Nach zwei anderen Stunden erreichten wir die Landschaft Bir Shus, wo unter alten Ruinen bedeutende Araberansiedelungen und Gärten, die ersten Nicht-Nomaden seit Bengasi sich befinden. Etwas südwestlich von hier sind Ruinen, die Beechey Mabli oder Nabli nennen hörte und glaubt dieselben auf Neapolis zurückführen zu müssen, Barth hörte sie Mebrig nennen.
Eine halbe Stunde später waren wir am ersten jetzt freilich trockenen Flussbett, uadi Bu Djarar, welches von der östlichen Bergwand herunterkömmt, und hatten nunmehr die zahlreichen Fereg der uled Auergehr erreicht. Erst als es schon ganz dunkel war, um 7½ Uhr Abends, waren wir zwischen den Ruinen von Teucheira. Aber welche Noth, um ein Unterkommen zu finden, rechts und links Gräber, Steinbrüche, überall Ruinen, dazu stockfinstere Nacht, mussten wir froh sein, an einer steilen Wand etwas Schutz zu finden, wo wir unsere Zelte aufschlagen konnten. Und bei immer vom Himmel giessenden Regen ging das natürlich nur sehr mangelhaft, und mehrere Male mussten wir alle Nachts wieder auf, um die umgesunkenen Zelte frisch aufzuschlagen. Da mein Zelt nur für eine Person eingerichtet war, so liess ich darin den Photograph und meinen 150deutschen Diener campiren und Mr. Chapman, Mr. Robert und ich legten uns in das etwas grössere der Diener. Aber welch angenehme Nacht verbrachten sie, welche auf eine Vergnügungstour bis Tokra gehofft hatten. Zum Glück hatten wir kalte Küche, Wein und Schnaps, mit denen die freundlichen Mönche in Bengasi mich beim Abschiede beschenkt hatten; Feuer anmachen war aber ganz unmöglich. Aber mit der Nacht hatte das Wetter ausgetobt; als am anderen Morgen uns die Sonne Licht brachte, fanden wir, dass wir in einem grossen Steinbruche seien, dessen steile Wände überall Gräber und Höhlen enthielten; zu demselben führte nur Ein Eingang, die Stadt selbst aber hatten wir im Dunkeln schon passirt.
Tokra, wie die heutigen Bewohner es nennen, was offenbar von Tauchira herkommt, ist heute fast ganz unbewohnt. Der Name Taucheira wurde von den Schriftstellern, die später als Ptolemaeus und Scylax darüber berichteten in Teucheira umgewandelt. Unter Ptolemaeus Philadelphus erhielt die Stadt den Namen Arsinoë, und unter Marcus Antonius endlich wurde sie Cleopatris genannt. Gegründet zur Zeit des Königs Arkesilaos von Cyrene, und im Anfange abhängig von dieser Stadt, wurde Teucheira bald darauf Barke unterthan. Wir wissen jedoch wenig von der Geschichte dieser Stadt; Herodot sagt, sie habe gleiche Gesetze mit der Stadt Cyrene gehabt; man rechnete sie zu den fünf Hauptstädten 151des Landes Pentapolitanien, und von den Römern wurde sie zur Colonie erhoben. Procop theilt uns mit, dass sie von Justinian ebenfalls aufs Neue mit Mauern umgeben wurde, und Edrisi beschreibt sie uns als eine mit Berbern bevölkerte Stadt. Jetzt ist die Stadt gänzlich verödet, Araber, vom Stamme der Braghta haben jedoch ihre Ackergründe in der Stadt und Umgegend, und halten sich bis zur Ernte hier auf, später ziehen sie dann mit ihren Heerden auf die Hochebene. Auch eine Sauya der Snussi befindet sich hier, in allerneuester Zeit angelegt.
