Eine Stadt, wie das moderne Athen, das sich mit viel Geräusch zwischen Akropolis und Lykabethos einschiebt, muß erst in einem gewissen Sinn überwunden werden, bevor der Geist sich der ersehnten Vergangenheit ungestört hingeben kann. Zum dritten Mal bin ich nun im Theater des Dionysos, dessen sonniger Reiz mich immer aufs neue anlockt. Es hält schwer, sich an dieser Stelle in die furchtbare Welt der Tragödie zu versetzen, hier, wo sie ihre höchste Vollendung gefunden hat. Das, was ihr vor allem zu eignen scheint, das Nachtgeborene, ist von den Sitzen, aus der Orchestra und von der Bühne durch das offene Licht der Sonne verdrängt. Weißer und blendender Dunst bedeckt den Himmel, der Wind weht schwül, und der Lärm einer großen Stadt mit Dampfpfeifen, Wagengerassel, Handwerksgeräuschen und dem Geschrei der Ausrufer überschwemmt und erstickt, von allen Seiten herandringend, jedweden Versuch zur Feierlichkeit.
Was aber auch hier sogleich in meiner Seele sich regt und festnistet, fast jeder andren Empfindung zuvorkommend, ist die Liebe. Sie gründet sich auf den schlichten und phrasenlosen Ausdruck, den hier die Kunst eines Volkes gewonnen hat. Alles berührt hier gesund und natürlich, und nichts in dieser Anlage erweckt den Eindruck zweckwidriger Üppigkeit oder Prahlerei. Irgendwie gewinnt man, lediglich aus diesen architektonischen Resten, die Empfindung von etwas Hellem, Klar-Geistigem, das mit der Göttin im Einklang steht, deren kolossalisches Standbild auf dem hinter mir liegenden Felsen der Akropolis errichtet war, und deren heilig gesprochenen Vogel, die Eule, man aus den Löchern der Felswand, und zwar in den lichten Tag und bis in die Sitzreihen des Theaters hinein, rufen hört.
Ich wüßte nicht, wozu der wahrhaft europäische Geist eine stärkere Liebe fühlen sollte, als zum Attischen. Bei Diodor, den ich leider nur in Übersetzung zu lesen verstehe, wird gesagt: die alten Ägypter hätten der Luft den Namen Athene gegeben, und Glaukopis beziehe sich auf das himmlische Blau der Luft. Der Geist, der hier herrschte, blieb leicht und rein und durchsichtig, wie die attische Luft, auch nachdem das Gewitter der Tragödie sie vorübergehend verfinstert, der Strahl des Zeus sie zerrissen hatte.
Als höchste menschliche Lebensform erscheint mir die Heiterkeit: die Heiterkeit eines Kindes, die im gealterten Mann oder Volk entweder erlischt, oder sich zur Kraft der Komödie steigert. Tragödie und Komödie haben das gleiche Stoffgebiet: eine Behauptung, deren verwegenste Folgerungen zu ziehen, der Dichter noch kommen muß. Der attische Geist erzeugt, wie die Luft eines reinen Herbsttages, in der Brust jenen wonnigen Kitzel, der zu einem beinahe nur innen spürbaren Lachen reizt. Und dieses Lachen, durch den Blick in die Weite der klaren Luft genährt, kann sich wiederum bis zu jenem steigern, das im Tempel des Zeus gehört wurde, zu Olympia, als die Sendboten des Caligula Hand anlegten, um das Bild des Gottes nach Rom zu schleppen.
Man soll nicht vergessen, daß Tragödie und Komödie volkstümlich waren. Es sollen das diejenigen nicht vergessen, die heute in toten Winkeln sitzen. Beide, Tragödie, wie Komödie, haben nichts mit schwachen, überfeinerten Nerven zu tun, und ebensowenig, wie sie, ihre Dichter — am allerwenigsten aber ihr Publikum. Trotzdem aber keiner der Zuschauer jener Zeiten, etwa wie viele der heutigen, beim Hühnerschlachten ohnmächtig wurde, so blieb, nachdem die Gewalt der Tragödie über ihn hingegangen war, die Komödie eines jeden unabweisliche Gegenforderung: und das ist gesund und ist gut.
Die ländlichen Dionysien wurden an der Südseite der Akropolis, im Lenäon, nach beendeter Weinlese abgehalten. Was hindert mich, trotzdem, das sogenannte Schlauchspringen mir unten in der Orchestra meines Theaters vorzustellen? Man sprang auf einen geölten, mit Luft gefüllten Schlauch, und suchte, einbeinig hüpfend, darauf Fuß zu fassen. Das ist der Ausdruck überschäumender Lustigkeit, ein derber überschüssiger Lebensmut. Und nicht aus dem Gegenteil, nicht aus der Schwäche und Lebensflucht entstehen Tragödie und Komödie!
Ein deutscher Kegelklub betritt, von einem schreienden Führer belehrt, den göttlichen Raum. Man sieht es den hilflos tagblinden Augen der Herren an, daß sie vergeblich hier etwas Merkwürdiges suchen. Ich würde ihren gelangweilten Seelen gönnen, sich wenigstens an der Vorstellung aufzuheitern, dem tollen Sprung auf den öligen Schlauch, die mich ergötzt.
Heut betrete ich, ich glaube zum viertenmal, die Akropolis. Es ist länger als fünfundzwanzig Jahre her, daß mein Geist auf dem Götterfelsen heimisch wurde. Damals entwickelte uns ein begeisterter Mann, den inzwischen ein schweres Schicksal ereilt hat, seine Schönheiten. Es ist aber etwas anderes, von jemand belehrt zu werden, der mit eigenen Augen gesehen hat, oder selber die steilen Marmorstufen zu den Propyläen hinaufzusteigen und mit eignen Augen zu sehn.
Ich finde, daß diese Ruinen einen spröden Charakter haben, sich nicht leicht dem Spätgeborenen aufschließen. Ich habe das dunkle Bewußtsein, als ob etwa über die Säulen des Parthenon von da ab, als man sie wieder zu achten anfing, sehr viel Berauschtes verfaßt worden wäre. Und doch glaube ich nicht, daß es viele gibt, die von den Quellen der Berauschung trunken gewesen sind, die wirklich im Parthenon ihren Ursprung haben.
Wie der Parthenon jetzt ist, so heißt seine Formel: Kraft und Ernst! Davon ist die Kraft fast bis zur Drohung, der Ernst fast bis zur Härte gesteigert. Die Sprache der Formen ist so bestimmt, daß ich nicht einmal glauben kann, es sei durch die frühere, bunte Bemalung ihrem Ausdruck etwas genommen worden.