Von anderen Autoren verlegen Herodot und Scylax den Standort der Pflanze in die ganze Küstengegend 10von Pentapolitanien, von der Insel Plataea bis zum Anfange der grossen Syrte, Catull bei Cyrene, Strabo und Ptolemaeus mitten in die Wüste, südlich von Cyrene, Arrian endlich sagt, sie sei über den ganzen fruchtbaren Boden Cyrenaicas bis zum Saume der Wüste verbreitet. Nach diesem Schriftsteller wurden Ziegen und Schafe eingepfercht, um sie vor dem Silphium zu bewahren.
Sobald die Provinz römisch wurde, fing die Pflanze an zu verschwinden, jedoch 100 Jahre nach der Regierung Roms berichtet Plautus noch von reichlichen Ernten, Strabo fand sie ebenfalls noch vor, Plinius fand das Silphium schon spärlich und Synesius berichtet als etwas Ausserordentliches von einer im Garten seines Bruders gezogenen Pflanze. Die Ursache des Verschwindens der Pflanze wird von den Alten verschieden angegeben, nach Solin war es, um sich von den hohen Taxen zu befreien, denen das Silphium unterworfen war, Strabo führt die Ausrottung auf die eindringenden Barbaren zurück. Höchst wahrscheinlich wirkten beide Ursachen, um die Pflanze so schnell schwinden zu machen, denn die mit Kameelen eindringenden Libyer hatten natürlich ein Interesse daran, diese den Kameelen den Tod bringende Pflanze auszurotten.
Bei den Römern stand das Silphium oder Laserpitium im gleichen Werthe mit Silber; hauptsächlich 11wurde der aus dem Stempel der Pflanze Thysias gewonnene Saft, oder der aus der Wurzel mittelst Einschnitte hervorquellende succus, Caulias genannt, als Arznei benutzt. Man verarbeitete beide mit Kleie; und dies dann bis zu dicker Consistenz eingekocht, wurde so über die ganze civilisirte Welt verschickt. Beide Posten werden auch unter dem Namen „Thränen der Cyrenaica“ ohne Unterschied genannt. Die Römer verwahrten das Silphium in ihrem öffentlichen Schatze. Julius Caesar fand 1500 römische Pfunde vor.
Die heutige Drias-Pflanze, Thap. garg., zeigt sowohl mit den Münzabbildungen, als mit den eben erwähnten die grösste Aehnlichkeit, nur möchte ich die Frage aufwerfen, warum gerade die Thapsia garganica von Cyrenaica sich von den anderen unterscheidet. Und doch muss ein Unterschied da sein. In Algerien, in Marokko fällt es keinem Eingebornen ein, sein Kameel mit Maulkörben zu versehen, sobald er es in die mit Thapsia garganica bestandenen Gegenden treibt, während in Cyrenaica die Pflanze, sobald sie trocken ist, sehr gefürchtet wird. Auch schreibt man dort der Pflanze keine besonderen medicinischen Eigenschaften zu, während die Bewohner von Barca noch heute die Drias-Pflanze, wie die Alten das Silphium als ein Universalmittel betrachten. Da muss denn doch wohl ein Unterschied zwischen der Thapsia garganica von Cyrenaica und den übrigen bestehen, der den Botanikern 12bis jetzt entgangen ist. Auch mir gelang es nur, Stengel und Blätter der Drias-Pflanze mitzubringen, die Blüthezeit war noch nicht angegangen, als ich in Cyrenaica war. Heinzmann, der die Thapsia garganica medicinisch untersuchte, fand, dass die Wurzel ein werthvolles Heilmittel sei, äusserlich bei unreinen Geschwüren sowohl der Menschen als Thiere gebraucht. Die Tinctur der Rinde der Wurzel auf gesunde Hauttheile gebracht, erregt meist anhaltendes Jucken, zuletzt Pusteln ohne grosse Entzündung. Auf eine offene Wunde gebracht, wird kein Brennen und Jucken gefühlt. Innerlich 6–8 Gran genommen, wird Schwindel, Ohrensausen, Ideenconfusion, grosses Gefühl von Schwäche mit lange andauernden schweren Schweissen beobachtet. Wiederholte, von ihm in Europa angestellte Versuche, stellten die Thapsia garganica als ein drastisches Reinigungsmittel hin. Theophrastus, Dioscoridas und Plinius sprechen von ganz gleichen und ähnlichen Wirkungen. Was uns anbetrifft, so bleiben wir also dabei und sagen, dass die in Cyrenaica wachsende Thapsia garganica oder Drias das alte Silphium ist.
