Auf die Aufforderung in Ihrem Schreiben, den vorgeschlagenen Schritt noch zu tun, ohne den Marsch seiner Armee dadurch aufzuhalten, will der Kaiser jedoch nicht eingehen... Der Grund... sei, daß ja gerade die Propositionen, die er im December vorigen Jahres den Alliierten gemacht und auf die Sie jetzt wünschten, daß er mit einigen Modificationen zurückkäme, namentlich von England nicht angenommen seien, weil von einer Unterstützung mit gewaffneter Hand gegen die Pforte zur Annahme der Vorschläge die Rede gewesen sei. Jetzt, wo ihn individuelle Beleidigungen der Pforte zwingen, die Waffen zu ergreifen, habe er ja neuerdings allgemein erklärt, daß er trotzdem die Erreichung der Bestimmungen des Londoner Vertrages nicht aus den Augen verliere und daher beiden Angelegenheiten de front gehen würden. Hierin glaubt er, würden Sie ungefähr oder eigentlich dasjenige finden, was Sie vorschlügen. Daß nun England hierauf erklärt hat, daß es ihm sich nicht opponieren werde, aber auch nicht ihn mehr als in der Alliance seiend betrachte, dafür könne er nichts und ein erneuter Antrag dieser Art wäre ihm daher unmöglich zu machen... Dennoch versuchte ich aus Ihrem Briefe an mich dem Kaiser Ihren Antrag nochmals so darzustellen und annehmbar zu machen, daß Sie selbst recht wenig auf den glücklichen Ausfall dieses Schrittes bei der Pforte rechneten, aber Sie die Annahme hauptsächlich darum wünschten, um sein Recht nur noch heller erscheinen zu lassen, nachdem alle Versuche gemacht sind, friedlich zum Ziele zu gelangen; aber er gab mir wiederum dieselbe Antwort.
Der österreichische Courier... ist doch der Überbringer der langersehnten Antwort gewesen, was Graf Zichy jedoch einige Tage für sich behalten hat. Das Schreiben... enthält die längst bekannte Demarche Österreichs gegen die Pforte wegen des Waffenstillstandes und eine Menge Besorgnisse über die inneren Verhältnisse von Frankreich und der Halbinsel. Daß Graf Capo d’Istria den Waffenstillstand nicht angenommen hat, sondern die Instruktionen der drei ihn anerkannthabenden Mächte erwartet, die gewiß negativ sein werden, dürften Sie bereits wissen...
St. Petersburg, 14./26. April 1828.
Vorgestern erhielt der Kaiser aus London die Anzeige, daß das englische Kabinett die Proposition der österreichischen Intervention in der orientalischen Angelegenheit gänzlich von der Hand gewiesen habe, indem England niemals darauf eingehen könne, die völlige Freiheit Griechenlands als mit son (Englands) état physique unvereinbar anzuerkennen. Da dieser Vorschlag Österreichs, der ja bei der Pforte einseitig gemacht war, von den drei alliierten Mächten nicht gut geheißen worden ist, so gibt Graf Zichy diesem ganzen Vorschlage den Anstrich, als sei er von der Pforte gekommen und von seinem Hofe nur als ein Vorschlag mitgeteilt worden... Wie leicht übrigens Österreich seine Vorschläge fahren läßt, beweist mir noch mehr die auch vorgestern eingegangene Depesche des Grafen Tatischtscheff, die dem Kaiser meldet, daß er eine offizielle Unterredung mit Graf Metternich gehabt habe, der ihm annoncierte, daß unter den jetzigen Verhältnissen auch Österreich sich bewogen fühle, seine Relationen mit der Pforte aufzugeben und sich in Gemeinschaft mit Preußen dem trilateralen Vertrage anschließen würde... Auf mein Befragen, was er, der Kaiser, für einer Meinung sei wegen dieses Vorschlages, erwiderte er, daß ein Artikel des trilateralen Vertrages festsetze, daß, wer sich demselben anschlösse oder anschließen wolle, nicht zurückgewiesen werden würde... Daß Österreich anfing schwankend zu werden, zeigte sich wohl seit drei Monaten und namentlich seit der gewissen freimütigen Eröffnung von hier aus, die wohl mehr aus dem Leben gegriffen war und mehr Eindruck auf’s österreichische Cabinett gemacht hat, als es dasselbe eingestehen will... Nach dem jetzigen Benehmen und Vorschlägen Österreichs scheint es mir, als wäre eine dergleichen fortgesetzte Einwirkung auf dasselbe und namentlich so, wie sie der Kaiser im Februar von Ihnen wünschte, doch wohl auch zum Ziele führend gewesen und ich sage es mit einigem Stolze, Preußen hätte alsdann den Ruhm gehabt, die Einheit herbeizuführen, die es so sehr wünschte, während es jetzt umgekehrt geschieht und zwar von einer Macht, die sich das enorme Dementi gibt, seine stets vorgeschützten Prinzipien zu verleugnen oder aufzugeben, um das Ziel zu erreichen, was ihr früher ganz fremd sein wollte... Was England zu all dem sagen wird, ist am merkwürdigsten zu erwarten. Gott gebe, daß die Einheit endlich zu Stande kommt. Ob es die Furcht vor dieser wahrscheinlichen Einheit Europas ist oder die Concentrierung der russischen Armee, um die Grenze zu überschreiten, welche die Türken bewogen haben, den Großherrn zu zwingen, in Allem den Forderungen der Alliierten nachzugeben, ist jetzt noch nicht zu entscheiden, weil alle Details fehlen... Der Beweis würde wenigstens in dem Benehmen der Türken liegen, daß die Einheit nicht durch Österreich bisher gestört worden wäre und das Ernstmachen der Kriegsdrohung nicht beständig seit Jahren gegen Rußlands Forderungen und Vorschläge zurückgewiesen worden wäre, wir schon seit sehr langer Zeit zu dem Resultate gelangt sein würden, was sich jetzt ergeben zu wollen scheint.
