„An der sogenannten südlichen Mauer der Burg, dem Theater zugekehrt, ist ein vergoldetes Haupt, der Gorgone Medusa geweiht, und um dasselbe ist die Ägide angebracht. Am Giebel des Theaters ist im Felsen unter der Burg eine Grotte; auch über dieser steht ein Dreifuß; in ihr sind Apollo und Artemis, wie sie die Kinder der Niobe töten“, schreibt Pausanias. Ein Heiligtum der Artemis Brauronia ist auf der Burg. Der große Tempel der Pallas Athene, ein Heiligtum des Erechtheus, des Poseidon, Altäre des Zeus, zahllose Statuen von Halbgöttern, Göttern und Heroen sind da, Äskulap hat im Felsen sein Heiligtum, Pan seine Grotte, sogar Serapis hat seinen Tempel. Zwei Grotten standen Apollon zu, dem „Apoll unter der Höhe“. Ein tiefer Felsspalt ist der Ort, wo der Gott Creusa, die Tochter Erechtheus’, überraschte und den Stammvater aller Jonier mit ihr zeugte. Hephästos besaß seinen Altar und so fort.
Alle diese Gottheiten lebten nicht nur auf der Burg. Sie durchwanderten bei Nacht und sogar am Tage die Straßen der Stadt. Der Mann aus dem Volke, das Weib aus dem Volke war nicht imstande, die Gebilde des nächtlichen Traums von denen des täglichen Traums zu sondern. Beide waren ihnen so gut, wie das, was sie sonst mit Augen wahrnahmen, Wirklichkeit.
Die Tragiker hatten Götter als Zuschauer, und dadurch wurde nicht nur die Grundverfassung ihrer Seele mit bedingt, sondern die Art des Dramas, das sie hervorbrachten. Auch in diesem Drama traten Götter und Menschen im Verkehr miteinander auf, und es ward damit, in einem gewissen Sinne, das geheiligte Spiegelbild der ins Erhabene gesteigerten Volksseele. Was wäre ein Dichter, dessen Wesen nicht der gesteigerte Ausdruck der Volksseele ist!
Es ist der Vormittag des 20. April. Ich habe den Felsen des Areopag erstiegen. Zwei Soldaten schlafen in einer versteckten Mulde. Esel schreien; Hähne krähen. Der Ort ist verunreinigt. An einem Teile des Felsens werden Vermessungen vorgenommen. Wieder liegt das weiße, blendende Licht über der Landschaft.
Auf diesem Hügel des Ares, heißt es, ist über den Kriegsgott Gericht gehalten worden, in Urzeiten, irgend eines vereinzelten Mordes wegen, den er begangen hatte. Hier, sagt man, wurde Orestes gerichtet und losgesprochen, trotzdem er die Mutter ermordet hatte. In nächster Nähe soll hier ein Heiligtum der Erinnyen gewesen sein, der zürnenden Gottheiten, die von den Athenern die Ehrwürdigen, oder ähnlich, genannt wurden. Ihre Bildnisse sollen nicht schreckenerregend gewesen sein, und erst Äschylos hat ihnen Schlangen ins Haar geflochten.
Es fällt wiederum auf, wie überladen mit Götterasylen der nahe Burgfelsen ist: mit Nestern, Gottesgenisten könnte man sagen! Jeder Spalt, jede Höhle, jeder Fußbreit Stein war für die oberirdischen, unterirdischen oder auch für solche Gottheiten, die im Wasser leben, ausgenützt. Es ist erstaunlich, daß sie hier untereinander Frieden hielten. Vielleicht geschah es, weil Pallas Athene, als Höchstverehrte, über den andern stand.
Man ist hier auf dem Areopag erhaben über der Stadt. Man übersieht einen Teil von ihr und den Theseustempel. Man sieht gegenüber, durch ein Tal getrennt, die Felsplatten der Pnyx. Man hört die zahllosen Schwalben des nahen Burgfelsens zwitschern. Dies Zwitschern wird zu einer sonderbaren Musik, wenn man sich an den ersten Gesang der Odyssee und an die folgenden Verse erinnert:
„Also redete Zeus’ blauäugigte Tochter, und eilend
Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin ...“
und an die Neigung der Himmlischen überhaupt, sich in allerlei Tiere, besonders in Vögel, umzuwandeln.