Daß ich natürlich zur ersten Abteilung dieses Raisonnements halte, brauche ich wohl kaum erst zu versichern.
Die Revolution ward nach 20jähriger Dauer im Jahre 1814 bekämpft, besiegt und der legale Stand der Dinge durch die Wiedereinsetzung der Bourbons auf den Thron ihrer Väter durch ganz Europa wieder hergestellt. Die Revolutionen von Spanien, Neapel und Piemont wurden durch gewaffnete Hand gedämpft, die abgesetzten Souveräne wieder eingesetzt und ihre Staaten durch vieljährige Occupation der Befreiungsarmee beruhigt. Jetzt bricht in dem Lande, wovon aus aller revolutionäre Stoß ausging, wovon aus er seit 15 Friedensjahren nach allen Seiten hin verbreitet und unterhalten ward, eine neue Revolution aus und der König und seine Dynastie (werden) entthront. Kann Europa in diesem Falle anders handeln, weniger tun, als es in Spanien, Neapel und Piemont tat? Ist der jetzige Fall nicht viel graver, erhebt die Revolution in diesem Moment den Kopf nicht viel mächtiger und gefährlicher als seit 15 Jahren? Mir scheint die Crisis gekommen zu sein, wo es sich entscheiden muß, ob die Legitimität oder die Revolution triumphieren soll. Die Legitimität wird triumphieren, wenn Europa einen einmütigen, allgemeinen Beschluß zur Züchtigung Frankreichs faßt. Die Revolution wird triumphieren, wenn Europa dem jetzigen Treiben in Frankreich ruhig gewähren läßt, sie wird dadurch legalisiert und kein Thron dürfte mehr sicher stehen.
Durch eine Züchtigung Frankreichs wird meiner festen Überzeugung nach der revolutionäre Stoff in Europa unterdrückt und durch strenges Gericht in Frankreich dieser Stoff vielleicht allenthalben — wenigstens auf lange, wenn auch nicht auf immer — ausgerottet.
Die entgegenstehende Ansicht sagt: dieser revolutionäre Stoff ist in Europa viel zu sehr verbreitet (in den Niederlanden, vielleicht linkem Rhein-Ufer, Polen, Italien, Spanien), als daß man es wagen dürfte, gegen die Revolution anzukämpfen; man würde in dem Falle es erleben, daß in allen genannten Ländern jener Stoff zum Ausbruch käme und es wäre sehr die Frage, ob es gelingen würde, ihn mit den eigenen Truppen und Kräften, ein Jeder bei sich, zu überwältigen. Auch habe die jetzige französische Revolution einen Schein von Recht, indem man den König Charles X. beschuldigen könne, seinen Eid einigermaßen gebrochen zu haben (was ich nicht zugeben kann, da ihm der Artikel 14 der Charte das Recht zu extraordinären Maaßregeln beilegt und den Gebrauch desselben freilich seinem Gewissen allein überlassen muß) und wenn, wie ich gern zugebe, Charles X. meiner Ansicht nach jetzt und so nicht hätte diesen Coup d’état ausführen sollen, so hat darüber doch Niemand als die Nation mit ihm zu richten oder gar das Recht, ihn zu entthronen.
Was den ersten Teil dieser entgegenstehenden Ansichten betrifft, so habe ich schon meine Nichtbefürchtungen dieser Art ausgesprochen; sollte eine solche revolutionäre Reaction aber wirklich durch ganz Europa sich erzeugen, nun so ist es immer besser, daß man seine Feinde kennen lernt und sie zu bezwingen sucht; da hoffe ich denn doch, daß ein Jeder bei sich zu Stande zu kommen wissen wird. Denn es ist allenthalben der Kampf aus demselben Prinzip gegen dasselbe Prinzip. Der Sieg steht bei Gott.
Was nun die Züchtigung Frankreichs betrifft, so muß ich freilich gestehen, daß ich sehr glücklich mich preise, die Art derselben nicht vorzuschlagen zu brauchen. Am schwierigsten ist der Fall, wenn der Herzog von Bordeaux unter Vormundschaft des Herzogs von Orleans erhalten wird, weil in diesem Fall einige Legalität sich einmischt; doch nie kann man übersehen, daß die Nation durch Revolution gegen ihren König dahin gelangte. Da aber alle Proklamationen sagen, daß gegen den Bordeaux der Umstand spreche, daß er zu einer Dynastie gehöre, die sich par la grace de dieu genannt habe, jetzt aber ein König nur par la volonté du peuple bestehen könne und solle, so wird an die Erhaltung der Rechte des Bordeaux wohl nicht zu denken sein. Dann scheint mir der Fall klar zu sein: Europa muß mit gewaffneter Hand die Rechte des Herzogs von Bordeaux herstellen und Frankreich mit seiner Revolution und seinem Orléans zu Paaren treiben.
Krieg scheint mir leider unausbleiblich. Handelt Europa nicht so, wie ich hier es andeute, so greift uns Orleans in Zeit von einem Jahre an; das linke Rhein-Ufer ist sein Ziel, um zum Tyrann dann zu werden.
Ob die Züchtigung Frankreichs dann noch in einer langen Occupation oder in Verringerung seines Gebietes bestehen soll, das sind Fragen, die heute wohl schwer zu entscheiden sind.
Aber wenn Europa handelt, so muß es gemeinsam, kräftig, mit aller Macht auftreten und recht vorbereitet in den Kampf treten; denn er wird nicht leicht sein.
Wäre es doch möglich, daß eine Zusammenkunft zwischen Ihnen, den beiden Kaisern und dem hiesigen König möglich wäre; wie rasch und wie viel besser verhandelt sich alles mündlich. Die Heilige Alliance muß jetzt oder niemals zeigen, daß sie noch existiert und ganz im Geiste des seligen Kaisers[70] handeln.