Endlich hatte der Aduli seinen Markt geschlossen, und um 9 Uhr Morgens verliessen wir unsere Grabwohnung, und schlugen denselben Weg ein, den früher Barth genommen hatte, um aufs Hochland zu kommen. Im Anfange südöstlich haltend, um ans Schaba-Thal zu kommen, mittelst welches wir den Aufsteig machen wollten, waren wir bald darin engagirt. Das Schaba-Thal ist sehr eng, vielfach gewunden und nur circa eine Kameelstunde lang; jedoch kann es ohne grosse Schwierigkeit 166zu jeder Jahreszeit benutzt werden, was nach Regengüssen, wo der rothe Thon schlüpfrig und glatt wird, für Karawanen von besonderer Wichtigkeit ist. Die Bergwände, obschon steil, sind ausgezeichnet bewachsen, verwilderte Olivenbäume, Karuben und Lentisken bilden hier den hauptsächlichsten Baumwuchs. Das Thal ist jedoch so eng, dass es keine Siedelung erlaubt; selbst Hirten scheinen sich nicht darin aufzuhalten. Oben angekommen, hat man die erste Stufe erreicht, circa 300 Meter hoch. Diese Ebene ist nur circa 1½ Stunden breit, hat auch herrlichen rothen Thonboden, ist aber ebenso vernachlässigt, wie das ganze andere Land. Wir hielten durch die erste Stufe Ost-Richtung, ebenso durch die zweite, welche eine Höhe von 340 Meter hat und durchschnittlich vier Stunden breit ist. Diese Terrassen streichen hier von N.-O. nach S.-W. Die zweite wird im Osten von einem Gebirgszuge abgegrenzt, der gleichfalls von N.-O. nach S.-W. streicht, und dessen höchste Punkte im Norden im Dj. Dendach, und südwestlich von ihm dem Dj. Saffuat el Merdj sich uns präsentiren. Am Fusse des letzteren liegt ein grosser See, circa 2½ Stunde lang und 1 Stunde breit mit Süsswasser, Moaudj genannt. Kleinere Tümpel und Seen findet man auf dieser ganzen Stufe, welche keinen Abfluss zu haben scheinen. Das Erdreich ist auch hier fetter rother Thonboden, und die grössere Vegetation hauptsächlich Wachholder und Arbuten. Blumen in prächtigen Farben und unvergleichlicher 167Fülle bedecken in dieser Jahreszeit den Boden, und geben den unzähligen wilden Bienenschwärmen, die mit ihrem Summen die Luft erfüllen, die süsse Nahrung. Aber schlecht bevölkert, wie das ganze Land, findet man nur hie und da einen Fereg der Auama, Genossen der uled Brassa oder der Abid, Genossen der Auergehr.

Als wir um 12½ Uhr diese Stufe betraten, und in östl. Richt. durchzogen, hatten wir um 2½ Uhr eine kleine Kubba, die des Sidi Said von den Agail zur Seite, aber trotz dieses Wahrzeichens erklärte nun der Aduli, den Weg nicht zu wissen, und ritt abseits, um aus irgend einem Fareg einen Wegweiser zu holen. Er kam denn auch bald zurück, aber statt eines Mannes brachte er drei Leute, so dass unsere ohne das schon mit unnützen Leuten reiche Karawane noch drei andere dazu bekam; er versteht sich von selbst, dass ich auch diese zahlen und beköstigen musste, aber gerade dadurch machte sich der Aduli beliebt bei den Triben, indem er ihnen auf Kosten seiner Reisenden dergleichen Verdienste zukommen liess. Wie mag er den armen Denys, welcher der Sprache gar nicht mächtig war, geplündert haben! Durch einen dichten, aber nicht hohen Wachholderwald dahinziehend, einreichten wir um 4 Uhr Nachmittags Mrsihd, eine alte Ruine eines früheren römischen Wartthurms, und wie alle Bauten dieser Art ein aus Quadern aufgeführtes Viereck. Dass aber auch noch andere Ansiedelungen hier waren, geht aus den zahlreichen Grabkammern in 168der Nähe hervor, welche überall in die Felsen gearbeitet waren. Auch vorher hatten wir schon ein Ruinenfeld passirt, doch konnten meine Leute mir den Namen desselben nicht nennen. Auf den Wartthurm öffuet sich ein von N.-O. kommendes Thal, und etwas nach thalaufwärts gehend, campirten wir dann in demselben. Trotzdem wir nun schon recht hoch waren, hatten wir doch eine recht warme Nacht, da der Himmel ganz bedeckt war, und noch lange sass ich Abends an einem grossen Feuer jenes duftenden Wachholderholzes, welches die Alten schon so hoch schätzten, und das auch auf dem grossen Atlas und in Abessinien und im Gora-Gebirge vorkommt.

