Es ist still. Es ist vollkommen still und einsam hier. Das schöne Oblong der Rennbahn, eingeschlossen von den roten Steinen der Sitzreihen, ist mit zarten Gräsern bedeckt. Inmitten dieser verlassenen Wiese hat sich eine Regenlache gebildet, darin man die roten Umfassungsmauern des Felsendomes, mit vielen gelben Blumenbüscheln widergespiegelt sieht.

Ist nicht das Stadion dann am schönsten, wenn der Lärm der Ringer und Renner, wenn die Menge der Zuschauer es verlassen hat? Ich glaube, daß der göttliche Priester Apolls, Plutarch, oft, wie ich jetzt, im leeren Stadion der einzige Zuschauer war und den Gesichten und Stimmen der Stille lauschte.

Es sind Gesichte von Jugend und Glanz, Gesichte der Kraft, Kühnheit und Ehrbegier, es sind Stimmen gottbegeisterter Sänger, die unter sich wetteifernd den Sieger oder den Gott preisen. Es ist der herrlichste Teil der griechischen Phantasmagorie, die hier für den nicht erloschen ist, der gekommen ist, Gesichte zu sehen und Stimmen zu hören.

Die schrecklichen Dünste des Blutbrunnens drangen nicht bis in dieses Bereich, ebensowenig das Todesröcheln der Menschen- und Tieropfer. Hier herrschte das Lachen, hier herrschte die freie, von Erdenschwere befreite, kraftvolle Heiterkeit.

Nur im Stadion, und ganz besonders in dem zu Delphi, das über allen Tempeln und allen Altären des Götterbezirks erhaben ist, atmet man jene leichte, reine und himmlische Luft, die unseren Heroen die Brust mit Begeisterung füllte. Der Schrei und Ruf, der von hier aus über die Welt erscholl, war weder der Ruf des Hirten, der seine Herde lockt, noch war es der wilde Jagdruf des Jägers: es war weder ein Racheschrei noch ein Todesschrei, sondern es war der wild glückselige Schrei und Begeisterungsruf des Lebens.

Mit diesem göttlichen Siegesruf der lebendigen Menschenbrust begrüßte der Grieche den Griechen über die Fjorde und Fjelle seines herrlichen Berglands hinweg, dieses Jauchzen erscholl von Spielplatz zu Spielplatz: von Delphi hinüber nach Korinth, von Korinth nach Argos, von Argos bis Sparta, von Sparta hinüber nach Olympia, von dort gen Athen und umgekehrt.

Ich glaube, nur vom Stadion aus erschließt sich die Griechenseele in alledem, was ihr edelster Ruhm und Reichtum ist; von hier aus gesehen, entwickelt sie ihre reinsten Tugenden. Was wäre die Welt des Griechen ohne friedlichen Wettkampf und Stadion? Was ohne olympischen Ölzweig und Siegerbinde? eben das gleiche erdgebundene Chaos brütender, ringender und quellender Mächte, wie es auch andere Völker darstellen.

Es wird mir nicht leicht, diesen schwebenden und versteckten Spielplatz zwischen parnassischen Klippen zu verlassen, der so wundervoll einsam und wie für Meditationen geschaffen ist. Hier findet sich der sinnende Geist gleichsam in einen nährenden Glanz versenkt, und der Reichtum dessen, was in ihn strömt, kann in seiner Überfülle kaum bewahrt und behalten sein.

Man müßte vom Spiel reden. Man müßte das eigene Denken der Kinder- und Jünglingsjahre heraufrufen und jener Wegeswendung sich erinnern, wo man in eine mißmutige und freudlose Welt einzubiegen gezwungen war, die das Spiel, die höchste Gabe der Götter, verpönt. Man könnte hervorheben, daß bei uns mehr Kinder gemordet werden, als jemals in irgendeinem Bethlehem von irgendeinem Herodes gemordet worden sind: denn man läßt nie das Kind bei uns groß werden, man tötet das Kind im Kinde schon, geschweige, daß man es im Jüngling und Manne leben ließe.

Nackt wurde der Sieger, der Athlet oder Läufer dargestellt, und ehe Praxiteles, ehe Skopas seine Statuen bildete, entstanden ihre Urbilder hier im Stadion. Hier ist für die Schönheit und den Adel der griechischen Seele, für Schönheit und Adel des Körpers der Muttergrund. Hier wurde das schon Geschaffene umgeschaffen, das Umgeschaffene zum ewigen Beispiel und auch als Ansporn für höhere Artung in Erz oder Marmor dargestellt. Hier hatte die Bildung ihre Bildstätte, wenn anders Bildung das Werk eines Bildners ist.