Ich habe das schwächliche Griechisieren, die blutlose Liebe zu einem blutlosen Griechentum niemals leiden mögen. Deshalb schreckt es mich auch nicht ab, mir die dorischen Tempel bunt und in einer für manche Begriffe barbarischen Weise bemalt zu denken. Ja, mit einer gewissen Schadenfreude gönne ich das den Zärtlingen. Ich nehme an, es gab dem architektonischen Eindruck eine wilde Beimischung. Möglicherweise drückte das Grelle des farbigen Überzugs den naiven Stand der Beziehungen zwischen Göttern und Menschen aus, indem er fast marktschreierisch zu festlichen Freuden und damit zu tiefer Verehrung einfing.
Jeder echte Tempel ist volkstümlich. Trotz unserer europäischen Kirchen und Kathedralen glaube ich, gibt es bei uns keine echten Tempel in diesem Betrachte mehr. Vielleicht aus dem Grunde, weil sich bei uns die Lebensfreude von der Kirche geschieden hat, die nur noch gleichsam den Tod und die Gruft verherrlicht. Die Kirchen bei uns sind Mausoleen: wobei ich nur an die katholischen denke. Einen protestantischen Tempel gibt es nicht. Da nun aber das Leben lebt und lebendig ist, so erzeugt sich auch immer unfehlbar wieder der Trieb zur Freude. Und er ist es, der heute das Theater, den gefährlichsten Konkurrenten der Kirche, geschaffen hat. Ich behaupte, was heut die Menschen zur Kirche treibt, ist entweder Todesangst oder Suggestion. Das Theater bedarf solcher Mittel nicht, um Menschen in seine Räume zu bringen. Dorthin drängen sie sich vielmehr, wie Spatzen, von einem fruchtbeladenen Kirschbaume angelockt.
Wenn heut bei uns eine Gauklergesellschaft auf dem Dorfplan Zelte errichtet, herrscht sogleich unter der Mehrzahl der Dörfler, vor allem aber unter den Kindern, festliche Aufregung. Kunstreiter oder Bänkelsänger mit der neuesten Moritat, sie genießen, obgleich in Acht und Bann seit Jahrtausenden, immer die gleiche, natürliche Zuneigung. Der Karren des Thespis war nicht in Acht und Bann getan; ja, Thespis erhielt im Theater, im heiligen Bezirk des Dionysos, seine Statue, und doch scheint er auch nur mit der Moritat von Ikarios umhergezogen zu sein. Kurz, was heute in Theater und Kirche zerfallen ist, war damals ganz und eins; und, weit entfernt ein memento mori zu sein, lockte der Tempel ins höhere, festliche Leben, er lockte dazu, wie ein buntes, göttliches Gauklerzelt.
Während unsre Kirchen eigentlich nur den Unterirdischen geweiht zu sein scheinen, galten die griechischen Tempel als Wohnung der Himmlischen. Deshalb senkten sie lichte Schauder ins Herz, statt der dunklen, und die Pilger ergriff zugleich, in der olympischen Nähe, Furcht, Seligkeit, Sehnsucht und Neid.
Starker Wind. Gesundes, sonniges Wetter. In der Luft wohnt deutscher Frühling. Der Parthenon: stark, machtvoll, ohne südländisches Pathos, rauscht im Winde laut, wie eine Harfe oder das Meer. Ein deutscher Grasgarten ist um ihn herum. Frühlingsblumen beben im Luftzug. Um alle die heiligen Trümmer auf dem grünen Plateau der Akropolis weht Kamillen-Arom. Es ist ein unsäglich entzückender Zustand, zwischen den schwankenden Gräsern auf irgendeinem Stück Marmor zu sitzen, die Augen schweifen zu lassen, über die blendend helle, attische Landschaft hin. Hymettos zur Linken, Penthelikon, als Begrenzung der Ebene. Der Parnes, bei leichter Rückwärtswendung des Kopfes sichtbar. Silbergraue Gebirgswälle, im weiten Kreisbogen um Athen und den Götterfelsen gelagert, der mit dem Parthenon auf dem Scheitel alles beherrscht. Hier stand Athene, aufrecht, mit der vergoldeten Speerspitze. Vom Parnes grüßte der Zeus Parnethios, vom Hymettos grüßte der Zeus Hymethios. Vom Penthele ein zweites Bild der Athene. Attika war von Göttern bewohnt, von Göttern auf allen umliegenden Höhen bewacht, die einander mit göttlichen Brauen zuwinkten. Geradeaus, unter mir, liegt tiefblau, in die herrliche Bucht geschmiegt, das Meer. Aegina und Salamis grüßen herüber ... Ich atme tief! ...
