Nun kommt der dritte und letzte Punkt. Sehr freundschaftlich und gütig war es vom Kaiser, Dir den Vorschlag gemacht zu haben, den türkischen Feldzug mit ihm zu machen. Daß ich es Dir jedoch nicht bewilligen kann, liegt klar zu Tage; die Gründe dazu wirst Du nach einiger Überlegung selbst zu finden im Stande sein. Wenn das Vaterland in Gefahr kommt, dann ist es Zeit, daß die Prinzen vom Hause mit leuchtendem Beispiel vorangehen, bis dahin aber liegen ihnen andere Pflichten ob. Erfahrung läßt sich allerdings in einem solchen Feldzuge sammeln und sein Leben auf’s Spiel zu setzen, finden sich auch wohl Gelegenheiten. Beides steht aber nicht im Gleichgewicht, da die dort zu sammelnde Erfahrung gegen jede andere Kriegsmacht wenig Anwendung finden dürfte; ich wäre also vor Gott verantwortlich, wenn ich zugäbe, daß Du in einer ganz fremden Angelegenheit Dein Leben aufs Spiel setzt.
Demnach also halte ich für passend, daß Du des Kaisers und Charlottens Abreise noch in Petersburg abwartest, dann aber Dich unverzüglich hierher zurückbegiebst. Ich weiß wohl, daß Dir das nicht gefallen wird, allein ich kann und darf nicht anders handeln, als es meine Pflicht ist...
Die Brautwerbung.
Auf die in Petersburg verbrachten vier Monate folgte im August 1828 ein kurzer Aufenthalt in dem Ostseebad Doberan; Varnhagen v. Ense weiß zu berichten, daß man unterdessen aus Petersburg unter der Hand bei der Prinzessin Marie anfragte, wie sie sich zu einer Heirat ihrer jüngeren Schwester mit dem älteren Bruder ihres Gatten stellen würde; man erhielt am russischen Hofe darüber wohl eine beruhigende Antwort; so sehr aber die Heirat des Prinzen Wilhelm nun auch entschieden war, „so hielt man dies doch noch ganz geheim“, ja im Juni schien sie dem klatschsüchtigen, aber trefflich unterrichteten Beobachter „noch keineswegs in Richtigkeit; man tut auf der russisch-weimarischen Seite sehr kostbar und der Prinz ist eben auch nicht sehr eifrig“. Dieser traf am 11. September in Wien ein, um dort den Manövern beizuwohnen; militärische Interessen und die Schilderung höfisch-gesellschaftlicher Interessen stehen in den Briefen der nächsten Wochen im Mittelpunkt; am 11. November reiste er wieder ab, um, ohne Berlin zu berühren, über Prag und Teplitz nach Weimar zu gehen. Denn von dort war nun der auch für seine Zukunft entscheidende Schritt erfolgt: man erwartete ihn als Brautwerber.
Schon 1823 hatte von Augusta v. Weimar Goethe in Marienbad geäußert, daß sie „ein ganz liebenswürdiges und originelles Geschöpf sei, das schon jetzt ganz seine eigentümlichen Gedanken und Einfälle habe“, und als sie verlobt war, rühmte er „ihren hellen Verstand, ihre hohe Bildung, ihr reiches Wissen: sie hat etwas gelernt, sie kann schon mitsprechen in der Welt“. Dieses Urteil des geistigen Hofes von Weimar wird durch eine Äußerung Wilhelm v. Humboldts bestätigt und ergänzt, der 1827 an den preußischen Minister v. Stein schrieb: „Prinzessin Augusta soll schon in früher, kaum der Kindheit entgangener Jugend einen festen und selbständigen Charakter haben. Ihr lebendiger und durchdringender Geist spricht aus ihrem Blick; ihre Züge sind im höchsten Grade bedeutungsvoll und ihre ganze Gestalt wird sich — wenn sie nicht ein wenig zu stark ist —, in einigen Jahren gewiß noch schöner als sie jetzt schon erscheint, entwickeln.“
Wien, den 26. September 1828.
Mit etwas ruhigerem Herzen kann ich Ihnen heute Mitteilung über die mich am wichtigsten und meisten interessierende Angelegenheit machen[37]. Ich erhielt nämlich gestern einen Brief vom Großherzog von Weimar, der mir sehr herzlich und freundschaftlich auf den meinigen antwortet. Und wenn freilich die Hauptperson noch nicht geredet hat, so bin ich doch schon zufrieden, daß der Vater sich beistimmend ausspricht, indem er schreibt: „Eben so offen wie Sie verehrtester Prinz, mit mir reden, gestehe ich Ihnen, daß ich nicht Nein sagen werde, wenn meine Tochter das Ja, bezüglich auf Sie ausspricht, welches Sie, gnädigster Herr, nicht ungern hören werden. Augusta sah Ew. Kgl. Hoheit freilich nur als erstere gleichsam noch ein Kind war; jetzt muß meine Tochter Sie, verehrtester Prinz, mit anderen Augen betrachten; es ist daher ratsam, daß man sich wiedersehe und spreche. Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, daß Sie, lieber gnädiger Herr, uns in jeder Hinsicht sehr willkommen sein werden.“
Der Nachsatz enthält also auch zugleich die Weisung, was gewünscht wird und die stillschweigende Antwort auf meine Demarsche bei Prinzessin Augusta selbst. Leider ist es aber nicht mehr möglich, über Berlin bis zum 30. September in Weimar zu sein. Außerdem fehlt mir auch noch eine Antwort von der Groß-Fürstin, die ich wohl jedenfalls abwarten muß, ehe ich nach Weimar reise...
Weimar, den 14. Oktober 1828.