Wenn wir wieder vom Ostthore der Stadt ausgehen und uns links wenden, sobald wir die von Norden nach Süden ziehende Strasse passirt, so kommen wir zuerst an zwei Ruinenhaufen, die, was die ursprüngliche Anlage anbetrifft, sehr wenig mehr zu erkennen übrig lassen; aber von den dort aufgefundenen Statuen, Bacchus und Venus, können wir schliessen, dass der östliche der Venus und der westliche dem Bacchus gewidmet waren. Diese und andere Statuen sind alle ins British-Museum gekommen. Wie denn überhaupt, seit Bourville, Smith, Porcher und Denys hier gegraben haben, ohne neue ausserordentliche Nachgrabungen nichts mehr zu finden ist, und die meisten Ruinen, die schon so sehr durch die Barbaren gelitten hatten, nun vollends dem Untergange 186geweiht sind. Gleich westlich vom Orte, wo Bacchus gefunden wurde, ist ein Theater mit unverhältnissmässig breiten Sitzreihen und kleiner Cavea. Barth, der die Orchestra gemessen, giebt die Breite derselben auf 60' und die Tiefe auf 76' an, und meint, dass dies Theater nicht zu scenischen Darstellungen, sondern zu musikalischen Aufführungen gedient habe. Dicht an der Strasse gelegen, noch mehr nach Westen, stossen wir auf ein zweites grösseres Theater, mit doppelt so grosser Cavea, wie das eben beschriebene. Viele Säulen korinthischer Ordnung, die umherliegen, deuten darauf hin, dass die Sitzreihen mit einer Colonnade dieser Säulen umschlossen gewesen sind.
Südwestlich vom Bacchus-Tempel ist ein anderer grosser Ruinenhaufen, wo vor mehr als 50 Jahren Beechey den Torso eines römischen Kaisers vermuthete. Nachgrabungen, welche mehrere grosse Bäume blosslegten, liessen Porcher und Smith vermuthen, hier habe der Palast des römischen Gouverneurs gestanden. della Cella erwähnt hier einer Inschrift „Porticus cesarei“ und hält das Gebäude für ein Caesareum; Barth meint, dass hier in der römischen Zeit, vielleicht auch schon in der ptolemaeischen, ein Marktplatz gewesen sei. Porcher und Smith fanden hier, ausser einer weiblichen Statue, diejenige von Antoninus Pius und anderen römischen Kaisern.
187Circa 250 Schritt von der Battus-Strasse südlich, wenn man das grössere Theater hat liegen lassen, ist noch ein grosser Bau mit einer grossen Säulenhalle nach Nord gegen Ost, welches die Front gewesen ist. Die Säulenhalle, welche doppelt ist, lässt noch jetzt in der Reihe dreissig Säulenplätze erkennen. Das massive Gebäude dahinter zeigt eine Menge kleiner Zimmer von 6' Tiefe auf 4' Breite, und es ist wohl nicht unwahrscheinlich, dass hier die Verkaufshalle war.
Weiter nach Westen zugehend, finden wir uns auf circa 100 Schritt Entfernung von diesen Ruinen durch eine von Thürmen flankirte, von Norden nach Süden streichende Mauer aufgehalten. Beim uadi Bel Rhadir, welches südlich die ganze Westseite der Stadt begrenzt, mit einem starken Thurme anfangend, ist diese innere Mauer jedenfalls ein Theil der Acropolis, welche auf dem westlichen Hügel, als dem höchsten und wichtigsten, gelegen haben muss. Die Mauer hat eine durchschnittliche Dicke von 12' und ist an einigen Stellen über 20' hoch; Beecheys Ansicht, dass sie eine Wasserleitung gewesen sei, ist unhaltbar, da nirgends andere Baulichkeiten vorhanden sind, die das Wasser hätten herführen können. Auf der Spitze des westlichen Berges sind ausser einer grossen Masse von bequemen Steinen, welche bezeugen, dass auch hier alles bebaut war, keine weiteren hervorragenden Ruinen zu finden, und selbst von Ringmauern ist nach Westen und Süden, wo dieselben auch 188kaum nothwendig waren, nichts zu erkennen; nach Norden zu, obschon auch da der Berg fast steil abfällt, scheint die Acropolis aber auch noch durch eine Mauer geschützt worden zu sein, wenigstens finden sich Spuren darin vor.
