157Nachdem wir den Brunnen Bu Shiaf, ein Uadi gleichen Namens, dann die Ebene Bu Traba, durch ein Rinnsal von der Ebene Chat getrennt passirt hatten, waren wir vor Tolmetta, nachdem wir vorher noch den ued Bu Mscheif übergangen hatten, welcher sogar etwas Wasser hielt. Ptolemais lag endlich vor uns, eingeschlossen, wie es ist, im S.-W. vom uadi Chambs, im N.-O. vom uadi Shoana, im N.-W. vom Meere, und im S.-O. vom Maigel-Gebirge. Schon lange vorher hatte die bedeutende Stadt sich angekündigt, durch die grossen Steinbrüche, aus denen noch die tiefen Räderspuren der mit Quadern schwerbeladenen Wagen nach der Stadt führen, und deren Wände wie in den Steinbrüchen von Tokra zu Grabnischen verarbeitet, und mit Inschriften bedeckt sind.

Bald darauf zogen wir durch das hohe Westthor von Ptolemais ein, und wollten bei den Ruinen einer christlichen Kirche unsere Zelte aufschlagen, als mehrere Beduinen auf uns losstürzten und sagten, dies sei ihr Terrain, und sie würden nicht leiden, dass wir dort campirten. Da ihr Grund ein triftiger war, nämlich zwischen den Ruinen und in der Nähe überall halbreife Saatfelder standen: so zogen wir weiter nach der See zu, und nahmen für den ersten Tag Quartier in einem Steinbruche, in dem sich früher das Amphitheater befunden hatte. Die Spuren davon liessen sich noch sehr deutlich erkennen, obschon es keineswegs gross gewesen 158sein kann. Fast ganz in den Fels selbst hineingehauen, waren nur an wenigen Stellen Mauerwerke angebracht, und diese meistens abgefallen. Aber auch von hier wurden wir vertrieben, und zwar aus demselben Grunde, weil überall Kornfelder in der Nähe waren, von denen die Eigenthümer fürchteten, sie möchten von unserem Vieh beschädigt werden. Gern hätte nun der Aduli ganz die Stadt verlassen, um an den Bergen zu lagern, wo allerdings ausgezeichnetes Gras für die Thiere gewesen wäre; ich wollte aber auf alle Fälle in der Stadt selbst bleiben, und zog deshalb nach dem Hafen hinab, wo dicht am Strande und bei den Ruinen eines alten Forts unser Lager eingerichtet wurde.

Ptolemais, das namenlose, erhielt seinen Namen wahrscheinlich vom Philadelphus, nach Anderen von Euergetes. Bis zu der Zeit aber hatte es nur den Titel: Hafen von Barce, wie denn auch Scylax des Ortes nur erwähnt als „Hafen bei Barce“. Als diese Stadt in Verfall, und in die Hände der Libyer kam, zogen sich die Bewohner nach Ptolemais, und bald erwuchs dann dieser Ort zu einem der blühendsten in Cyrenaica empor. Mit einem für die damaligen Bedürfnisse ausgezeichneten Hafen versehen, welcher durch die Insel Ilos, dieselbe, welche Ptolemaeus Myrmen nennt, noch besonderen Schutz erhielt, sank Ptolemais erst mit dem allgemeinen Verfall des römischen Reiches, und Hauptursache ihres Unterganges war Wassermangel, da die Gelder zur Unterhaltung 159der Cisternen und Wasserleitungen fehlten. Wie überall, suchte auch Justinian hier noch ein Mal aufzuhelfen, indem er die Wasserleitungen wieder herstellen liess; Ptolemais erlag dem Andrange der Barbaren so gut, wie die anderen Städte. Indess scheint selbst nach der Invasion der Mohammedaner die Stadt nicht ganz ihre Bedeutung verloren zu haben; nach Edrisi war Tolmetta noch ein sehr fester, mit Steinmauern umgebener Platz, wohl geschützt, und stark von Schiffen besucht. Edrisi berichtet über die Export- und Import-Artikel, und sagt, der Hauptverkehr fände mit Alexandria statt. Auch zu Abu el Fedas Zeit war Tolmetta noch stark bevölkert und besonders von Juden.

