178Von dorischen Colonisten von der Insel Thera unter Battus im Jahre 631[21] v. Chr. gegründet, wuchs Cyrene bald zur wichtigsten Colonie der Griechen an der Nordküste von Afrika heran. Battus führte auf Befehl des delphischen Orakels zuerst seine Laudsleute nach Plataea (dem heutigen Bomba); musste aber aus Mangel an Nahrungsmitteln diese Insel nach zwei Jahren, und nachdem ein anderes Mal das Orakel war consultirt worden, verlassen, und siedelte nun nach dem festen Lande Libyens, nach dem wohlbewaldeten Asiris über. Aber auch hier blieben sie nur sechs Jahre, da nach Ablauf dieser Zeit, eingeborne Libyer sie nach dem Orte der Apolloquelle führten, wo dann bestimmt die Stadt gegründet wurde.
Es scheint, dass die neuen Ankömmlinge sich im Anfange mit den Libyern, und hier waren es vorzugsweise die Asbysten, gut vertrugen; sogar Heirathen mit Libyschen Frauen wurden eingegangen; eingeborne Libyer jedoch waren von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen. Mit Battus I. bekam Cyrene den ersten König, und blieb unter dieser Regierungsform circa 200 Jahre, in welcher Zeit acht Könige regierten. Besonders zeichnete sich aus nach dem ersten, welcher später als Heros verehrt wurde, der dritte König, Battus II. Unter ihm kamen zahlreiche Zuzüge aus Griechenland: hiedurch 179wurden jedoch die Libyer beeinträchtigt, und ihr König Adikran rief den ägyptischen König Apries zu Hülfe. Bei Thestis in der Gegend von Irasa kann es 570 zur Schlacht, und die Aegypter und Libyer wurden vollkommen besiegt. Sein Nachfolger Arkesilaos II., mit dem Beinamen der Böse, hatte nur Unglück. Mit seinen Brüdern in Streit, gingen diese Barca gründen, und verbanden sich mit dem libyschen Könige gegen Arkesilaos II. Dieser schlug anfangs die Libyer bei Leucon oder Leucoë in Marmarica; wurde dann aber in einen Hinterhalt gelockt und verlor 7000 seiner Leute. Sein Bruder Learchos tödtete ihn dann, wurde aber selbst wieder von Eryxo, der Wittwe des Arkesilaos, umgebracht. Unter seinem Sohne, der als Battus III. folgte, schickten die Cyrener nach Delphi und baten um neue Gesetze. Demonan, der Mantineer, kam zu ihnen, und beschränkte besonders die königliche Gewalt. Dessen Sohn Arkesilaos III. wollte jedoch die königliche Gewalt zurück haben, und wurde darin von seiner Mutter Pheretime unterstützt; geschlagen, floh er nach Samos, und kam dann mit einem bedeutenden Heere nach Cyrene zurück. Wieder geschlagen, floh er nach Barca, und wurde von den Bewohnern dieser Stadt getödtet. Seine Mutter floh zum persischen Statthalter Argandes in Aegypten, welcher ihr zu Hülfe kam, und nach neunmonatlicher Belagerung Barca einnahm. Der Sohn von Pheretime, Battus IV., der Schöne genannt, folgte, und 180nach ihm kam der letzte König Arkesilaos IV., dessen Siege in den pythischen Spielen Pindar besingt, auf den Thron. Höchst wahrscheinlich wurde unter ihm Hesperis gegründet. Da er zu despotisch regierte, so wurde er etwa um 440 gestürzt, und der königlichen Herrschaft damit ein Ende gemacht. Sein Sohn Battus, der nach Hesperis floh, wurde dort ermordet, und sein Kopf ins Meer geworfen.