Diese, wie wir so eben gesehen haben, so sehr pflanzenreiche Insel ist äusserst thieram. Fast wäre man versucht anzunehmen, dass das nekropolenartige des ganzen Landes, denn wie Cyrenaica sich heute dem Besucher zeigt, kann man es als Eine grosse Todtenstadt bezeichnen, auch Einfluss auf die Leben suchenden 13Thiere gehabt habe. In den Küstenstrichen finden sich zwar ziemlich viel wilde Thiere, als Hasen, Kaninchen, Gazellen und die Vierfüssler, welche im Allgemeinen am Nordrande von Afrika gefunden werden, aber in geringerem Maasse als in Tunis, Algerien und dem so wildreichen Marokko. Ausser der Hyäne und dem Schakal sind reissende Thiere gar nicht vorhanden. Wildschweine finden sich in den Schluchten der Hochebene, aber auch in geringer Zahl. Ueberall stösst man aber auf den Maulwurf, dessen Spuren man sogar weit nach Süden in der Ebene verfolgen kann. Die Vogelwelt ist ebenfalls sparsam und durch keine besonderen Arten vertreten. Schlangen und Scorpionen, Eidechsen und anderes Gewürm sind dieselben, wie die auf dem Nordabhange des Atlas, in den südlichen Ebenen ist die Hornviper häufig. An den steilen Felsparthien des Hochlandes haben zahlreiche Bienenschwärme in den Höhlungen ihre Nester angelegt, und wie im Alterthum bildet denn auch noch heute der Honig ein Hauptproduct des Landes. Ein von Süden kommendes Thier, die Heuschrecke, bildet auch in der Jetztzeit noch oft die grosse Landplage der Bewohner. Die meist so berühmten Pferde der Cyrenaica sind sehr heruntergekommen, was Form und Schönheit anbetrifft, Dauerhaftigkeit, Gelehrigkeit und Kraft ist ihnen aber auch jetzt noch eigen. Hauptreichthum der Bewohner machen die Rinder, 14Schafe[6] und Ziegenheerden aus, von denen nach Malta hin exportirt werden, Esel und Maulthiere hat man nur zum eigenen Bedarf und sie sind nicht besser, als die in den berberischen Staaten. Die südlichen Ebenen haben vorzügliche Kameelzüchtereien, von denen auch nach Egypten hin exportirt werden.
Die Bewohner des Landes sind nomadisirende Araber. Jedenfalls sind Spuren der griechischen, ptolemäischen und römischen Herrschaft nirgends zu erkennen, wie denn auch nach Vernichtung dieser Herrschaften ihre eigentlichen Unterthanen, Griechen und Römer mit vernichtet wurden oder auswanderten. Die dann eindringenden libyschen Völker sind von den Arabern absorbirt worden, wenigstens ist heute nichts mehr vom Libyerthum zu bemerken, die alles nivellisirende mohammedanische Religion hat zwischen Berbern und Arabern, die ohnedies äusserlich sich so nahe stehen, jeden Unterschied aufgehoben. Der heutige Bewohner Cyrenaicas, der nur arabisch spricht (Mischmasch von maghrebinisch und ägyptisch), ist mittlerer Grösse, mager, hat ein längliches Gesicht, in der Jugend mit vollen Backen, fallen sie im Alter sehr ein und die Backenknochen treten stark hervor, stechende schwarze Augen von buschigen Brauen überwölbt, eine starkgebogene, lange Nase, verhältnissmässig grosser Mund und spitzes Kinn sind die allgemeinsten Gesichtszüge. Der Bart 15ist spärlich, Haupthaar lang und schwarz. Die Frauen, welche wie überall da, wo sie eine untergeordnete Stellung zum Manne einnehmen, auch körperlich unverhältnissmässig klein sind, haben in der Jugend volle und hübsche Formen, und eben das Volle rundet denn auch die scharfen Gesichtszüge ab, die im Alter aber ebenso markirt wie beim Manne hervortreten, ohne dass die tausend Falten der Haut im Stande sind, die scharf vorspringenden Knochenparthien zu verdecken. Die Nase ist bei den Frauen mehr gerade als gebogen.
