Was Merdj anbetrifft, in südwestlicher Richtung circa 6 Stunden von Tolmetta (Ptolemais) auf dem Hochplateau 18gelegen, so ist darüber gar kein Zweifel heute, dass dieser Ort das alte Barca ist. Gegründet wurde diese Stadt von den Libyern; als die Griechen nach Cyrene kamen, fanden sie Barce schon fertig. Die Barcaei standen bei den Griechen besonders im Rufe von ausgezeichneten Pferdebändigern und Wagenlenkern. Als in Cyrene selbst Zwistigkeiten unter den Griechen ausbrachen, zog ein Theil nach Barce, und von dieser Zeit an tritt diese Stadt als selbstständig und unabhängig in die Reihe der Städte der Pentopolitania. Das alte Ptolemais selbst wird ursprünglich nur als „Hafen“ von Barce genannt, bis unter der Herrschaft der Ptolemäer dieser Hafenort die eigentliche Bevölkerung von Barce aufnimmt, und diese Stadt aus der Geschichte verschwindet. Der Name Barca, den die Araber heute auf das ganze Land ausdehnen, kommt aber zweifelsohne von Barce, dem heutigen Merdj her, obgleich die Eingeborenen behaupten, diesen Ausdruck deshalb dem Lande zu geben, weil das ganze Gebiet ein „Barca“ d.h. „Segen“ sei.
Derna endlich, am nordöstlichsten in Barca gelegen, ist das alte Darnis. Ausser Bengasi ist dies die einzige Stadt. Ungefähr mit 1500 Einwohnern wird von hier ein ziemlich lebhafter Handel mit Malta und Creta getrieben, die Engländer unterhalten hier sogar ein Viceconsulat. Im französischen Kriege gegen Aegypten versuchte General Gantheaume hier eine Landung, jedoch 19ohne Erfolg. Auch Nordamerika war später eine Zeitlang in Besitz von Derna, gab aber den Ort seines schlechten Hafens wegen, oder vielmehr weil ein solcher gar nicht vorhanden ist, wieder auf. Derna ist von den ausgezeichnetsten Gärten umgeben: alle Producte und Früchte, die am Mittelmeere überhaupt vorkommen, liefert die Umgegend in Hülle und Fülle.
Von Cyrene über Bengasi nach Audjila.
Es war ein entsetzliches Wetter, als wir in der Todtenstadt unser Grab, die Knissieh, verliessen und dann durch die Battus-Strasse die Stadt hinaufzogen und dieser Lebewohl sagten. Wind und kalter Regen stritten darum wer siegen sollte, da aber der Kampf aufs höchste erbittert, immer unentschieden blieb, so hatten wir am meisten davon zu leiden. Sobald wir aus der Umfassungsmauer heraus waren, verfolgten wir einen alten Weg, der in südwestlicher Richtung lief, auch hie und da tief eingeschnittene Spuren der alten Fahrzeuge zeigte, und wie alle auf die Hauptstadt zugehenden Wege rechts und links mit Gräben eingefasst war. Die Gegend war einförmig und einsam, obschon keineswegs der Vegetation entbehrend, und überall zeigte sich fetter rother 20Thonboden. Ueber 2000' hoch war die Kälte sehr empfindlich, und das monotone Plateau wurde nur ein Mal, eine Stunde von Cyrene entfernt, von einem Uadi dem Isnait-Thale, welches von S.-O. nach N.-W. streicht, unterbrochen. Nach drei Stunden erreichten wir Safsaf, wo eine der grossartigsten Cysternen die Aufmerksamkeit des Reisenden in Anspruch nimmt. Höchst wahrscheinlich sammelten diese Cysternen, welche das Wasser einer ganzen Niederung aufnehmen, den Regen für Cyrene selbst, da die um die Cysterne liegenden Ruinen nur unbedeutend sind, also so grossartiger Reservoirs nicht bedurften. Wahrscheinlich existirte in alten Zeiten eine Wasserleitung, um das Wasser nach der Stadt zu führen.
Die überdeckten Bogen der Cysterne gewährten nur auf einige Augenblicke Schutz gegen den Regen, zudem drohten die höchsten Punkte in dem Wasserbehälter auch überschwemmt zu werden. Wir beschlossen daher so rasch wie möglich nach dem circa eine Stunde südwestlich davon gelegenen Gasr Gaigab zu gehen, wo wir auf Schutz gegen das immer mehr rasende Wetter hoffen durften. Dem Aduli war dies doppelt lieb, da er dort ganz in der Nähe seine Zelte hatte, er also auf diese Art nach Hause kam.