Zu unserer Zeit ist Ptolemais oder Tolmetta, wie die heutigen Herren des Bodens, die uled Agail sagen, ganz unbewohnt; nur zur Zeit des Korns haben diese Marabutin ihre Zelte theils zwischen den Ruinen, theils in den Steinbrüchen, und an den Abhängen der Berge. Obgleich ganz frei, und gewiss sehr kriegerisch, scheinen sie doch sehr gutmüthig zu sein, sie halfen uns beim Photographiren, brachten uns Lebensmittel, und obschon sie zahlreich den ganzen Tag um unsere Zelte herumhockten, betrugen sie sich doch anständig. Unwissend schienen sie übrigens im höchsten Grade zu sein; ausser Arabern kannten sie nur Türken, Franzosen und Engländer, und letztere beiden seien dem Sultan tributpflichtig. Die christlichen Consuln in den Städten seien 160auch Beamte des Sultans, und blos dazu da, um zu überwachen, dass die Pascha und Bei nicht zu viel Geld unterschlügen. Im Uebrigen schienen sie ohne Fanatismus zu sein, selbst eine Sauya der Snussi hatte sich in Tolmetta noch nicht ein Mal etabliren können, hauptsächlich wohl, weil die Agail, als Marabutin, sich für besser hielten, als Snussi, der blosser Schriftgelehrter gewesen war. Keiner erschien indess, der nicht immer mit Flinte und Säbel bewaffnet gewesen wäre, ihre Frauen waren, wie immer auf dem Lande, unverschleiert und hatten vollkommene Freiheit mit uns zu handeln.

Unser zweites Lager war ausgezeichnet hübsch placirt; gerade der Insel Ilos gegenüber, auf der noch jetzt Spuren von Mauerwerk zu erkennen sind, hatten wir hinter uns die ganze Stadt, wie sie sich vom Meere aus allmählich an die Bergabhänge hinaufzog.

Die bedeutendsten Ruinen vom alten Ptolemais, soweit sie offen zu Tage liegen, sind, ausser dem schon erwähnten Amphitheater, eine Kirche aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert, vom Westthore aus kommend nach links zu gelegen. Verfolgt man dann die Strasse, die noch heute quer durch die Stadt führt, so stösst man, ungefähr in der Mitte der Stadt, auf eine grosse Cisterne, noch vollkommen gut erhalten. Dieselbe hat 9 Gewölbe, welche von oben Licht und Luft bekommen. Umgeben war diese Cisterne von einer Reihe ionischer Säulen, die auf einem 4' hohen Unterbau ruhten, nur 161drei von diesen Säulen sind noch erhalten. Dicht dabei südlich, sieht man die Umrisse eines kleinen Theaters. Etwas weiter nach Osten zu, sieht man viele Säulen mit korinthischen Capitälern auf dem Boden liegen, und Barth vermuthet, dass hier die Königshalle, στοὰ βασίλειος, gewesen sei, welche Synesius als Gerichtshalle erwähnt. Ein aus der Cisterne nach Norden führender Aquaeduct leitet zu einem grossen Bade, von dem zwei Gewölbe noch vollkommen gut erhalten sind. Ein anderes kleineres Theater liegt auf dem Wege zwischen Cisterne und Bad; ist aber ebenso verfallen wie die übrigen, so dass blos aus den halbmondförmigen Umrissen die einstige Bestimmung zu erkennen ist. Am bemerkenswerthesten ist weiter nach Osten zu ein grosses massives Gebäude, was jedenfalls wohl zur Zeit der Römerherrschaft als Caserne diente. Die Inschriften, welche sich früher an der Nordwand dieses Gebäudes befanden, und die nach Frankreich gebracht, von Latonne ergänzt worden sind, enthielten Vorschriften von Anastasius I., die Verwaltung und militairische Einrichtung betreffend. Wie gut einst die Stadt mit Wasser versehen war, beweisen die anderen Cisternen, welche noch in Ptolemais zu finden sind. Eine davon, sehr bedeutend und zu unserer Zeit noch mit Wasser gefüllt, befindet sich im nordwestlichen Stadttheil. Ueberhaupt bestätigen die zahlreichen Säulen, die man überall herumliegen sieht, sowie die vielen Grundmauern aus Quadersteinen, 162dass das Urtheil der Alten, welche die Stadt als gross und ausgezeichnet schildern, keineswegs übertrieben ist. Der Hafen wird durch eine Felsspitze gebildet, die vom westlichen Ende der Stadt ins Meer geht, die Insel Ilos giebt Schutz nach Norden. Vielleicht war auch an der Westseite der Spitze ein Ankerplatz, denn circa 3000' westlich von dieser läuft noch eine andere Felsspitze ins Meer, und zwischen beiden scheint ein Quai gewesen zu sein, freilich ausserhalb der Stadt.

Nach Osten zu, durch den Suana-Fluss begrenzt, von dem die Stadt ausserdem durch eine Mauer getrennt war, finden wir hier noch die Reste einer Quaderbrücke. Zwar ist dieselbe für Fussgänger noch zu passiren; aber doch so zerfallen, dass Fuhrwerke sie nicht mehr benutzen können. Aber das Suana-Thal ist eines der lieblichsten, weshalb ich denn auch eine Photographie davon aufnahm. Neugierige Araber standen staunend um die Maschine, von der sie alle Augenblicke erwarteten, dass irgend eine Explosion daraus hervorgehen müsse, aber auch diese, obschon sie sehr misstrauisch schienen, störten keineswegs unsere Arbeiten. Es scheint, dass sowohl die Regenwasser des ued Suana, als die des uadi Chambs hauptsächlich dazu dienten, die Cisternen zu speisen, ausserdem finden sich Reservoirs am Abhange des Maigel-Berges, welche zu gleichem Zwecke die Wasser auffangen mussten, um sie den grossen Cisternen in der Stadt zuzuführen.