Männer und Frauen lieben es, sich mit Antimon zu zeichnen; machen allerlei bunte Figuren aufs Gesicht, Brust, Arme und Hände. Die Frauen färben auch die Unterlippe schwarz, umrändern die Augen mit Kohöl und färben die Nägel roth. Ihre Kleidung ist die der übrigen nomadisirenden Völker Nordafrikas und keine Frau, mit Ausnahme der Städterinnen, geht verschleiert. In der übrigen Lebensweise ist auch kein Unterschied, Basina, diese Gerstenpolenta, mit stark gepfefferter Sauce bildet ebenfalls das Nationalgericht. Auch hier haben die Nomaden gar keinen Fortschritt gemacht, wie zur Zeit der Rebecca geht noch heute das Weib mit dem Kruge zum Brunnen, um Wasser zu schöpfen, wie zur Zeit Abrahams pflügt der Mann noch mit demselben Pfluge, ohne dass er sich Mühe gegeben hätte, einen besseren kennen zu lernen. Auf dem Boden hockend essen heute noch alle mit den Fingern aus Einer Schüssel, wie 16Jesus Christus mit seinen Jüngern. Etwas haben die Snussi indess für gute Sitte durch strengere Beobachtungen der mohammedanischen Vorschriften gesorgt. Früher z.B. war es bei einigen Stämmen Sitte, dass ein verheiratheter Mann einem Fremden seine Frau anbot, heute würde man vergeblich in ganz Cyrenaica eine Tribus suchen, wo eine solche Unsitte herrschte. Aber Lesen und Schreiben ist nirgends bekannt, wie denn überhaupt auf dem Lande nirgends eine Medressa oder Schule besteht, und auch die Sauya, welche die Snussi angelegt haben, keine Schulen unterhalten.
Nach ziemlich sicheren Abschätzungen, vom französischen Consulate in Bengasi mitgetheilt, stellen die Gesammtstämme von der grossen Syrte an gerechnet (Mündung des Fareg) bis zur ägyptischen Grenze 72,000 bewaffnete Fussgänger und 3500 Cavaliere, danach könnte man die Gesammtbevölkerung von Cyrenaica auf circa 302,000 Einwohner anschlagen. Hiervon bilden die Auergehr den bedeutendsten Stamm, ihre verschiedenen Sippen stellen mehr als 10,000 Fussgänger und fast 1000 Reiter, die Brassa zählen mit 3500 Fussgänger und 500 Cavalieren, die Abidat mit 5890 Fussgänger und 350 Reiter, die ailet[7] Ali 4600 Fussgänger und 225 Reiter, die Sauya 2100 Fussgänger, 75 Reiter etc.
17Nach den neuesten Nachrichten[8] ist von der türkischen Regierung die Landschaft Barca als von Tripolis unabhängig in eine Mutasarefia von Bengasi umgewandelt worden, und hat folgende Kaimmakamliks als Unterprovinzen: 1) Djalo und Audjila, 2) Mytarba oder Adjedabia, 3) Kaimmakamlik der Auergehr, 4) Merdj, 5) Gaigab, 6) Derna und 7) Bengasi selbst. Höchst wahrscheinlich ist dies aber ein Irrthum, und sind die aufgeführten Städte- und Ortsnamen nicht Kaimmakamliks, sondern Mudirats, da diese sonst keineswegs, was Grösse und Bevölkerung anbetrifft, einem anderen türkischen Kaimmakamlik entsprechen. Wenn deshalb Cyrenaica jetzt direct von Constantinopel regiert wird, nicht wie bis Herbst 1869 von Tripolis, so dürfte doch, wenn auch die Unterabtheilung die richtige ist, die Bezeichnung als Kaimmakamlik für dieselbe zu bezweifeln sein.
Ueber Bengasi, welches wir beschrieben haben, über das Gebiet der Auergehr, deren Schich keinen festen Sitz hat, sondern der häufig bei Tokra, häufig auf den Hochebenen sein Zelt aufschlägt, über Audjila, Gaigab und Adjedabia[9], welche ebenfalls beschrieben wurden, haben wir hier weiter nichts hinzuzufügen.