Als vermöchte der Mond Wärme auszuströmen, so warm ist die Luft und dazu klar und still: das Zwitschern der Fledermäuse kommt aus dem Licht-Äther unter uns. Man fühlt, wie in solchem göttlichen Äther atmend und heimisch in diesem heiligen Bezirk, erlauchte Menschen mit Göttern gelebt haben. Hier, über den magischen Abgrund hinausgehoben, in einen unsäglich zarten, farbigen Glanz, war der Denker, der Staatsmann, der Priester, der Dichter, in Nächten wie diese, mit den Göttern auf gleichen Fuß gestellt und atmete, in naher Vertraulichkeit, mit ihnen die gleiche elysische Luft.

Man müßte von einem nächtlichen Blühen dieses am Tage so schroffen und harten, arg mitgenommenen Olympes reden, von einem Blühen, das unerwartet und außerirdisch die alte vergessene Götterglorie um seine Felskanten wiederherstellt.

Der Parthenon, von der Hymettosseite gesehen, ist in dieser Nacht nicht mehr das Gebilde menschlicher Bauleute. Diese scheinen vielmehr nur einem göttlichen Plane dienstbar gewesen zu sein, das Irdische gewollt, das Himmlische aber vollbracht zu haben. In diesem Tempel ist jetzt nichts Drohendes, nichts Düsteres, nichts Gigantisches mehr, und seine Steinmasse, seine irdische Schwere scheint verflüchtigt. Er ist nur ein Gebilde der Luft, von den Göttern selbst in einen göttlichen Äther hineingedacht und hervorgerufen. Er ist nicht aus totem Marmor zusammengefügt, er lebt! von innen heraus warm und farbig leuchtend, führt er das selige Dasein der Götter. Alles an ihm wird getragen, nichts trägt. Oder aber, es kommt ein Gefühl über dich, daß, wenn du, mit deinem profanen Finger, eine der Säulen zu berühren nicht unterlassen könntest, diese sogleich zu Staub zerspringen würde vor Sprödigkeit.

In dieser Stunde kommt uns die Ahnung von jenem Sein, das die Götter in ihrer Verklärung führen, von irdischen Obliegenheiten befreit. Auch Götter hatten Erdengeschäfte. Wir ahnen, von welchem Boden Platon zu seiner Erkenntnis der reinen Idee sich aufschwang. Welche Bereiche erschlossen sich in solchen schönheitstrunkenen Nächten, die warm und kristallklar zu ein und demselben Element mit den Seelen wurden ... welche Bereiche erschlossen sich den Künstlern und Philosophen hier, als den Gästen und nahen Freunden der Himmlischen!

Und damals, wie heute, drang, wie aus den Zelten eines Lustlagers, Gesang und Geschrei herauf aus der Stadt. Man braucht die Augen nicht zu schließen, um zu vergessen, daß jenes dumpfe Gebrause aus der Tiefe der Lärm des Athens von heute ist: vielmehr hat man Mühe das festzuhalten. In dieser Stunde, im Glanze des unendlichen Zaubers der Gottesburg, pocht und bebt und rauscht für den echten Pilger in allem der alte Puls. Und seltsam eindringlich wird es mir, wie das Griechentum zwar begraben, doch nicht gestorben ist. Es ist sehr tief, aber nur in den Seelen lebendiger Menschen begraben und wenn man erst alle die Schichten von Mergel und Schlacke, unter denen die Griechenseele begraben liegt, kennen wird, wie man die Schichten kennt, über den mykenäischen, trojanischen oder olympischen Fundstellen alter Kulturreste, aus Stein und Erz, so kommt auch vielleicht für das lebendige Griechenerbe die große Stunde der Ausgrabung.

Wir stehen auf dem hohen Achterdeck eines griechischen Dampfers und harren der Abfahrt. Der Lärm des Piräus ist um uns und unter uns. Wir wollen gen Delphi, zum Heiligtum des Apoll und Dionysos.

Mehr gegen den Ausgang des Hafens liegt ein weiß angestrichenes Schiff, ein Amerikafahrer, rings um ihn her auf der Wasserfläche, über die er emporragt, steht, wie auf Dielen, nämlich in kleinen Booten, eng gedrängt, eine Menschenmenge. Es sind griechische Auswanderer, Leute, die das verwunschene Land der Griechenseele nicht ernähren mag.

Dem Hafengebiet entronnen, genießen wir den frischen Luftzug der Fahrt. Unsere Herzen beleben sich. Wir passieren das kahle Inselchen, hinter dem die Schlacht bei Salamis ihren Verlauf genommen hat, den niedrigen Küstenzug, wo Xerxes seinen gemächlichen Thron errichten und vorzeitig abbrechen ließ. Der ganze, bescheidene Schauplatz deutet auf enge maritime Verhältnisse.

Die bergige Salamis öffnet in die fruchtbare Fülle des Innern ein weites Tal. Liebliche Berglehnen, Haine und Wohnstätten werden dem Seefahrer verlockend dargeboten: alles zum Greifen nahe! und es ist wie ein Abschied, wenn er vorüber muß.

Man weist uns Megara. Wir hätten es von der See aus nicht wiedererkannt: Megara, jetzt nur gespenstisch und bleich von seinen Hügeln winkend, die Stadt, die Konstantinopel gegründet hat. Wir werden den Weg der megarensischen Schiffe in einigen Wochen ebenfalls einschlagen.