Wir ziehen weiter, nachdem wir das alte homerische Lachen, das Lachen des Gottes, zu Ende gelacht haben. Aber wir töten nicht, wie Hermes, das Tier, sondern nehmen es lebend unter unseren Gepäckstücken mit. Ich denke darüber nach, wie wohl die Leier ausgesehen und wie wohl geklungen hat, die Hermes aus dem Panzer der Schildkröte und aus Schafsdärmen bildete und die in den Händen Apolls ihren Himmel und Erde durchhallenden Ruhm gewann.
Aber wir sind nun in sengenden Gluten des Mittagslichts zu einem wirklichen, reichlich Wasser spendenden parnassischen Brunnen gelangt, aus dem die Tiere und Treiber gierig trinken. Dicke Strahlen köstlichen Wassers stürzen aus ihrer gemauerten Fassung hervor und rauschend und brausend in das steinerne Becken hinein. Es ist wie ein Reichtum, der sich hier ausschüttet, der nirgends so, als in einem heißen und wasserarmen Lande empfunden wird.
Wir ruhen aus in dem wohligen Lärm und dem kühlen Gestäube des lebenspendenden Elementes.
Das Kloster Hossios Lukas bietet uns Quartier für die Nacht. Vom behäbigen Prior empfangen, geleitet von dienstfertigen Mönchen, treten wir, durch ein kleines Vorgärtchen, ohne Treppen zu steigen, ins Haus. Gleich linker Hand ist ein Zimmer, das uns überwiesen wird. Auf den gebrechlichen Holzaltan des Zimmerchens tretend, blicken wir in den tiefen Klosterhof und zugleich über die Dächer der Mönchskasernen in das vollkommen einsame, wilde Hochtal hinaus.
Eng und nur wenig Hofraum lassend, sind die Klostergebäude in, wie es scheint, geschlossenem Kreis um eine alte byzantinische Kirche gestellt, die sie zugleich beschützen und liebevoll einschließen. Das Hauptportal der Kirche liegt schräg in der Tiefe unter uns. Wir können mit den nahen Wipfeln alter Zypressen Zwiesprache halten, die seit Jahrhunderten Wächter vor diesem Eingang sind.
Der Prior wünscht uns die Kirche zu zeigen, die innen ein trauriges Bild der Verarmung ist. Reste von Mosaiken machen wenig Eindruck auf mich, desto mehr ein Geldschrank, der, an sich befremdlich in diesem geweihten Raum, zugleich ein wunderlicher Kontrast zu seinem kahlen, ausgepoverten Zustand ist.
Dem Prior geht ein jugendlich schöner Mönch mit weiblicher Haartracht an die Hand. Er öffnet Truhen und Krypten mit rostigen Schlüsseln. Das Auge des jungen Mönches verfolgt uns unablässig mit bohrendem Blick. Als wir jetzt wiederum auf dem Balkon unseres Zimmers sind, taucht er auf einem nahen Altane neugierig auf.
Während über den Dächern und in der Wildnis draußen noch Helle des sinkenden Tages verbreitet ist, liegt der Hof unter uns bereits in nächtlicher Dämmerung. Ich horche minutenlang in die wundervolle Stille hinunter, die durch das Geplätscher eines lebendigen Brunnens nur noch tiefer und friedlicher wird. Mit einem Male ist es, als sei die Seele dieser alten winkligen Gottesburg aus tausendjährigem Schlummer erwacht. Arme werden hereingelassen und es wird von den Brüdern unterm Klosterportale ziemlich geräuschvoll Brot verteilt.
Nach einigem Rufen, Treppengehen und Türenschließen tritt wieder die alte verwunschene Stille ein, mit den einsamen Lauten des Röhrenbrunnens. Dann klappert die dicke Bernsteinkette des freundlichen Priors unten im Hof. Man hört genau, wie er sein Spielwerk gewohnheitsgemäß bearbeitet, das heißt die Bernsteinkugeln ununterbrochen durch die Finger gleiten läßt und gegeneinander schiebt.
Ich gehe zur Ruhe, im Ohre feierlich summenden Meßgesang, der schwach aus dem Innern der Kirche dringt.