Meinem Reiseplan gemäß bin ich am 12. glücklich hier angelangt, aber nicht, wie ich hoffte, um Mittag, sondern erst Abends 7 Uhr, indem ich beim Passieren des Erzgebirges von einem so ungeheueren Gewitter mit rasendem Sturm und Regengüssen überfallen ward, daß, wenngleich ich die Reise ununterbrochen fortsetzte, doch nur fast im Schritt fahren konnte, da die Nacht über alle Maßen dunkel war. So machte ich die 22 Meilen von Teplitz[38] bis Leipzig in 22 Stunden und mußte, um noch zur Soiree wenigstens hier zu sein, ohne zu dinieren bis hier fahren. Ich gestehe es, ich kam etwas matt an und die Erwartung eines solchen Wiedersehens, das meiner hier wartete, war auch nicht gemacht, meine Kräfte zu stählen. Karl[39] war mir bis Eckartsberga[40] entgegengekommen und fachte meine matten Lebensgeister wenigstens durch gute Aussichten hier auf. Ich machte in Eckartsberga halbe und hier ganze Toilette und erschien dann bei der verwitweten Großherzogin[41], wo, wie alle Sonntage, große Soiree war. Die Herrschaften empfingen mich sehr gnädig und zuvorkommend. Marie hatte aber glücklicher Weise sich mit ihrer Schwester und einer Gräfin Gourief in dem letzten Salon etabliert, sodaß ich dort also ohne viele Zeugen das erste Wiedersehen hatte. Daß dasselbe zwar mit starkem Herzklopfen, sonst aber mit allen den Formen geschah, als sei nichts im Werke, versteht sich. Prinzessin Augusta, die ich embelliert finde, empfing mich mit großer Herzlichkeit, wie ich es immer an ihr gewohnt war. Sie jetzt noch mit ganz anderen Augen betrachtend als früher, kann ich mir nur stets Glück wünschen, daß die Wahl auf sie fiel. Ihr Verstand, Geist, ihre Herzlichkeit und Herzensgüte spricht sich bei jeder Gelegenheit aus. Und ich möchte der Bemerkung gern Raum geben, als dürfte ich mir Hoffnung machen, mit glücklichem Erfolge einst hier abzugehen. Freilich konnte bis jetzt zwischen uns noch nicht viel verhandelt werden, was uns sehr viel näher in der zu erzielenden Beziehung gebracht hätte, denn dazu ist uns noch nicht Marge gegeben worden, aber Anspielungen konnte ich doch fallen lassen, die freilich nur mit starkem Erröten und embarassiertem Ausweichen beantwortet wurden.

Ich wünsche jetzt nur, bald klar über meine Zukunft zu sehen. Die Großfürstin sagte darauf, daß sie ihrer Tochter ganz freien Willen in ihrem Entschluß ließe; ihr einstiges Verhältnis zu Marie sei so delicat, daß sie nur eine wirkliche Neigung dasselbe überschreiten machen könne. Daher müsse eine genaue Bekanntschaft vorausgehen und Sie würden mir gewiß alle Zeit bewilligen hier zu bleiben, um dieselbe machen zu können. Ich bemerkte darauf, daß, was mich beträfe, eine nähere Bekanntschaft zu machen wohl nicht nötig sei, da ich mit Bedacht und Überzeugung, glücklich zu werden, die Hand der Princeß gefordert habe; doch, da mir vor allem daran liegen müsse, daß die Prinzessin mich aus ebenfalls eigener Überzeugung wähle, so würde ich abwarten, bis ich Ihren Beschluß darüber vernehmen würde. Da bis gestern mir jedoch auf keinerlei Weise Gelegenheit geboten ward, die Prinzessin zu sprechen anders als in großem Cerkel, so ließ ich darüber mein Bedauern durch Karl und Marie aussprechen, was denn zur Folge gehabt, daß ich jetzt eine Entrevue haben soll... Ich hoffe zu Gott, daß ich nach diesem Gespräch etwas klarer über die Ansichten der Prinzessin Augusta werde urteilen können als bisher, wo alles nur auf Mutmaßungen und Beobachtungen basiert ist.

Die Morgende verstreichen hier stets mit Jagden, von denen ich vergeblich bisher wegen einer Entrevue zurückbleiben zu dürfen bat.

Ihr Sie zärtlichst liebender Sohn
Wilhelm.