St. Petersburg, 24. April/6. Mai 1828.
Durch die erste Ihrer Entscheidungen sehe ich mich nun endlich nach einer langen Reihe von Jahren, die voller Bewegung und Unruhe für mein Inneres waren, der Aufklärung und Feststellung meiner Zukunft mit der Gewißheit entgegen, die wenigstens für jetzt dem Teil gewahrt ist, der die Wahl getroffen hat. Die vorläufige Bestimmtheit hängt nun freilich noch von der Annahme der Wahl ab. Wie tief mich der Gedanke angriff, so weit nunmehr über meine Zukunft aufgeklärt zu sein, braucht keiner Worte. Aber die Worte des Dankes gegen Sie, teuerster Vater, kann ich nicht unterdrücken, daß Sie durch Ihren Ausspruch meinem Leben eine bestimmte Richtung gegeben haben. Wie in jeder Ihrer Bestimmungen, die auf mein ganzes Lebensverhältnis Einfluß haben, erkenne ich und erkläre ich auch hier wiederum nur Gottes Führung. Die getroffene Wahl war gewiß Sein Wille. Und so gehe ich getrost einem Zeitpunkt entgegen, der über mein ganzes ferneres Leben entscheidet, wenn die Wahl aufgenommen wird, da es einen Gegenstand betrifft, dem ich längst meine ganze Achtung gewidmet hatte, und an dessen Erwählung nur der Umstand hinderlich war, daß ich nicht leichtsinnig ein so zartes Verhältnis sich gestalten sehen wollte als es sein wird, in welchem nunmehr zwei Schwestern zu einander zu stehen kommen sollen... Was Ihre zweite Entscheidung betrifft, die mir das Beiwohnen der Campagne abschlägt, so können Sie leicht denken, daß ich von der Gewißheit, dieses so innig gewünschte Projekt aufgeben zu müssen, wie vernichtet war... Sie haben diesen Wunsch aus einem Gesichtspunkte abgeschlagen, gegen den ich, unter der Gefahr mich persönlich zu hoch oder zu niedrig anzuschlagen nichts einwenden kann... Hier, kann ich nicht verhehlen, hat Ihre abschlägige Antwort den Eindruck gemacht, als sei sie ein Beweis, daß Preußen doch wohl nicht so Rußlands Partei diesen Moment halte, als man es hoffte und glaubte... Für meine Persönlichkeit ist es mir sehr wert gewesen, daß hier die Freude über die Hoffnung, mich bei der Armee zu sehen, ebenso groß war als jetzt die Trauer, daß es nicht sein kann. Es mag dies etwas egoistisch und eitel lauten und nur auf diese Gefahr durfte ich es aussprechen.
* *
*
Der obige Brief ist die Antwort des Prinzen auf ein Schreiben seines königlichen Vaters aus Potsdam vom 20. April 1828:
Die Hauptgegenstände Deiner Briefe, auf die es ankommt, lassen sich auf drei Hauptpunkte reducieren: 1. Deine Verbindungsangelegenheiten, 2. die politischen Angelegenheiten, 3. die Campagne-Projekte betreffend.
Was den ersten Punkt betrifft, so habe ich mich darüber oft genug ausgesprochen, um alles Gesagte nicht von Neuem wiederholen zu müssen. Nach meinem Dafürhalten ist also jetzt leider nur auf Prinzessin Augusta Rücksicht zu nehmen. Gern überschickte ich Dir der Prinzessin Cäcilie wegen ein schriftliches Gutachten Hufelands, allein er ist schleunigst nach Ludwigslust berufen worden, da Alexandrine uns große Besorgnis gegeben. Ich hätte sehr gern gesehen, wenn Du womöglich die Ankunft der Großfürstin in Petersburg abzuwarten im Stande gewesen wärest... Den zweiten Punkt betreffend, muß ich mit Leidwesen bemerken, daß von Neuem Mißverständnisse über das, was hier beschlossen worden, entstanden sind, die ich zu berichtigen für höchst notwendig halte und deshalb beiliegendes P. M. habe anfertigen lassen. Die Nachrichten, die man über die Absichten Österreichs in Petersburg hat, stimmen nicht im geringsten mit den unsrigen, denn unter anderem ist die Armee noch nicht einmal auf den Friedensfuß complett und statt 11000 Pferde, die verlangt worden sind, um die Kavallerie-Regimenter zu complettieren, hat der Kaiser nur 3000 bewilligt. Die Nachricht der 200000 Mann, die man ausgehoben haben soll, ist also nur ein leeres Gerücht gewesen, denn wie gesagt: noch ist vom Kaiser kein Beschluß gefaßt, die Truppen auf den completten Friedensfuß zu setzen. Erst gestern erhielt ich von Wien aus diese Auskünfte. Es muß also durchaus Leute geben, die, um sich wichtig zu machen, dergleichen Gerüchte verbreiten, vielleicht weil sie glauben, sich dadurch angenehm zu machen... Nach allen Nachrichten scheint auch der türkische Einfall in Serbien wenigstens sehr übertrieben dargestellt, wo nicht gar durch die Zeitungen schon widerrufen zu sein.