Wer je sein Ohr an die Wände jener Werkstatt gelegt hat, deren Meister den Namen Goethe trug, der wird erkennen, daß nicht nur Wagner, der Famulus, den Menschen mit Göttersinn und Menschenhand zu bilden und hervorzurufen versuchte: alles Sinnen, Grübeln, Wirken, Dichten und Trachten des Meisters war eben demselben Endzweck rastlos untertan. Und wer nicht in jedweder Bildung seines Geistes und seiner Hände das glühende Ringen nach Inkarnation des neuen und höheren Menschen spürt, der hat den Magier nicht verstanden.
Es ist bekannt, wie gewissen griechischen Weisen, und so dem Lykurg! Bildung ein Bilden im lebendigen Fleische, nicht animalisch unbewußt, sondern bewußt „mit Göttersinn und Menschenhand“ bedeutete. Was wäre ein Arzt, der seine Kranken bekleidet sieht, und was ein Erzieher, dem jener Leib samt dem Geiste, dem er höhere Bildung zu geben beabsichtigt, nicht nackt vor der Seele stünde? Aus dem Grunde der Stadien sproßten, nackt, die athletischen Stämme einer göttlichen Saat des Geistes hervor. Und hier, auf dem Boden des delphischen Stadions, gebrauche ich nun zum ersten Male in diesen Aufzeichnungen das Wort Kultur: nämlich als eine fleischliche Bildung zu kraftvoll gefestigter, heiterer, heldenhaft freier Menschlichkeit.
Zwei Vögel, unsern Zeisigen ähnlich, stürzen sich plötzlich aus irgend einem Schlupfloch der Felsen quirlend herab und löschen den Durst aus dem Spiegel der Lache vor mir im Stadion. Ihr piepsendes Spiel weckt Widerhall, und das winzige Leben, der sorglose, dünne Lärm der kleinen Geschöpfe, die niemand stört, offenbaren erst gleichsam das Schicksal dieser Stätte in seiner ganzen Verwunschenheit.
Während ich auf die grüne Erde hinstarre und der Füße jener zahllosen Läufer und Kämpfer gedenke, aller jener göttergleichen, jugendlich kraftvoll schönen Hellenen, die sie erdröhnen machten, vernehme ich wiederum aus den Felsen den gewaltigen Widerhall von Geräuschen, die mir verborgen sind. Aus irgend einem Grunde erhebe ich mich, rufe laut und erhalte ein sechsfaches mächtiges Echo: sechsfach schallt der Name des delphischen Gottes, des Python-Besiegers, aus dem Inneren der Berge zurück.
Ich bin allein. Die dämonische Antwort der alten parnassischen Wände hat bewirkt, daß mich die Kraft der Vergangenheit mit ihren triumphierenden Gegenwarts-Schauern durchdringt und erfaßt und daß ich etwas wie ein Bad von Glanz und Feuer empfinde. Beinahe zitternd horche ich in die neu hereingesunkene, fast noch tiefere Stille hier oben hinein.
Der Morgen ist frisch. Wir schrieben den ersten Mai ins Fremdenbuch. Vor der Türe des Gasthauses warten schäbige Esel und Maultiere, die uns nach Hossios Lucas bringen sollen. Ins Freie tretend, beginne ich mit letzten Blicken Abschied zu nehmen. Ich begrüße die Kiona, den weißen Gipfel des Korax-Gebirges, dort, wo die Dorfstraße, wie es scheint, in den Luftraum verläuft. Ich begrüße drei kleine Mädchen, die, trödelnd, ebenso viele Schäfchen vor sich her treiben, begrüße sie mit einer ihnen unverständlichen Herzlichkeit. Eines der hübschen Kinder küßt mir zum Dank für ein kleines, unerbetenes Geschenk die Hand.
Wir lassen die Mäuler voranklingeln. Wieder schreiten wir an den Felsen vorüber, mit den Höhlungen leerer Gräber darin, und wieder erschließt sich dem Auge die steinigte Böschung des delphischen Tempelbezirks. Wer alles dieses tiefer begreifen wollte, müßte mehr als ein flüchtiger Wanderer sein. Immerhin sind mir auch hier die Steine nicht stumm gewesen.
Wir haben den Grund von Delphi, der Stadt, die unterhalb unseres Weges lag, über allerlei Mauern und Treppchen kletternd, durchstreift, und während wir jetzt unsere Reise fortsetzen, zieht uns das Leuchten der Tempeltrümmer, zwischen tausendjährigen Ölbäumen, zieht uns der weiße Marmor umgestürzter Säulen an. An den kastalischen Wassern nehmen wir wiederum einen kleinen Aufenthalt. Ich habe mich auf einen großen Felsblock niedergelassen, in der wundervoll hallenden und rauschenden Kluft, den Felsenbassins jenes alten Brunnen- und Baderaums gegenüber, wo die delphischen Pilger von einst sich reinigten.
Ein Tempelchen, mit Nischen der Nymphen, war grottenartig in die Felswand gestellt.
Heut sind die Bachläufe arg verunreinigt, die Wasserbecken mit Schlamm gefüllt. Oben durch die feuchte und kalte Klamm fliegen lange Turmschwalben und jagen einander mit raubvogelartigem, zwitscherndem Pfiff.