Von einem Bassin ausserhalb der Felswand kommt man in eine ziemlich geräumige Grotte, welche rechts eine geräumigere künstliche, und in zwei Abtheilungen getheilte Höhle hat. Ursprünglich waren dies wohl Zimmer für die Priester, jetzt sind sie verschlammt und zum Theil unter Wasser. Beechey fand darin die Bruchstücke von Altartischen mit Figuren. Von der Grotte aus kann man nach Süden zu die Quelle fast 700 Schritt weit verfolgen durch einen künstlich angelegten Gang, fast überall 5' hoch und 4' breit. Stellenweise findet man die Wände mit Namensinschriften bedeckt. Zuletzt wird der Gang so niedrig, dass man gehend nicht weiterkommen 192kann, es ist auch wohl kaum anzunehmen, dass die Quelle noch bedeutend weiter nach Süden zu entspringt, da sie jedenfalls unter dem Höhenpunkt des westlichen Berges von Cyrene ihren Ursprung nimmt. Das Wasser der Quelle fanden wir zu 13°C. Dass aber die alten Einwohner nicht allein ihren Wasserbedarf, so reichlich und zulänglich auch die Apolloquelle ist, von hier hatten, geht aus der ungeheuren Cysterne hervor, welche man am südwestlichen Ende der Stadt antrifft. Aus drei nebeneinander gebauten Reservoirs bestehend, haben dieselben eine Länge von 260 Schritt auf eine Breite von c. 175 Schritten. Das eine Reservoir ist überwölbt mit Quadersteinen, welche fast alle mit Buchstaben und Zeichen bezeichnet sind, wahrscheinlich im Voraus, um sie später leichter zu vermauern. Zwei der Reservoirs scheinen keine Gewölbe gehabt zu haben, da die Trümmer oder Steine fehlen, womit sie gewölbt gewesen wären, und dies lehrt uns wohl, dass diese Cysternen erst in späterer Zeit angelegt, aber nicht vollendet worden sind. Auch einer anderen Quelle, welche gewiss in früherer Zeit von grosser Bedeutung war, müssen wir noch erwähnen, welche im uadi Bel Rhadir entspringt. Heute noch von den Einwohnern ain Krenah genannt, würde uns dies fast auf die Vermuthung führen, dass dies die Quelle Kyre gewesen sei, wo zuerst die alten Griechen ihre Ansiedelungen gemacht haben, wenn nicht der Apolloquell bedeutend 193stärker an Wasser und so recht im Mittelpunkt der Stadt und der hauptsächlichen öffentlichen Gebäude gelegen wäre. Ain Krenah, welches offenbar von Cyre, Cyrene, hergeleitet ist, entspringt auch aus einer Grotte, hat künstliche Reservoirs und alte steinerne Wassercanäle, um das Wasser zu vertheilen. Ebenfalls aus einem steil abfallenden Felsen des uadi Bel Rhadir, welches sich am Südende der Stadt hinzieht, entspringend, ist dies der lieblichste und anmuthigste Punkt der Gegend. Vor der Quelle befindet sich eine geräumige Plattform, welche nach dem Abgrunde zu, den hier die malerische Schlucht bildet, von einer colossalen Quadermauer gestützt ist. Das ganze Thal hat die üppigste Vegetation und die Quelle selbst ist von Myrthen und Oleanderbäumen dicht beschattet.
Von ganz besonderem Interesse für den Forscher ist die unendliche Todtenstadt, welche nach allen Seiten hin die Stadt umgiebt. Die Zahl der freien Gräber und Sarkophage, die Zahl der Höhlen, welche Todtenkammern enthalten, ist so bedeutend, dass man glauben sollte, die Stadt sei nur von Todten bewohnt gewesen. Freilich ist nichts mehr unentweiht; kein Grab, keine Kammer, die nicht erbrochen wäre, und das, was die Hand der Barbaren unberührt gelassen hatte, als Inschriften und Malereien, ist von den letzten Reisenden fortgenommen und nach Paris und London gewandert. Und im Ganzen können wir auch nur zufrieden damit sein, 194denn wenn Pacho, della Cella noch hie und da schöne Wandgemälde vorfanden, wer hätte für ihre Erhaltung garantirt!
