt. Beechey und Barth erkennen in diesem Kasr Thuil das von Edrisi beschriebene Fort Kafes wieder.

Am anderen Morgen hatten wir gleich schlechtes Wetter, und die Gegend behielt so ziemlich denselben Charakter, nur dass die Vegetation üppiger, der Boden, je weiter wir nach Nordosten vordrangen, fetter wurde. Die Berge näherten sich uns so, dass die Ebene zwischen ihnen und der See immer schmäler wurde. Wir behielten die See fast immer in Sicht. Der Boden selbst besteht überall aus rothem Thon, weshalb die Araber auch Barca el hamra sagen. Viel Felsblöcke und Steingeröll liegt manchmal auf diesem fruchtbaren Boden, obgleich die Pflanzen üppig dazwischen emporschiessen. Das Gebirge, dessen steile Abhänge gut bewachsen sind, hat 148überall eine gleichförmige Höhe, und besteht nicht aus Bergen, sondern bildet ein Ufer. Die Araber nennen den ganzen Zug Erköb, d.h. der Aufgang. Die Ruinen von Thürmen, Castellen und einzelnen Wohnungen wurden immer häufiger. So passirten wir gleich nach der ersten Stunde eine Ruine Gasr Haddib, die etwas östlich vom Wege liegen blieb, und nach zwei anderen Stunden passirten wir ein weitläufiges Ruinenfeld, von den Eingeborenen Um es Schip genannt. Die Ausdehnung der Bauten, die vielen Häuserruinen lassen schon gleich den Gedanken aufkommen, dass hier eine Stadt gewesen sein müsse, und mit den Distanzen übereinstimmend (die Peutingersche Tafel hat bis Adrianopel von Berenice 28, und von Adrianopel bis Tauchira 25 M.), müssen wir hier die vom Kaiser Hadrian erbaute und nach ihm benannte Stadt Adrianopolis legen. In Folge der Judenkriege gegründet, um die heruntergekommene Cyrenaica wieder zu bevölkern, scheint der Ort zu Edrisi's Zeit Soluk geheissen zu haben, welchen Namen Barth in Tanseruch oder Tansluluk wiedererkennen will. Ich konnte diese Namen nicht erfragen, und Beechey, welcher auch hieher Adrianopolis legt, führt nur an, dass die in der Nähe befindlichen Seen Zeiana oder Aziana heissen, und will damit den Namen der Stadt in Verbindung bringen. Hammilton nennt ebenfalls den See Ez zajana, und schliesst auf Adrianopolis. Auch Pacho verlegt die Stadt Adrianopolis hieher. Ausgezeichnete 149Gebäude sind keine mehr vorhanden, wenn man nicht eines Castells, aus schönen Quadern erbaut, erwähnen will, und das jedenfalls zum Schutze der Stadt mitangelegt worden war.