Unter der republikanischen Regierungsform erlebte Cyrene die höchste Blüthe und den grössten Wohlstand, obwohl es an inneren Zerwürfnissen nicht fehlte. So treten verschiedene Tyrannen auf, unter anderen Ariston und Nikokrates, um sich der höchsten Gewalt zu bemächtigen. Um alle inneren Streitigkeiten durch eine gute Gesetzgebung zu ebenen, wandten sich die Bewohner Cyrenes an Plato, und baten um Gesetze. Plato lehnte jedoch ab, ihr Gesetzgeber zu werden, weil es ihnen zu gut gehe: „Kein Mensch sei schwieriger zu beherrschen, als der, welcher sich einbilde, es ginge ihm gut, und Niemand sei leichter geneigt sich leiten zu lassen, als der vom Schicksal gebeugte.“ Alexander dem Grossen, als er Zeus Ammon besuchte, unterwarfen sie sich freiwillig und schickten ihm kostbare Geschenke. Nach seinem Tode, durch neue innere Streitigkeiten entzweit, wurden sie durch Ptolemaeus, dem Sohne des Lagos, Aegypten unterworfen, im Jahre 321 v. Chr., und das Land wurde nun nach den fünf Hauptstädten Pentapolitanien 181genannt. Apion, Sohn von Ptolemaeus Physon, überliess dann mittelst Testament das Land an die Römer im Jahre 96, und im Jahre 67 wurde es mit Kreta zusammen zu einer Provinz formirt. Unter Constantin wurden sie getrennt, und Cyrenaica als eigne Provinz unter dem Namen Libya superior eingerichtet.
Als unter Trajans Regierung die Juden den grossen Aufstand machten, und 200,000 Römer und Cyrenaeer ermordeten, fing der Verfall Cyrenes an. Das römische Reich vermochte den wiederholten Einfällen der Barbaren keinen Widerstand entgegenzusetzen; dazu kamen Heuschrecken, Pest und Erdbeben, welche Leiden im fünften Jahrhundert von Bischof Sinesius beklagt wurden. 616 vernichtete dann der Perser Chosroes die schwache griechische Colonie der Art, dass die Araber, als sie 647 in Cyrenaica einfielen, kaum noch Widerstand fanden. Wie alle Länder, welche unter die Herrschaft des Islam kamen, fiel auch Cyrenaica unter den Arabern in einen vollkommenen Barbarismus zurück, und das Land wurde, vollkommen vernachlässigt, bald zu einer Wildniss. Seine neuere Geschichte ist denn eng mit der von Tripolis verknüpft, und als dies 1835 ein türkisches Paschalik wurde, fiel auch Cyrenaica unter die Herrschaft der Pforte, und wird jetzt als Kaimmakamlik unter dem Namen Barca zu Tripolitanien gerechnet.
Wie hoch einst Wissenschaft und Kunst in Cyrene blühten, geht aus der Zahl bedeutender Männer, welche 182diese Stadt hervorbrachte, hervor: wir nennen nur Aristippus, den Gründer einer eigenen philosophischen Schule, sowie Cameades, ebenfalls Weltweiser, dann den Astronomen Eratosthenes, der sich besonders durch geographische Werke auszeichnete, und als Director der Bibliothek von Alexandrien starb. Endlich der Dichter Kallimachos, welcher von den Battiaden abstammte, und dann der berühmte Bischof von Ptolemais, der Redner und Schriftsteller Synesius.
Vor allem war uns jetzt daran gelegen, die Stadt selbst und die Necropolis kennen zu lernen, und die Hauptpunkte und Denkmäler zu fixiren für die Photographien.
Auf zwei Bergen gelegen, die nach Nordwesten hin abfallen, wird Cyrene mittelst eines Radius, welcher den Namen der Battus-Strasse hat, in zwei Theile getheilt. Nach allen Seiten hin von grossen Gräberstädten umgeben, ist zum Theil die Mauer, welche die eigentliche Stadt umgab, noch gut erhalten, und namentlich an der ganzen Südseite und im Osten bei einer durchschnittlichen Höhe von 4–5' und Breite von 6' ganz deutlich zu verfolgen. Betritt man von Osten die Stadt mittelst der Hauptstrasse, welche von Barca herführt, so hat man gleich rechts vom Thore die unordentlich durcheinandergeschmissenen Steinhaufen einer Kirche, dass es eine solche war, geht aus der Anordnung der noch vorhandenen Grundmauern hervor, obschon merkwürdigerweise 183der Altar nach Westen gestanden zu haben scheint, oder aber zwei Hauptaltäre, einer im Osten und einer im Westen, vorhanden gewesen sein müssen. Verschiedene Spitzbögen, welche noch stehen, lassen erkennen, wie hoch der Schutt hier liegen muss, da eben nur die obersten Spitzen der Bogen herausgucken.