Weimar, den 20. Oktober 1828.

Von hier und meinen hiesigen Verhältnissen kann ich Ihnen die besten Nachrichten geben, wenngleich ich noch nichts officielles mitteilen kann, indem von oben herab man noch schweigt. Aber in den unteren Haupt-Regionen ist es nicht mehr so stumm geblieben und dies ist allerdings die Hauptsache. Da ich nach einigen Tagen Aufenthalt hier bemerkte und nach den Äußerungen der Großfürstin es vielleicht mit Bestimmtheit ersah, daß sie wünschte, die Sache wenigstens nicht zu übereilen, wenn nicht auf die lange Bank zu schieben, dem ich mich ruhig unterworfen haben würde, wenn ich bemerkt hätte, daß Prinzessin Augusta mit dieser Hinausschiebung aus Unentschlossenheit einverstanden war, ich dies Letztere von der Prinzessin keineswegs gewahr ward, sondern mir aus hingeworfenen und sehr gut aufgenommenen und wohl verstandenen Worten die Überzeugung wurde, daß ich Alles zu hoffen hätte, so beschloß ich meinen Angriff direkt zu machen. So kam es denn, daß ich am 16. Abends nach dem Souper allein im Salon stand mit ihr, ihren zerbrochenen Eventail[42] in der Hand haltend; sie verlangte denselben zurück und indem ich ihr denselben hinhielt, legte ich meine Hand in die ihrige, sie fragend: wollen Sie diese behalten? Sie verlor fast alle Contenance vor Rührung, reichte mir aber gleich darauf die Hand hin und dieser Händedruck und ihr Blick sprachen Alles aus, was ihr Mund nicht auszusprechen vermögend war. Sie können denken, wie glücklich ich war und daß die Nacht ziemlich schlaflos dahinstrich. Den ganzen anderen Tag ließ ich ruhig vorübergehen, um die Prinzessin nicht in Verlegenheit zu setzen und nur einzelne Anspielungen erlaubte ich mir. Den 16. erfuhr ich dann von ihr, daß sie der Großfürstin von jener Scene gesprochen habe. Natürlich wollte ich nun gern auch mit dieser sprechen, aber doch abwarten, ob sie nicht zuerst mir ihrer Tochter Antwort sagen würde, die sie mir mitzuteilen gleich in der ersten Unterredung versprach, als ich ihr sagte, daß ich dieselbe ruhig erwarten würde. Da dies aber gestern, am 19., nicht geschah, so erfragte ich durch Prinzessin Augusta, ob ich heute kommen könnte und soeben brachte mir Mary die Antwort, daß ich morgen früh erst zur Groß-Fürstin kommen solle und ließ sie dabei fallen, als wünsche man die Entscheidung bis zum 26.[43], dem Geburtstag der Kaiserin-Mutter, hinauszuschieben. Das würde mich nun gar nicht arrangieren, weil ich, wie Sie sehen, mit der Prinzessin so ziemlich im Klaren bin, diese 8 Tage also noch als eine Comödie verstreichen müssen.

Nach dem Vorgefallenen sehen Sie, daß ich das Ja-Wort der Prinzeß eigentlich bereits habe. Ich glaube mit Zuversicht Ihnen sagen zu können, teuerster Vater, daß ich Ihnen eine Tochter zuführe, mit der Sie zufrieden sein, die Ihnen ihre ganze Liebe schenken wird und der Sie gewiß die Ihrige dann nicht versagen werden. Es ist nicht gut, zu viel Gutes im Voraus weder über innere noch äußere Vorzüge zu sagen; mein Urteil über die letzteren kennen Sie bereits und ich glaube aussprechen zu können, daß die inneren die äußeren übertreffen. Sie werden sich leicht denken können, in welcher Stimmung ich mich befinde, in diesen entscheidenden Tagen, in denen ich mein bisher so bewegtes Leben sich einem sicheren, frohen Ziele sich nähern sehe. Gott schenke mir in Gnaden die Erfüllung der Absichten, zu denen ich mich jetzt berechtigt sehe.

Weimar, den 25. Oktober 1828.

Kaum weiß ich die Feder zu führen, um Ihnen endlich zu melden, daß der geheimnisvolle Schleier von dem Verhältnis aufgezogen ist, welches sich seiner Entscheidung näherte oder eigentlich im Factum schon entschieden war.