Die vollendetsten Todtengewölbe und Grabkammern findet man am Nordabhange der Berge von Cyrene, auf dem Wege nach Apollonia und im uadi Bel Rhadir. Offenbar gaben ursprünglich bestehende Höhlen Veranlassung zu dieser Art Beerdigung. Wir finden hier die einfachsten Gräber, ohne jeglichen Schmuck, und die vollendetsten mit Tempelfaçaden, Vorkammern, Hauptgängen und Seitenkammern. Besonders grossartig, wenn auch nicht schön, sind die Katakomben am Nordabhange, von den Eingebornen Knissieh genannt. In dieser Räumlichkeit, wo wir später des Photographirens halber unsere Wohnung aufschlugen, ist sicher Platz für einige 1000 Leichen. Mehrere 100 Schritt weit ziehen sich die Grabkammern in das Innere des Felsens, und oft sind die Gräber so, dass man von einem aus in eine untere oder obere Etage kommt, und nun wieder eine ganze Gräberreihe vor sich hat. Aber auch hier ist alles durchwühlt, und kein Grab unbeschädigt; oft watet man Fusstief in Todtenstaub und zwischen Gerippen.
Die vollendetsten Gräber sind in Bel Rhadir; hier finden wir die meisten Façaden mit Säulen oder Halbsäulen geschmückt. Ein Grabmal auch in den lebendigen Fels getrieben, und zwischen dem Apolloquell und dem grossen Theater gelegen, dürfte vielleicht das 195Grab des Battus gewesen sein; ein Marokkaner, welcher darin seine Wohnung genommen hatte, erlaubte uns leider den Zutritt nicht. Ganz recht hat Barth, wenn er sagt, es giebt auch auf Speculation gebaute Grabkammern, die vielleicht noch gar nicht benutzt wurden. In der That findet man an der Nordseite der Berge ganze Reihen solcher uniformen Gräber, inwendig vollkommen leer, ohne Deckel und meist Raum für je 6 Gräber habend, zwei hintereinander und drei übereinander. Die Form der Sarkophage ist eben so wechselvoll; vom einfachsten, wie man sie zu Tausenden an jedem zur Stadt führenden Wege findet, bis zum kunstvollsten, oft tempelartig ausgearbeiteten. Die Sitte des Verbrennens scheint nie in Cyrene geherrscht zu haben; wenigstens bemerkten wir nirgends Nischen zum Aufbewahren von Urnen; ebenso scheinen Särge aus Thon nicht benutzt worden zu sein; auch Grabaltäre hat man in Cyrene nicht gefunden, mit Ausnahme in der Knissieh, wo auch noch zwei hübsch verzierte Statuen liegen.
Während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes waren die Eingebornen recht freundlich gegen uns; sie brachten uns Ziegen, Honig, Milch und Butter zum Verkauf, und obgleich auch hier der photographische Apparat mit sehr misstrauischen Augen betrachtet wurde, störten sie uns doch nie bei unseren Arbeiten. Selbst Sidi Mustafa der Eukadem der Sauya der Snussi, welche ihre Gebäude seitwärts, dicht bei der Apolloquelle, erbaut haben, bot 196uns seine Dienste an; sich uns selbst zu zeigen, hielt er sich aber zu heilig, und wir hatten auch keine Veranlassung, seine Nähe zu suchen. Das Wetter aber war während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes in der Stadt und Necropolis entsetzlich: kein Tag ohne Regen und Sturm, und des Morgens vor Sonnenaufgang so kalt, dass der Thermometer meist unter Null war. So mussten wir denn die Augenblicke zum Photographiren förmlich abstehlen, und oft wenn wir durch bodenlose Wege und über glatte Abhänge ans Ziel gekommen waren, nöthigte uns das Wetter zur schleunigsten Heimkehr ins Grab, wo ein loderndes Feuer unsere kalten Gliedmassen erwärmte. Trotzdem konnten wir von dieser berühmten Stadt über zwanzig Ansichten ermöglichen, welche dem, welcher mit den Schwierigkeiten, im Freien zu photographiren, und als Dunkelkammer nur ein wackliches Zelt zur Disposition zu haben, vertraut ist, gewiss genügend sein werden[24]. Leider gingen einige Glasplatten verloren.
Unsere Absicht von hier aus Apollonia zu besuchen, konnten wir des entsetzlichen Wetters wegen nicht ausführen, obgleich jener Ort nur circa 4 Stunden von Cyrene entfernt ist. Die steilen Bergabhänge waren aber durch den anhaltenden Winterregen für Kameele ganz unzugänglich 197geworden. Aus gleichem Grunde mussten wir auch verzichten, nach dem etwas entfernteren Derna zu gehen; unser einziger offner Weg war aber der auf der Hochebene, rückwärts nach Bengasi. Ehe wir jedoch diese Reise antreten, werfen wir einen Gesammtüberblick über Cyrenaica.
Fußnoten:
[1] Präfect von Paris.
[2] General Faidherbe ist Ehrenmitglied fast aller geographischen Gesellschaften, auch unserer Berliner.