Wenden wir uns dann rechts zur östlichen Hälfte der Stadt, so stossen wir zuerst aufs Hippodrom, welches, die Rundung nach Süden habend, in gerader nördlicher Richtung erbaut ist. Die Sitze sind noch sehr gut erhalten, aber alles ist überwachsen, und in der Rennbahn selbst ist die Spina kaum zu erkennen, da der ganze innere Raum als Acker benutzt wird. Die Länge des Hippodroms beträgt heute circa 300 Schritte, die Breite circa 60 Schritte. Gleich westlich vom Hippodrom finden wir auf dem höchsten Punkte dieses Stadttheiles die Ruinen eines Tempels, der offenbar der ältesten Zeit angehört. Aus colossalen Steinen erbaut, haben die jetzigen Reste eine Länge von fast 90 Schritt auf 30 Schritt Breite. Von Westen nach Osten gelegen, hat der Tempel, wie durch die Nachgrabungen von Porcher und Smith jetzt zu Tage liegt, 17 Säulen auf der Längsseite und 8 Säulen auf der Breitseite, so dass 36 Säulen den Peristyl bilden. Durch zwei Säulen und zwei Mauervorsprünge kommt man von Osten in den Pronaos, der von der Cella durch zwei Mauervorsprünge, welche die Thür bilden, geschieden wird. An den Längsseiten in der Cella findet man 184je zehn Piedestale, welche korinthische Säulen tragen, ganz östlich im Hintergrunde ist ein grosser cubischer Marmorblock, der wahrscheinlich die Bildsäule trug. Der Agisthodom ist von der Cella vollkommen durch eine Mauer geschieden, und ist nach Osten durch keine Mauervorsprünge, aber durch drei Säulen begrenzt. Die Säulen des Säulenganges haben wenigstens 6' Durchmesser gehabt, sind aber stark verwittert. Die Quadern des eigentlichen Tempelbaues sind colossal; es giebt Steine von 20 Schritt Länge und 8 Schritt Breite. Smith und Porcher, die hier die sorgfältigsten Ausgrabungen machten, fanden nichts, woraus man auf den Eigenthümer des Tempels hätte schliessen können. Der Eingang befindet sich, wie in allen Tempeln in Cyrene, auf der östlichen Hälfte. Wenn Barth hier auf der östlichen Hälfte Cyrenes die Acropolis vermuthete, so schloss er dies wohl nur aus den colossalen Quadern; wie wir aber später sehen werden, befand sich diese auf der westlichen Stadthälfte.
Ungefähr 300 Schritte nördlich von diesem Tempel finden wir die Ruinen eines anderen, etwas kleineren Tempels, welcher auf der höchsten Spitze dieses Stadttheiles erbaut war. Auch von Osten nach Westen erbaut und aus Pronaes und Cella bestehend, ist derselbe so vernichtet und zerstört, dass eine genauere Beschreibung unmöglich ist. Dieser Tempel hatte auch einen Peristyl, die Zahl der Säulen aber anzugeben, war mir nicht 185möglich; die Säulen, von denen Bruchstücke überall umher lagen, waren dorischer Ordnung, sind aber so verwittert, dass man den Durchmesser nur muthmaassen kann.
Wenn wir die Battus-Strasse als die scheidende Linie für die zwei Stadthälften annehmen, so haben wir damit alles, was auf der östlichen Hälfte bemerkenswerthes zu Tage liegt, gesehen, und wenden uns nun zum westlichen Stadttheile, der ungleich reicher mit öffentlichen Gebäuden geziert war, überhaupt der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens gewesen ist, weil er die Apolloquellen, diesen ersten Besiedelungspunkt der alten Griechen, enthält.