Wenn wir vom höchsten Punkte des westlichen Stadttheiles nach Nordwest gehen, so führt uns die Neigung von selbst auf das grosse Stadttheater, welches am Abhange des Berges selbst gebaut ist. Obgleich stark durchwachsen, sind nur wenige Sitzreihen ausser der Loge, überhaupt scheinen die meisten Theater wohl mehr durch die Natur, als durch Menschenhand zerstört zu sein. Hier hat nun wohl ein allgemeiner Rutsch stattgefunden, da Proscenium und Orchester, welche künstlich an dem unten steilen Berg hinaufgebaut waren, weggesunken sind. Aus dorischen Säulenüberresten ersieht man, dass diese nach aussen zu durch Säulen geschmückt gewesen sind. Das Koilon ist ungleichmässig durch ein Diagon geschieden, da der unteren Sitzreihen heute noch 30 (und früher wohl noch mehrere waren, weil in der ganzen Arena alles mit Schutt und Steinen angefüllt ist), während die obere Hälfte nur acht aufweist. 6 Treppen durchschneiden die zwei ein halb Fuss breiten Sitzreihen in gerader Linie von oben bis unten. Wenn auf diese Art die Zuschauer hauptsächlich von oben ins Theater gelangten, so scheint doch auch noch ein anderer Zugang zwischen Proscenium und Koilon von Osten her 189existirt zu haben; vielleicht war gar ein von Osten kommender Durchgang, der jetzt verschüttet ist, vorhanden. Von den Sitzreihen des Theaters hat man die umfassendste Aussicht über die vorliegenden Plateaus hinweg bis zur See. Wie über eine Landkarte schweift der Blick über das Land bis nach Apollonia hin, und von hier sahen, wie Barth so schön sagt, die alten Cyrenen ihre Handelsschiffe heranschwimmen, und erfreuten sich des wunderbar gestalteten Terrassenlandes. Beechey, welcher dies Theater für ein Amphitheater hielten, weil allerdings das Koilon unverhältnissmässig gross und umfassend zum Proscenium ist, ist aber jedenfalls im Unrecht; denn war es schon eine Riesenarbeit, Proscenium und Scena künstlich zu erbauen an dem steilen Bergabhang, so wäre es selbst heute fast unmöglich, die andere Seite des Amphitheaters hier künstlich aufzubauen.
Vom Theater nach Osten schreitend, übergeht man eine Terrasse, und kommt an drei Bogengänge, die jetzt vermauert, ursprünglich offen gewesen sein mögen, oder nach Norden zu einen freien Umgang gehabt haben, der jetzt weggestürzt ist. Immer breiter werdend, dehnt sich die Terrasse da, wo sie an die nach Nordwesten laufende Battus-Strasse stösst, welche hier auch der natürlichen Spalte zwischen dem Ost- und West-Hügel der Stadt folgt, zu einer Plattform aus, welche den Apollo-Tempel trug. 190Durch die Ausgrabungen von Porcher und Smith ist unwiderruflich festgestellt, dass der Tempel, welcher sich vis-à-vis der Quelle des Apollo befand, diesem Gotte selbst gewidmet war. Beechey hielt denselben, weil er eine, wie er glaubte, auf Diana bezügliche Inschrift[22] fand, und ausserdem eine weibliche Statue in sitzender Stellung, für der Diana geweiht. Aber schon die Lage bringt es mit sich, dass dieser Tempel dem Apollo gewidmet war, und zwei Inschriften, welche Porcher und Smith hier fanden, endlich die ausgezeichnet erhaltene Marmorstatue von Apollo cytharoedes[23], welche sie ausgruben, und die gleichfalls in das British-Museum gekommen ist. Obgleich einige Piedestale der Säulen noch am Platze sind, so lässt sich doch trotz der Ausgrabungen nichts Bestimmtes über den Bau des Apollo-Tempels sagen. Wahrscheinlich war er in dorischer Ordnung errichtet, und hatte seine Richtung fast von West nach Ost. Er hatte nur Pronaes und Cella, und ein grosses 191Piedestal in dem westlichen Theile der Cella lässt erkennen, dass der Eingang, wie übrigens in fast allen Tempeln in Cyrene, von Osten war.
Gegenüber dem Tempel nun haben wir gleich den berühmten Apolloquell, heute ain Schehed genannt, welcher einst die Veranlassung zur Gründung der Stadt Cyrene und der später so blühenden Colonie war. Aus einem senkrechten Fels hervorsprudelnd, bemerkt man oberhalb der Front einen Giebeleinschnitt, Beweis, dass hier einst der Quell mit einer Tempelfaçade geschmückt gewesen ist; und rechts an einem Felsvorsprung liest man die bekannte auf eine Renovirung der Quelle bezügliche Inschrift:
LΙΓΔΙΟΝΥΣΙΟΣΣΩΤΑ
ΙΕΡΕΙΤΕΥΩΝΤΑΝΚΡΑΝΑΝ
ΕΓΕΣΚΕΥΑΣΕ