Was an Bauwerken von der Stadt noch über ist, ist unbedeutend. Am besten erhalten ist die Mauer, aus grossen Quadern an der Basis errichtet; oben aber aus den verschiedensten Steinen erbaut. Und diese spätere Wiederaufrichtung rührt offenbar von Justinian her, da man alles Mögliche dazu benutzte, was an Baumaterial zur Hand war, und so auch viele, mit jedoch unbedeutenden Inschriften versehene Steine eingemauert hat. Fast wie ein Viereck auf das Meeresufer erbaut, sind die Mauern der drei Seiten fast gleich lang, aber keineswegs gerade, sondern winklich und mit 26 viereckigen Thürmen versehen. Oft 15–18' hoch und 6' breit, ist die Mauer oft nur 3' hoch, ja an manchen Stellen bezeichnet nur hoher Schutt und umherliegende Steine die frühere Richtung. Beechey, der die Mauerlänge[20] 152genau gemessen, giebt dieselbe zu 8600' an. Zwei Hauptthore, an der westlichen und östlichen Seite, von Thürmen flankirt, und durch eine schnurgerade Strasse verbunden, führen in die Stadt. Nach der Seeseite hin scheint keine Mauer gewesen zu sein, auch ist nichts von einem Hafen zu bemerken, wenn nicht vielleicht ein grosser Steinbruch in der nordwestlichen Ecke der Stadt, der bis aufs Niveau des Meeres ausgegraben war, Schiffen einen Schutz gegen Stürme bot. Dass dieser Steinbruch heute versandet, also höher als das Meer ist, muss uns nicht wundern, trotzdem auch hier das Gesetz der Senkung der Küste sich beobachtet. Der Hafen von Leptis magna ist heute auch ganz versandet, communicirte aber sonst gewiss mit dem Meere, und bei Leptis sinkt das Ufer auch.
Im Innern der Stadt lassen sich die meisten geraden, jedoch nicht breiten Strassen deutlich erkennen, an Gebäuden treten nur zwei noch in die Augen, von denen das eine, ziemlich in der Mitte gelegen, zahlreiche Quadern hat, welche mit einem Lorbeerkranze umgebene Inschriften haben. Alles ist indess so durcheinander geworfen und verschüttet, dass ich kaum zu sagen wage, wozu dies Gebäude bestimmt gewesen sei. Ein anderes, ebenfalls viereckiges Gebäude, weiter nach Westen zu gelegen, scheint eine Kirche gewesen zu sein; viele Friese, mit Weinreben und Trauben geschmückt, liessen Pacho 153es für einen dem Bachus geheiligten Tempel halten. Spuren von Theater, Bädern, Stadien lassen sich nicht erkennen, es ist aber mehr als wahrscheinlich, dass eine Stadt wie Teucheira nichts der Art entbehrte, sondern, dass Alles nur unter dem oft sehr hohen Schutte verborgen ist.
Die Necropolis ist bedeutend, und lässt sich daraus schon schliessen, wie bevölkert einst Teucheira gewesen sein muss. Indess finden wir hier nichts Besonderes; man hat vielmehr die Steinbrüche zu Todtenkammern benutzt, derart, dass wenn ein solcher Steinbruch ausgebeutet erachtet wurde, man in die steilen Wände Todtenkammern anlegte. Das aus den Todtenkammern herausgeholte Material wurde natürlich auch noch zum Bauen benutzt. Alle Wände sind mit Inschriften wie bedeckt, welche aber gar kein geschichtliches Interesse haben, sondern nur Grablegenden sind, und alle in griechischer, aus ptolemäischer Zeit stammender Sprache abgefasst sind. Im Osten der Stadt sind zwischen den Steinbrüchen auch andere Gräber, und in diesem Gebiete hat der Engländer Denys lohnende Nachgrabungen gemacht. Die anderen Gräber, welche theils eingerichtet sind, um Leichname aufzunehmen, theils Aschenurnen enthielten, sind natürlich alle leer.
Der Regen hörte nicht auf wolkenbruchartig zu fallen; trotzdem gingen am folgenden Mittag der französische und englische Consul mit ihren Leuten zurück und wir blieben allein. Die Braghta waren übrigens 154recht gefällig und gutmüthig, sie brachten uns, natürlich zum Verkauf, Schafe, Ziegen, Butter und Milch in so grosser Menge, dass letztere selbst von unseren einheimischen Dienern nicht bewältigt werden konnte. Die Braghta bewohnen, wenn sie unten sind, die Gräber, sind aber so voll Ungeziefer, dass es unmöglich ist, in ein Grab einzudringen. Der unglückliche Berliner Photograph, der diesen Umstand nicht kannte, und in eins der Gräber gegangen war, kam schwarz bedeckt und schreiend herausgestürzt, und lief wie wüthend zwischen hohe Gras- und Buschfelder, um die kleinen schwarzen Peiniger abzustreifen, obschon er damit nur den kleinsten Theil los wurde.—Immer hoffend, dass das Wetter besser werden würde, um einige Photographien zu machen, blieben wir, es gelang auch, in einigen trocknen Momenten einige Ansichten aufzunehmen, später erwiesen sie sich aber als nicht gelungen.