Ehe wir das Castell Gaigab, worin eine türkische Compagnie lag, erreichten, schickte ich einen Diener voraus, um mich anzumelden und um ein Zimmer bitten zu lassen. Und alsbald kam trotz des Regens der Commandant 21des Forts uns entgegen, und zwar barfüssig, da er sagte, er habe keine Schuhe oder Stiefeln und seine Pantoffeln seien dem Schmutze nicht gewachsen. Wie sich später herausstellte, hatte er sein Schuhzeug versetzt, um Schnaps kaufen zu können. Aber warum hatte der türkische Kriegsminister ihn und die übrigen Truppen auch monatelang ohne Gage gelassen. Unter vielen Complimenten führte der Hauptmann-Commandant, ein kleiner dicker Mann, uns ins Fort, die Thorwache trat ins Gewehr und „Has dur, ssalam dur“[10] rief der Wachcommandant, und freute sich wie ein kleines Kind, mal Gelegenheit zu haben, seine Künste produciren zu können. Von den Soldaten waren auch einige ohne Schuhe, einige sogar um ihre Beine, sans culottes, nicht zu zeigen, hatten den langen Mantel an.
Alsbald wurden wir dann in ein grosses Zimmer gebracht und ein tüchtiges Kohlenfeuer rief bald unsere halb erstarrten Glieder ins Leben, auch eine Tasse guten Kaffees war schon bereit, kurz der Hauptmann war ausser sich vor Freude, in seiner Einsamkeit so unerwartet Gäste bekommen zu haben.
Das Gasr Gaigab selbst, in gerader Linie nur drei Stunden S.-S.-O. von Cyrene gelegen, ist ein regelmässiges Viereck mit vier Eckthürmen, welche das Fort flankiren. Jede Seite der äusseren Mauer ist circa 1000' 22lang und dieselben sind 25' hoch. Im Innern sind an den 3–4' dicken Mauern zugleich die Baulichkeiten, Casernement, Officierzimmer, Küche, Arsenal und Magazine; das Fort hat für eine Besatzung von 200 Mann immer Proviant auf 1 Jahr, auch ist hinlänglich Pulver und Kugeln vorhanden. Gegen die bloss mit schlechten Steinschloss bewaffneten Beduinen bietet es also hinlänglich Schutz. Auf den vier Eckthürmen stehen zudem je eine mächtige Kanone, wahrscheinlich von einem an der Küste früher ein Mal gestrandeten Schiffe genommen, denn das englische Wappen ist darauf, die Jahreszahl ist aber schon abgerostet und ob dieselben überhaupt noch sehr tüchtig sind, möchte ich sehr bezweifeln.
Wir waren bald heimisch eingerichtet und Abends hatte ich die Ehre mit dem Hauptmann zu speisen, gegen die Sitte der vornehmen Türken waren keine Messer und Gabel vorhanden, jedoch Teller; um nicht unangenehm zu berühren, legte auch ich mein Besteck, das mein Diener mir hingelegt hatte, wieder weg, um nach Adams Manier zu essen. Als er mir aber, um den Mund abzuwischen, sein eigenes schmutziges Taschentuch reichen wollte, dankte ich höflichst und liess mir rasch meine Serviette reichen. Die übrigen Officiere thaten Leporello-Dienste, durften aber nicht mit uns bei Tische essen. Auch erlaubte nie der Capitän, dass einer der Officiere die Gläser füllte (selbverständlich schlechter Araki) und als ich ihm im Scherze mal zurief, den Officieren 23doch auch ein Glas zu geben, machte er ein Gesicht, als ob er eine Ohrfeige bekommen hätte, und ängstlich die Flasche, als um sie zu schützen, in die Hand nehmend, erwiederte er, sie tränken nie. Die armen Effendi, wie gern hätten sie auch wohl ein Glas genommen, aber wenn es dem Commandant möglich war, trotz der Soldlosigkeit, sich Geld oder Credit für Araki zu erschwingen, so vermochten das die übrigen Officiere doch nicht, indess rächten sie sich nachher, denn der Hauptmann zechte so lange, bis er aus meinem Zimmer herausgetragen werden musste, und nun liessen die beiden anderen Effendi schnell den Rest der Flasche in ihre durstigen Kehlen verschwinden und stellten dann die leere Flasche an die Lagerseite des sorglos, aber laut schlafenden Commandanten.