Früh 7 Uhr zogen wir am anderen Morgen das Mrsihd-Thal vollends hinauf, und erreichten nach 40 Minuten den Höhepunkt desselben, wo das Aneroid uns die Höhe von 1260 Fuss zeigte; somit waren wir zwar nun auf dem Plateau angekommen, aber noch keineswegs auf dem höchsten Punkte. Uebrigens muss man sich das Hochland auch keineswegs durchweg eben vorstellen; sondern als ein Gewirr von Thälern und Bergen, welche aber alle über 1200' hoch ihren niedrigsten Punkt haben. Die Vegetation, obschon dieselbe hier später ist, bleibt im Ganzen noch dieselbe, Juniperen, Oelbäume, Caruben und Lentisken, dann erstaunlich viel Rosmarin, welche den Bienen den so sehr gerühmten aromatischen Beigeschmack zum Honig liefern; aber alle diese Pflanzen finden sich auch an den Abhängen der Berge.

169Wenn aber am Tage vorher das Land überreich an Sümpfen und Tümpeln war, so fehlten diese hier nun gänzlich, und merklich litt die Ueppigkeit der Vegetation darunter. Einige Thäler hatten trotzdem die kräftigsten Oelbäume, nicht etwa wilde, selbst nicht einmal verwilderte waren sie zu nennen, denn sie hingen gerade jetzt voll der besten Oliven, die Niemand zu sammeln kam. Es ist wohl kaum zu zweifeln bei dem hohen Alter, welches der Oelbaum erreichen kann, dass diese Pflanzungen noch von den Alten herrührten. Manchmal sollen indess doch von den Küstenbewohnern einige herauf kommen, um die Oliven zu sammeln; dies Jahr schien noch Niemand gekommen zu sein.

Den ganzen Tag, obgleich wir mit geringer Unterbrechung bis 5¼ Uhr Abends marschirt waren, sahen wir kein einziges Zeichen von Bevölkerung, das heisst Zelte oder Häuser, nur zwei kleine Ziegenheerden will ich ausnehmen, die unweit von uns am Wege weideten, und bei unserer Annäherung eilig ins Dickicht getrieben wurden. Auch der Anbau von Korn war so spärlich und vereinzelt, dass man die kleinen Felder hätte zählen können. Trotzdem überall der fetteste und beste Boden war, der nur auf die Hand des Menschen zu warten schien, um hundertfach das zurückzugeben, was man ihm anvertraut hätte, war alles eine Wildniss. Als neu wurde mir nun zum ersten Male die Drias-Pflanze (von allen Reisenden für Sylphium gehalten) gezeigt, von der 170wir unten noch weiter zu reden haben werden. Dann fiel mir die Menge der Maulwurfshaufen auf, die sonst in Tripolitanien nicht vorkommen. Die Araber nennen den Maulwurf hier mit den bezeichnenden Namen Buamian, Vater der Blinden. Wild war nur spärlich vorhanden, es scheint als ob selbst die Thiere dies nur von Todten bewohnte Land meiden.

Während wir im Mrsihd-Thal Ostrichtung verfolgt hatten, zogen wir, oben angekommen, nördlich in einer Mulde weiter, die den Namen Rharheb führt, und wo wir um 9 Uhr einen Marabut gleichen Namens (Kubba) passirten. Etwas weiter läuft dann die von S.-O. von Merdj kommende Heerstrasse ein, dieselbe, welche vor 1000 Jahren Griechen und Römer benutzten. Nachdem um 9 Uhr 20 Minuten ein anderer Pass überschritten war, kamen wir in das Biada-Thal, indem wir die tiefeingeschnittenen Wagenspuren der Alten verfolgten. Um 11¾ hatten wir, N.-N.-O. haltend, den Dj Hoaisch zur Linken, und gleich darauf die Ruinen des Gasr el Rih. Um 12 Uhr 20 Minuten kreuzten wir den von Teknis kommenden, nach der Küste führenden Karawanenweg, und den Pass von Rih überschreitend, gingen wir nordwärts durchs Schami-Thal weiter. Von 1 Uhr an wieder N.-N.-O. haltend, überstiegen wir um 2 Uhr einen Pass, der uns ins Scharaya-Thal führte, welches eine Stunde lang mittelst eines anderen Passes ins Mrair-Thal übergeht. Um 3¼ kreuzten wir einen zweiten, von Djerdjerum 171an der Küste nach Merauan ins Innere führenden Weg, und kamen dann ins Thal Ibrahim, von dem aus wir links den Berg Schan-o-Gasserein liegen liessen. Das uadi Ibrahim öffnet sich aufs Magade-Thal, wo wir um 5 Uhr Abends, in der Nähe von Wassertümpeln lagerten, nachdem wir den ganzen Tag fast ohne Wasser gewesen waren.

