Ich lasse mich nieder, lausche und betrachte den zwitschernden Götterfelsen, die Akropolis. Ich schließe die Augen und finde mich durch das Zwitschern tief und seltsam aufgeregt. Es kommt mir vor, indem ich leise immer wieder vor mich hinspreche: Der zwitschernde Fels! Die zwitschernden Götter! Der zwitschernde Götterfels! als habe ich etwas aus der Seele eines naiven Griechen jener Zeit, da man die Götter noch ehrte, herausempfunden. Vielleicht, sage ich mir, ist, wenn man eine abgestorbene Empfindung wieder beleben kann, damit auch eine kleine, reale Entdeckung gemacht.
Und plötzlich erinnere ich mich der „Vögel“ des Aristophanes, und es überkommt mich zugleich in gesteigertem Maße Entdeckerfreude. Ich bilde mir ein, daß mit dieser Empfindung: „der zwitschernde Fels, die zwitschernden Götter“, im Anblick der Burg, der Keim jenes göttlichen Werkes in der Seele des freiesten unter den Griechen zuerst ins Leben getreten ist. Ich bilde mir ein, vielleicht den reinsten und glücklichsten Augenblick, einen Schöpfungsakt seines wahrhaft dionysischen Daseins, neu zu durchleben, und will es jemand bezweifeln, so raubt er mir doch die heitere, überzeugte Kraft der Stunde nicht.
„... Tioto, tioto, tiotix!
Widerhallte der ganze Olympos.“
Frische, nordische Luft. Nordwind. Eine ungeheure Rauch- und Staubwolke wird von Norden nach Süden über das ferne Athen hingejagt. Gegen den Hymettos zieht der bräunliche Dunst, Akropolis und Lykabettos in Schleier hüllend. Ich verfolge, vom Rande der phalerischen Bucht, ein beinahe ausgetrocknetes Flußbett, in der Richtung gegen den Parnes. Schwalben flattern über den spärlichen Wasserpfützen in lebhafter Erwerbstätigkeit. Ich habe zur Linken die letzten Häuser und Gärten der Ansiedelung von Neu-Phaleron, hinter einem Feld grüner Gerste, die in Ähren steht. Zur Rechten, jenseit des Flußlaufs, gegen das ferne Athen hin, sind ebenfalls ausgedehnte Flächen mit Gerste bebaut. Die Finger erstarren mir fast, wie ich diese Bemerkung in mein Buch setze. Die Landschaft ist fast ganz nordisch. Vereinzelte Kaktuspflanzen an den Feldrainen machen den unwahrscheinlichsten Eindruck. Ich beschreite einen Feldweg. Um mich, zu beiden Seiten, wogt tiefgrün die Gerste. Man muß die Alten und das Getreide zusammendenken, um ganz in ihre sinnliche Nähe zu gelangen, mit ihnen vertraut, bei ihnen heimisch zu sein.
Die Akropolis, mit dem Parthenon, erhebt sich unmittelbar aus der weiten Prärie, aus der wogenden See grüner Halme, empor.
Ich kreuze die Landstraße, die von Athen in grader Linie nach dem Piräus hinunter führt, und stoße auf eine niederländische Schänke, unter mächtigen, alten Eschen, die an Ostade oder Breughel erinnert. Ich erblicke, mich gegen Athen wendend, über dem Ausgangspunkt der Straße wiederum die Akropolis mit dem Parthenon. Der Verkehr, mit Mäulern und Pferden an hochrädrigen Karren, bewegt sich in zwei fast ununterbrochenen Reihen von Athen zum Piräus hinunter und umgekehrt. Es wird sehr viel Holz nach Athen geschafft. Unter vielen Mühen, in beinahe undurchdringlichen Staubwolken, arbeite ich mich gegen eisigen Wind. Hunde und Hühner bevölkern die Landstraße. Im Graben, im Grase, das eine dicke Staubschicht überzieht, liegt, grau wie der Staub, ein todmüder Esel und hebt seinen mageren Kopf mir zu. Kantine an Kantine begleitet die Straße rechts und links in arger Verwahrlosung. Ich bin beglückt, als ich einen tüchtigen Landmann, mit zwei guten Pferden, die Hand am Pflug, seinen Acker bestellen sehe, ein Anblick, der in all diesem jämmerlich verstaubten Elend erquickend ist.
Ich weiche dem Staub, verlasse die Straße, und bewege mich weiter, dem Parnes zu, in die Felder hinein. Nun sehe ich die Akropolis wiederum und zwar in einem bleichen, kreidigen Licht, zunächst über blühenden Obstgärten auftauchen. Der Parthenongiebel steht, klein wie ein Spielzeug, kreidig-bleich. In langen Linien schießen die Schwalben dicht über das Gras der Auen und über die Ähren der Gerstenfelder hin. Ich muß an den Flug der Götter denken, an den schemenhaft die ganze Landschaft beherrschenden, zwitschernden Götterfels, und wie von Athene gesagt ist:
„Plötzlich entschwand sie den Blicken und gleich der Schwalbe von Ansehn