Ida: Der große Saal oben —?
Wilhelm: Ja, der — Wenn wir in diesen Raum eintraten, da mochte die Sonne noch so hell zum Fenster ’reinscheinen, — für uns war es dann Nacht . . . . Na siehst Du — da . . . . da liefen wir eben zur Mutter . . . . Wir liefen ihm einfach fort — und da spielten sich Scenen ab —: Mutter zog mich am linken, Vater am anderen Arm . . . . Es kam soweit: Friebe mußte uns hinauftragen. Wir wehrten uns, wir bissen ihm in die Hände; natürlich half das nichts, unser Dasein wurde nur unerträglicher . . . . . . . . . . . . . Aber widerspenstig blieben wir, und nun weiß ich, fing Vater an uns zu hassen. Wir trieben es so lange, bis er uns eines Tages die Treppe hinunterjagte. Er konnte uns nicht mehr ertragen — unser Anblick war ihm ekelhaft.
Ida: Aber Dein Vater — das giebst Du doch zu? — eine gute Absicht hat er doch gehabt mit Euch. Ihr solltet eben viel lernen, wie . . . .
Wilhelm: Bis zu einem gewissen Grade mag er ja auch damals eine gute Absicht — vielleicht gehabt haben. Aber wir waren ja zu der Zeit erst Jungens von neun oder zehn Jahren und von da ab, hört die gute Absicht auf. — Im Gegentheil: damals hat er die Absicht gehabt, uns total verkommen zu lassen. — Ja, ja! Mutter zum Possen . . . . Fünf Jahre lang waren wir im verwegensten Sinne uns selbst überlassen . . . . Banditen und Tagediebe waren wir . . . . . . . . . . Ich hatte noch etwas, ich verfiel auf die Musik. Robert hatte nichts — Aber wir verfielen auch noch auf ganz andre Dinge — deren Folgen wir wohl kaum jemals verwinden werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Schließlich schlug Vater wohl das Gewissen. Es gab fürchterliche Scenen mit Mutter. Am Ende wurden wir doch aufgepackt und in einer Anstalt untergebracht. Und als ich mich an das Sklavenleben dort nicht mehr gewöhnen konnte und davonlief, ließ er mich einfangen und nach Hamburg schaffen; Der Taugenichts sollte nach Amerika . . . Der Taugenichts lief natürlich wieder davon. Ich ließ Eltern Eltern sein und hungerte und darbte mich auf meine eigene Faust durch die Welt. Robert hat ungefähr die gleiche Carrière hinter sich.
Aber Taugenichtse sind wir deshalb in Vaters Augen doch geblieben . . . . — später war ich einmal so naiv eine Unterstützung von ihm zu fordern — nicht zu bitten! Ich wollte das Conservatorium besuchen. Da schrieb er mir auf einer offenen Postkarte zurück: Werde Schuster. — Auf diese Weise, Ida! sind wir so eine Art self made man — aber wir sind nicht besonders stolz darauf.
Ida: — Wahrhaftig Willy . . . . ich kann wahrhaftig nicht anders . . . . ich fühle Dir wirklich Alles nach; aber — ich kann augenblicklich nicht ernst . . . . Sieh mich nicht so fremd an, bitte, bitte!
Wilhelm: O Du, — das ist bitter — und nicht zum Lachen.
Ida (ausbrechend): ’S ein Jubelgefühl, Wilhelm! ich muß Dir sagen . . . . es mag selbstsüchtig sein, — aber ich freue mich so furchtbar — daß Du, das so brauchen kannst . . . . Ich will Dich ja so lieb haben, Wilhelm! . . . . Ich sehe so mit einem Mal Zweck und Ziel. Ach, ich bin ganz confus! Ich bedaure Dich ja so sehr. Aber je mehr ich Dich bedaure, je mehr freue ich mich. Verstehst Du, was ich meine? Ich meine . . . . . . ich bilde mir ein, — ich könnte Dir vielleicht Alles, was Du entbehrt hast . . . . alle Liebe, die Du entbehrt hast, mein ich, könnte ich Dir vielleicht reichlich . . . .
Wilhelm: Wenn ich’s nur — verdiene, — Du! — denn nun kommt — etwas, — was mich allein — betrifft . . . . . . . . . . . . Vor Jahren . . . . nein — es ist . . . . Ich kam nämlich später hie und da besuchsweise zur Mutter. — Mach’ Dir’ mal klar, Ida! — wenn ich so das ganze Elend wiedersah . . . . mach Dir ’mal klar wie mir da — zu Muthe werden mußte.