Ich sitze auf einem Priestersessel im Theater des Dionysos. Hähne krähen; es ist, als ob Athen und die Demen nur von Hähnen bewohnt wären. Der städtische Lärm tritt heut ein wenig zurück, und das Geschrei der Ausrufer ist durch das oft wiederholte Geschrei von weidenden Eseln abgelöst. Brütende Sonne erwärmt die gelblichen Marmorsessel und Marmorstufen.
Etwa 30000 Zuschauer wurden auf diesen Stufen untergebracht, von denen nicht allzuviele Reihen erhalten sind; und hinter und über der letzten, obersten Reihe thronten die Götter: denn dort überragt das ganze Theater die rötliche Felswand der Akropolis, gewiß noch heut der seltsamste, rätselvollste und zugleich lehrreichste Fels der Welt.
Noch heute, jenseit von allem Aberglauben jener Art, wie er im Altertum im Volke lebt und dichtet, empfinde ich doch die Kraft, die schaffende Kraft dieses Glaubens tief, und wenn mein Wille allein es meistens ist, der die ausgestorbene Götterwelt zu beleben sucht, hier, angesichts dieses ragenden Felsens, erzeugt sich augenblicksweise, fast unwillkürlich ein Rausch der Göttergegenwart. Zweifellos war es ein Grad der Ekstase, der jene Dreißigtausend hier, auf dem geheiligten Grund des Eleutherischen Dionysos, im Angesichte der heiligen Handlung des Schauspiels befiel, den zu entwickeln dem glaubensarmen Geschlecht von heut das Mittel abhanden gekommen ist. Und ich stehe nicht an, zu behaupten, daß alle Tragiker, bis Euripides, so sehr sie sich von der derb naiven Gläubigkeit der Menge gesondert haben mögen, von Gottesfurcht oder Götterfurcht und vom Glauben an ihre Wirklichkeit, besonders hier, am Fuße und im Bereich des Gespensterfelsens, durchdrungen gewesen sind.
Die Akropolis ist ein Gespensterfelsen. In diesem Theater des Dionysos gingen Gespenster um. In zahllosen Löchern des rotvioletten Gesteins wohnten die Götter, wie Mauerschwalben. Es ist eine enggedrängte, überfüllte, göttliche Ansiedelung: hatten doch, nach Pausanias, die Athener für das Göttliche einen weit größeren Eifer, als die übrigen Griechen. Die Art, wie sie allen möglichen Göttern Asyle und wieder Asyle gründeten, deutet auf Angst. Während ich solchen Gedanken nachhänge, höre ich hinter mir wiederum den Vogel der Pallas, aus einem Felsloch, klägliche Laute in den Tag hineinwimmern und stelle mir vor, wie wohl die atemlos lauschenden Tausende ein Schauer bei diesem Ruf überrieselt hat.
Die Seelenverfassung der großen Tragiker wurde unter anderem auch von dem Umstand bedingt, daß sie Götter als Zuschauer hatten. Daß es so war, ist für mich eine Wirklichkeit. Die Woge des Glaubens, die ihnen aus dreißigtausend Seelen entgegenschlug, verstärkt durch die Nähe göttlicher Troglodyten und Tempelbewohner des Felsens, war allein schon wie eine ungeheure Sturzwelle, und jede Skepsis wurde hinweggespült.