Es geht schon vorüber, lassen Sie mich!
Lucie:
Ich möchte Sie aber wirklich gern dazu bewegen, mit mir auf mein Zimmer zu gehn!
Eveline:
Wissen Sie, wie mir mein Leben vorkommt, Fräulein? — Sie sind eine Frau, warum soll ich nicht offen zu Ihnen sein? — Man baut mit unendlicher Mühe, mit blutigem Mörtel und schweren Steinen ein festes Gebäude, und wenn es fertig ist, ist es ein Kartenhaus.
Lucie:
Sie sehen in diesem Augenblick die Welt in einem zu trüben Lichte.
Eveline:
Ja, ich sehe sie wie etwas vollkommen Fremdes, etwas vollkommen Uninteressantes, abschreckend Gleichgültiges an. Trostlos ist sie, leer und stockfinster. — Sie glauben, ich übertreibe, Fräulein! Aber ich habe wahrhaftig keine unbescheidnen Wünsche gehegt! Ein Familienleben! Ein bescheidnes Auskommen! Selbst das wenige hat mir der Himmel in seiner unergründlichen Güte versagt. Ja, er hat sich erschlichen, was ich mir verdient habe. Ich war jung wie Sie und vielleicht unternehmender, als Sie sind. Ich weiß es nicht. Ich ging nach England, ich machte Ersparnisse. Ich war gut gekleidet. In meinen Ferien konnte ich reisen. Meine Freundin und ich, wir besuchten Holland, die Normandie, wir brauchten nicht knausern, wir speisten in den ersten Hotels an der Table d'hôte! Und nun kam Schilling! Ich dachte, er ist ein redlicher Mensch! Ich dachte, er wird seine Pflichten achten und mein bißchen Erspartes ist bei ihm, dacht ich, in guter Hand. Ja freilich! Sehen Sie mich nur an. (Sie zeigt die großen Flicken in ihrem Rock und das zerrissene Futter ihres schäbigen Jacketts.) Ich habe alles hingegeben, alles umsonst zum Opfer gebracht.
Lucie