Nachts hatten wir, trotzdem es am Tage sehr kalt gewesen war, ein starkes Gewitter mit Regen, und zogen am anderen Morgen um 7 Uhr durchnässt in N.-N.-O. Richtung weiter, welches überhaupt, die vielen Biegungen abgerechnet, unsere Hauptrichtung blieb. Wir waren nun über 550 Meter hoch auf dem Beida-Berge, alle anderen Berge scheinen ziemlich gleiche Höhe zu haben, und die Thäler senken sich bis auf relativ c. 150 Meter. Als neue Pflanzen treten hier der Lauristinus auf, jetzt gerade in voller Blüthe, und in prächtigen Exemplaren bis 20' Höhe vorhanden, dann einzelne Exemplare von der Steineiche. Nachdem wir noch das Thal Sgenniet und dann den Berg Mcheilil passirt hatten, sahen wir Gasr Bengedem vor uns. Auf dem Mcheilil-Berg fanden wir die Ueberreste eines alten Sarazenenschlosses. Dieser ganze Weg nach Bengedem dauerte nur 3½ Stunde, aber auch hier begegnete uns kein Mensch, und das einzige Zeichen von Bevölkerung war die Sauya der Snussi, Bu Toda genannt, die wir vom Lj. Beida in geringer Nordrichtung c. 2 Stunden entfernt liegen sahen.

172Obschon wir nur einen kleinen Marsch gemacht hatten, blieben wir doch bei Gasr Bengedem liegen, um zu photographiren, und diese ganze Gegend näher in Augenschein zu nehmen.

Das Gasr Bengedem oder Benegedem stammt offenbar aus der Römerzeit, und hörte mit zu jener Vertheidigungslinie, welche dieselben gezogen hatten, um die Colonie vor den Einfällen der Nomaden zu sichern. Bengedem war gewiss eines der bedeutendsten Forts, wenn nicht das grösste von denen, welche die Vertheidigungslinie bildeten. 80 Schritte lang und 40 Schritte breit, haben die beiden Längsseiten viereckige flankirende Thürme. An manchen Stellen erreichen die gut erhaltenen Wände noch die Höhe von 40'. Aus grossen behauenen Quadern aufgeführt, ohne Mörtel, haben die Aussenwände, soweit dieselben nicht absichtlich zerstört worden sind, nicht im Mindesten von der Witterung gelitten. Im Innern führt eine Treppe auf die Mauer, welche oben dünner, ringsum vertheidigt werden konnte. Spuren eines Aussenwalls ziehen sich rings um das Castell, und erhöhten so die ursprüngliche Festigkeit desselben. Die bedeutenden Ruinen in der Umgegend von einzelnen Häusern deuten an, dass hier eine Hauptniederlassung war, und Pacho könnte Barth gegenüber doch wohl Recht haben, indem er hier Balakrai vermuthet. Die Entfernung von Cyrene, die Pentinger auf 12 M., und die nach Ptolemais, die Ptolemaeus auf 17315 M. angiebt, würde ungefähr stimmen. Eine grosse Menge von Höhlen, theils natürliche, theils künstliche, ausser vielen aus späterer Zeit herrührenden Grabkammern, beweisen, dass selbst in vorgriechischer Zeit hier libysche Völker eine Niederlassung gehabt haben müssen, denn viele der Höhlen haben ganz und gar die Einrichtung von Wohnungen.

Die Eingeborenen vom Stamme der Brassa, mit denen der Aduli gleich wieder Handelsverbindungen angeknüpft hatte, waren sehr zudringlich. Ihr Fereg hatten sie in einiger Entfernung vom Gasr, und den ganzen Tag thaten sie nichts, als um uns herumhocken und um Essen betteln. Wir hatten deshalb auch Nachts eine verstärkte Wache nöthig, um uns vor Diebereien zu hüten, wie denn überhaupt immer Nachts gewacht wurde.