Der Aufbruch von Hossios Lukas geschieht unter vielen freundlichen Worten und Blicken der Mönche, die um uns versammelt sind. Ich komme eben von einer schönen Terrasse des Klosters zurück, die, inmitten der steinigten Ödenei, von alten, vollbelaubten Platanen beschattet ist. Terrassen für den Gemüsebau setzten sich in die Tiefe fort und hie und da sind dem Felsenschutt des verlassenen Tales Wiesen und Ackerstreifen abgerungen. Ich sah die kleinen „Mädchen für alles“ der älteren Brüder und Patres mit Besen und Wassereimern in lebhafter Tätigkeit, die Patres selber, wie sie rotkarrierte Betten auf ihren morschen Balkonen ausbreiteten. Die kleinen „Mädchen für alles“ sind junge Lehrlinge, deren schönes, langes Haar, wie das von Mädchen, im Nacken zu einem Knoten aufgenommen ist. Es ist ein wolkenlos heiterer Morgen mit einer frühlingshaften Wonne der Luft, die göttlich ist und die in jedem Auge wiederleuchtet. Noch klingt mir der Gruß des Bruders Küper, sein frisches Καλιμερα im Ohr, womit er mich grüßte, als ich unten am Brunnen vorüberging, wo er trällernd ein Weinfaß reinigte. Es war ein Gruß, der ebenfalls von dem frischen Glück dieses Morgens widerklang.

Kaum hat unsere kleinere Karawane sich nur ein wenig, zwischen Gebüschen von Steineichen hintrottend, aus dem Bereich des Klosteridylls entfernt und schon umgibt uns wieder das alte ewige Hirtenidyll. Ich unterscheide mit einem Blick vier einzelne Schafherden, deren Geläute herüberdringt, und plötzlich erscheinen, Wölfen gleich, gewaltige Schäferhunde über uns an der Wegböschung. Man scheucht sie mit großen Steinen zurück.

Wir biegen nach einem längeren Ritt in ein abwärts führendes, enges Tal, das, wie es scheint, recht eigentlich das Dionysische ist. Wir müssen zunächst durch eine gedrängte Herde schwarzer Ziegen förmlich hindurchschwimmen, unter denen sich prächtige Böcke auszeichnen, jenen ähnlich, die ich auf der Höhe des Passes sah. Und wie ich die Blicke über die steinigten Talwände forschend ausschicke, sehe ich sie mit schwarzen Ziegen, wie mit überall hängenden, kletternden, kleinen schwarzen Dämonen bedeckt.

Der Eingang des schwärzlich wimmelnden Tales wird von dem vollen Glanz des Parnasses beherrscht, der aber endlich dem Auge entschwindet, je weiter wir in das Tal hinabdringen: das Tal der Dämonen, das Tal des Dionysos und des Pan, das immer mehr und mehr von gleichmäßig schwarzen Ziegen wimmelt. Wohl eine Viertelstunde lang und länger ziehen wir mitten durch die Herden dahin, die zu beiden Seiten unseres gestrüppreichen Pfades schnauben, Steineichenblätter abrupfen und hie und da leise meckern dazu. Überall raschelt, reißt, stampft und prustet es zwischen den Felsen, in den Gebüschen: da und dort wird ein Glöckchen geschlenkert. Mitunter kommen wir in ein ganzes Glockenkonzert hinein, dessen Lärm das gesprochene Wort verschlingt.

Ich habe, auf meinem Maultier hängend, Augenblicke, wo mir dies alles nicht mehr wirklich ist. Ein alter Knecht und Geschichtenerzähler fällt mir ein, der mir in ländlichen Winterabenden ähnliche Bilder als Visionen geschildert hat. Er war ein Trinker, und als solcher ja auch verknüpft mit Dionysos. In seinen Delirien sah er die Welt, je nachdem, von schwarzen Ziegen oder Katzen erfüllt, wobei er von alpdruckartiger Angst gepeinigt wurde.

Der Schritt des Maultiers, die Glocke des Maultiers, allüberall das Eindringen dieser fremden Welt, dazu die ungewöhnliche Lichtfülle, die Existenz in freier Luft, Ermüdung des Körpers durch ungewöhnliche Reisestrapazen, jagen auch mir einen Anflug von Angst ins Blut. Ich habe vielleicht eine Vision und es ist mir manchmal, als müsse ich diese zahllosen schwarzen Ziegen vor meinen Augen wegwischen, denen mein Blick nicht entgehen kann.

Ein weites Quertal nimmt uns auf und wie ein Spuk liegt nun die Vision der schwarzglänzenden Ziegen hinter mir. Wir überholen einen reisenden Kaufmann, dessen Maultier von einem kleinen Jungen getrieben wird. So schön und vollständig, wie nie zuvor, steht der Parnaß, von dem wir bereits Abschied genommen hatten, vor uns aufgerichtet: ein breiter silberner Wall mit weißen Gipfeln. Ich gewinne den Eindruck, der appollinisch strahlende Glanz strömt in das Tal, das der Berg beherrscht.

Wir reisen nun schon seit einiger Zeit durch die Ebene hin. Neben flacheren Felsgebieten und einem verzweigten Flußbett, das mit Gebüschen bewachsen ist, breiten sich Flächen grüner Saat, über denen klangreich die Lerche zittert.

Es ist faszinierend, zu sehen, wie der Parnaß nun wiederum diese Ebene überragt. Auf breitester Basis ruhend, baut sich der göttliche Berg aus eitel Glanz in majestätischer Schönheit auf. Hier wird es deutlich, wie die bezwingende Gegenwart solcher Höhen göttlichen Ruhm vor den Menschen, die sie umwohnen, durchsetzen und behaupten muß. Ich empfinde nicht anders, als stammte der trillernde Rausch des Lerchengeschmetters, das leuchtende Grün der Saaten, der zitternde Glanz der Luft von diesem geheiligten Berge ab und nähre sich nur von seinem Glanze.

Oftmals wende ich mich auf meinem Maultier nach der verlassenen Felsenwelt der Hirten und Herden zurück, während sich über mir Parnaß und Helikon mit dem Glanz ihrer silbernen Helme über die weite Ebene grüßen. Flössen doch alle Quellen dieser heiligsten Berge wieder reichlich voll und frisch in die abgestorbenen Gebiete der europäischen Seele hinein! Möchte das starre Leuchten dieser olympischen Vision wiederum in sie hineinwachsen und den übelriechenden Dunst verzehren, mit dem sie, wie ein schlecht gelüftetes Zimmer, beladen ist.