Ich liege, unweit von Kloster Daphni, unter Kiefern, auf einem Bergabhange hingestreckt. Der Boden ist mit braunen Kiefernadeln bedeckt. Zwischen diesen Nadeln haben sich sehr feine, sehr zarte Gräser ans Licht gedrängt. Aber ich bin hierher gekommen, verlockt von zarten Teppichen weißer Maßliebchen. Sie zogen mich an, wie etwa ein Schwarm lieblicher Kinder anzieht, die man aus nächster Nähe sehen, mit denen man spielen will. Nun liege ich hier und um mich, am Grunde, nicken die zahllosen kleinen, weißen Schwestern mit ihren Köpfchen. Es ist kein Wald. Es sind ganz winzige Hungerblümchen, unter denen ich ein Ungeheuer, ein wahres Gebirge bin. Und doch strömen sie eine Beseligung aus, die ich seit den Tagen meiner Kindheit nicht mehr gefühlt habe.
Und auch damals, in meiner Kindheit, schwebte eine Empfindung, dieser ähnlich, nur feiertäglich durch meine Seele. Ich erinnere mich eines Traumes, den ich zuweilen in meiner Jugend gehabt habe, und der mir jedesmal eine Schwermut in der Seele ließ, da er mir etwas, wie eine unwiederbringliche, arkadische Wonne, schattenhaft vorgaukelte. Ich sah dann stets einen sonnigen, von alten Buchen bestandenen Hang, auf dem ich mit anderen kleinen Kindern bläuliche Leberblümchen abpflückte, die sich durch trockenes, goldbraunes Laub zum Lichte hervorgedrängt hatten. Mehr war es nicht. Ich nehme an, daß dieser Traum nichts weiter, als die Erinnerung eines besonders schönen, wirklich durchlebten Frühlingsmorgens war, aber es scheint, daß ein erstes Genießen der goldenen Lust, zu der sich die Sinne des Kindes erschlossen, das unvergeßliche Glück dieser kurzen Stunde gewesen ist.
Ich liege auf olympischer Erde ausgestreckt. Ich bin, wie ich fühle, zum Ursprung meines Kindestraumes zurückgekehrt. Ja, es ward mir noch Höheres vorbehalten! Mit reifem Geist, mit bewußten, viel umfassenden Sinnen, im vollen Besitz aller schönen Kräfte einer entwickelten Seele, ward ich auf dieses feste Erdreich so vieler ahnungsvoll-grundloser Träume gestellt, in eine Erfüllung ohnegleichen hinein.
Und ich strecke die Arme weit von mir aus und drücke mein Gesicht antäos-zärtlich zwischen die Blumen in diese geliebte Erde hinein. Um mich beben die zarten Grashalme. Über mir atmen die niedrigen Wipfel der Kiefern weich und geheimnisvoll. Ich habe in mancher Wiese bei Sonnenschein auf dem Gesicht oder Rücken gelegen, aber niemals ging von dem Grunde eine ähnliche Kraft, ein ähnlicher Zauber aus, noch drang aus hartem Geröll, das meine Glieder kantig zu spüren hatten, wie hier ein so heißes Glück in mich auf.
Ich bin auf der Rückfahrt von Eleusis nach Athen wieder in diese lieblichen Berge gelangt. Die heilige Straße liegt unter mir, die Athen mit Eleusis verbindet. Herden von Schafen und Ziegen, die in dem grauen Gestein der Talabhänge umhersteigen, grüßen von da und dort mit ihrem Geläut, das, melodisch glucksend, an die Geräusche eines plaudernden Bächleins erinnert.
In der Nähe beginnt ein Kuckuck zu rufen, zunächst allein: und heiter gefragt, schenkt er mir drei Jahrzehnte als Antwort. Es ist mir genug! Nun tönt aus den Kiefernhainen von jenseit des heiligen Weges ein zweiter Prophet: und beide Propheten beginnen und fahren lange Minuten unermüdet fort, sich trotzig und wild, über die ganze Weite des Bergpasses hin, wahrscheinlich widersprechende Prophezeiungen zuzurufen.
Und wieder spüre ich um mich das Hallende. Die Rufe der streitenden Vögel wecken einen gespenstisch verborgenen Schwarm ihresgleichen zu einem Durcheinander von kämpfenden Stimmen auf und mit einer nur geringen Kraft der Einbildung höre ich den Lärm des heiligen Fackelzuges, von Athen gen Eleusis, aus den Bergen zurückschlagen.
Emporgestiegen zu den Gipfeln habe ich rings umher graues Geröll eines Bergrückens, Krüppelkiefern und Thymian, Mittagshitze und Mittagslicht. Unter mir liegen eingeschlossene Steintäler, verlassen und großartig pastoral. Hohe peloponnesische Schneeberge, Hymettos, Likabethos und Pentelikon schließen rings den Gesichtskreis ein. Der saronische Golf und die eleusinische Bucht leuchten herauf mit blauen Gluten. In heißen, zitternden Wolken, zieht überall würzig-bitterer Kräuterduft. Überall summen die Bienen der Demeter.
Wir betreten heute, gegen zehn Uhr abends, im Lichte des Vollmonds die Akropolis. Meine Erwartung, nun gleichsam alle Gespenster der Burg lebendig zu sehen, erfüllt sich nicht: Es müßte denn sein, daß sie alle in dem heiligen Äther aufgelöst seien, der den ganzen Tempelbezirk entmaterialisiert.
Mehr wie am Tage empfinde ich heut, und schon auf den Stufen der Propyläen, das Heiligtum, das Bereich der Götter. Ich zögere, weiter zu schreiten. Ich lasse mich im tiefen Schlagschatten einer Säule nieder und blicke über die Stufen zurück, die ich mir in die magisch-klare Tiefe fortgesetzt denke. Zum erstenmal verbindet sich mir das Ganze mit dem höheren Geistesleben, besonders des Perikleischen Zeitalters, dem der Burgfelsen seine letzte und höchste Weihe verdankt. Das Wirkliche wird im Lichte des Mondes schemenhaft unwirklich, und diesem Unwirklich-Wirklichen können sich historische Träume leichter angleichen.