Aduli's Stute hatte Nachts geworfen, und ich hatte mich schon darauf gefasst gemacht, eine neue Scene mit ihm zu haben, da ich dachte, dies würde ein guter Vorwand für ihn sein, um noch einen Tag länger zu bleiben, als ich sah, dass er ganz gelassen das junge Füllen aufs Kameel band; und als 9½ Uhr das Wetter etwas lichter wurde, verliessen wir unseren Steinbruch. Die Berge, schön bewaldet und immer mannichfaltiger in ihren Formen, blieben ungefähr in gleicher Entfernung, d.h. circa 1 Stunde vom Meere, allmählich sich so demselben 155nähernd, dass sie dicht hinter Tolmetta direct ans Wasser stossen. Die Gegend ist entzückend, reich an Vegetation, und voll von niedrigen Wildthieren, auch der Mensch fehlt nicht, wie die oft aus dem dicken Buschwerk auftauchenden Fereg der Araber beweisen.
Immer Nordost haltend, liessen wir nach der ersten Stunde den kleinen Ndjila-See mit Süsswasser rechts liegen, hier hausen die uled Duerdja, und bald darauf passirten wir einen ihrer grossen Fereg, Um el Hadjel oder Rebhuhnheim genannt. Um 12 Uhr erreichten wir den antiken Brunnen Erdana, und waren bald darauf im Landstrich, Schübka genannt, von dem Vorhergehenden in Nichts unterschieden, nur zahlreicher mit Ruinen von Thürmen und einzelnen Gebäuden bedeckt. Um 1½ Uhr passirten wir den kleinen Ued Asra, und eine halbe Stunde später ein anderes Uadi, das mir meine Begleiter jedoch nicht zu nennen wussten, uns aber auf die neuen Arabergräber Sidi Chaluf führte, wo wir um 2½ Uhr in einem Steinbruche, wo auch einige Grabnischen waren, unsere Zelte aufschlugen. Auch hier waren die Araber vom Stamme der Auergehr sehr freundlich, und wir konnten für Geld alles von ihnen bekommen. Leider hatten die Engländer die Preise überall so verdorben, dass man Schafe oder Ziegen nicht billiger als bei uns haben konnte. Nachts hatten wir blinden Lärm, einer meiner Leute, welcher Wache hielt, hatte eine Hyäne zu sehen geglaubt, und gefeuert; es stellte sich aber heraus, dass 156es das Füllen von Adulis Stute gewesen war; glücklicherweise hatte er vorbeigeschossen. Dies hatte aber zur Folge, dass die uns zunächst campirenden Auergehr herbeikamen, indem sie glaubten, wir seien von Räubern angegriffen worden. Die Auergehr sind sehr zahlreich, stehen aber in einem abhängigen Verhältniss zu den uled Agail, welche bei Tolmetta herum hausen. Diese Art Abhängigkeit, die man bei allen Arabern, ob sie in Marokko oder in Arabien selbst sind, findet, ist mehr ein freiwilliges Verhältniss, basirt auf geistige Oberherrschaft und Ueberlegenheit. So auch hier, die uled Agail sind Marabutin, die Auergehr einfache Araber. Auch bei den Berbern finden wir derartige Verhältnisse.
Die Gegend wurde von nun an noch üppiger, fetter rother Thon erlaubte die herrlichsten Culturen, aber je mehr wir uns Tolmetta näherten, desto enger wurde die Ebene, desto höher aber auch die Berge. Zahlreiche Rinnsale, welche aus den Schluchten des Gebirges kommen, erhöhen den Reiz der Landschaft, so dass man kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Ruinen aller Art sind am Wege, Castelle, Spuren von einzelnen Häusern und kleineren Oertern. Dabei sieht man längs den Bergen die Fereg der Auergehr, die Derssa und der Orrfa, und in der Nähe von Tolmetta, die der Agail. Die Vegetation besteht wie immer meist aus Lentisken, doch kommen hie und da auch Johannisbrod- und Lorbeerbäume vor.