163Das Gebirge tritt hier nun dicht an die Stadt, und hat, obschon von Schluchten durchbrochen, fast überall gleiche Höhe; um dieselbe zu messen, bestieg ich den südwestlich vom Maigel-Berg belegenen Chambs-Berg, welcher mir der höchste von allen schien. Dicht mit Juniperen und Lentisken bewachsen, fast undurchdringlich wegen des vielen dornigen Untergestrüpps, war der Aufgang sehr beschwerlich. Das Gestein des Berges besteht durchweg, wie in ganz Cyrenaica aus Kalk, während am Meeresstrande die Hügel, welche zum Theil auch als Grabkammern oder Steinbrüche benutzt sind, grobkörniger Sandstein ist. Aus diesem Grunde findet man in Teucheira und Ptolemais auch so viele Bauten aus Sandstein. Die Höhe des Berges fand ich zu 320 Meter, alle anderen nächsten waren etwas niedriger.

Die Gräber von Ptolemais erstrecken sich westlich und östlich von der Stadt, und hat man auch hier hauptsächlich die steilen Wände der Steinbrüche benutzt, um in diesen Grabkammern und Grabnischen anzubringen. Wie in Teucheira, sind sie ohne Kunst gearbeitet; man findet aber auch hier zahlreiche jedoch nichtssagende Inschriften. In einem Steinbruche, gleich westlich von der Stadt, findet man indess drei durch Kunst ausgezeichnet gearbeitete Gräber; man hat nämlich in der Mitte drei Felsblöcke stehen gelassen und diese zu Einem grossen Grabe mit verschiedenen Kammern verarbeitet. In Teucheira findet man auch solch einen Grab-Felsblock, 164und lebhaft erinnerten mich diese isolirten verarbeiteten Steinblöcke an die eigenthümlichen Kirchen von Lalibala in Abessinien, welche einer ähnlichen Arbeit ihren Ursprung verdanken. Der mittelste dieser Felsblöcke nun ist ausserdem von einem monumentalen Bau in römisch dorischem Stile erbaut, und viereckig von Gestalt, hat derselbe im Innern drei Abtheilungen, von denen die seitlichen bis obenhin zu Grabkammern dienten, während die mittlere zugleich als Eingang benutzt wurde; im Sous-Terrain aber auch Leichen aufnehmen konnte. Eine kleine Inschrift, die Barth an der Nordseite gesehen haben will, konnte ich nicht mehr entdecken. Das ganze Grab ist überhaupt in sehr zerfallenem Zustande, und rundherum mit mächtigen herabgestürzten und herabgefallenen Quadern umgeben. Einige Reisende, unter anderen della Cella, haben dies Grabmal einem Ptolemäer zuschreiben wollen, ohne indess Gründe für diese Behauptung bringen zu können.

Das immer schlechter werdende Wetter hatte uns wieder vom Hafen vertrieben, da kein Zelt dem Sturmregen Widerstand zu leisten vermochte, und wir hatten uns in den eben beschriebenen Steinbruch mit den drei Gräbern geflüchtet. Einen dieser Grabblöcke fanden wir, da er wahrscheinlich lange nicht als Wohnung war benutzt worden, ohne Ungeziefer, und flüchteten uns hinein. Die Eingebornen hatten ebenfalls mit ihren flachen Zelten sich in die Steinbrüche geflüchtet, so dass hier 165nun auf einmal trotz des noch immer anhaltenden Regens ein reges Leben und Treiben herrschte. Nachts indess tobte der Sturm mit solcher Wuth, dass selbst unser Felsgrab erschüttert schien; endlich aber brach ein besserer Morgen an. Wir machten nun sogleich Anstalt zum Aufbruch, aber ehe Aduli, der überall mit den Eingebornen handelte, fertig wurde, verging geraume Zeit. In der That schien Aduli nur eine Handelsreise zu machen, hier verkaufte er Schuhe, dort Cattunstoffe, hier Gewürze, dort Zucker, welches er alles zollfrei aus der Stadt herausgebracht hatte, und dafür tauschte er Honig, Butter, Felle und Korn ein, und hoffte dies auf gleiche Weise ohne Abgaben in die Stadt zurückzubringen. Dazu hatte er immer eine ganze Schaar von Leuten, welche, wie er, auf meine Kosten lebte, und da, mit Ausnahme meines deutschen Dieners und eines von Tripolis mitgebrachten Negers, Namens Bu-Bekr, alle meine anderen Diener unnütze Subjecte waren, konnte ich nichts machen.