Sollte es wirklich zu Truppenbewegungen in dieser großen Catastrophe kommen, so darf ich wohl mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie mich nicht vergessen werden, wenn selbst mein Corps nicht mobil gemacht würde.

Soeben erfahre ich, daß der englische Ambassadeur hier sich bereits über die französischen Angelegenheiten abgesprochen hat und zwar Englands Verhalten als völlig passiv geschildert, selbst in dem Fall, daß Charles X. die Unterstützung der Alliance in Anspruch nimmt. Daß man hier diese Ansicht nicht teilt und wohl nicht von vielen Gouvernements geteilt werden dürfte, begreift sich leicht, und namentlich ist wohl Niemand mehr interessiert an der Sache als Preußen und Niederland durch die langen Grenzen. Die Unbegreiflichkeit der englischen Politik verleugnet sich also wiederum nicht. Mögen nur die anderen Mächte recht einig sein und einen gemeinschaftlichen raschen Entschluß fassen, denn mir scheint, daß der moralische Eindruck, den dies in Frankreich machen muß, so groß sein wird, daß ein Krieg dadurch évitiert wird. Trennung und Zeitverlust scheint mir in diesem Moment das Unglücklichste zu sein. Graf Douavaroff geht als Courir nach Petersburg auf Wilhelms[68] Wunsch und bringt diesen Brief nach Berlin; vielleicht dürfte von Ihrer Seite diese Gelegenheit nach Petersburg gleich benutzt werden, um Ihre Ansicht dahin zu überbringen.

Soeben erhielt Fritz einen Brief eines niederländischen Generales, der gerade auf Urlaub sich in Paris befunden hat und am 29. Mittags es verließ während der tollsten Massacres. Seine Schilderungen sind schrecklich. Die umgekommenen Menschen werden zwischen 15 und 20000 angegeben. Alle Bäume auf den Boulevards sind umgehauen, um Verhaue zu bilden, damit die Cavalerie nicht agieren konnte.

Im Haag, den 4. August 1830.

Die heutigen Nachrichten aus Frankreich sagen, daß der König auf dem Marsch nach Nantes ist, daß aber die ihn begleitenden Truppen nach und nach (ihn) verlassen und daß die Nachrichten, die man in Paris über die Stimmung der Vendee hat, sehr ungünstig lauten. Wohin wird sich also der König wenden? Der heute angekommene Constitutionel indigniert aufs Äußerste durch seine revolutionäre Sprache und durch die Erzählungen über des Herzogs von Orleans Benehmen. Es scheint danach aber nicht, daß der Herzog für den König und seine nächsten Agnaten zu arbeiten scheint. Die Sache des Königs scheint demnach verloren zu sein, sowie die des Dauphins; werden sie resignieren zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux? Wird der Herzog von Orleans die bloße Vormundschaft über den Bordeaux übernehmen wollen? Wird Charles X. nicht die Unterstützung der Alliance in Anspruch nehmen, um die Legitimität wiederherzustellen und einzusetzen? Dies sind wohl Fragen, die ganz Europa jetzt in Bewegung setzen werden und deren Antwort die größten Folgen haben muß.

Wäre doch eine Zusammenkunft der großen Souveraine[69] jetzt schnell möglich, um einen großen schnellen Entschluß zu fassen. Denn bevor man zusammenkommt, muß Alles so klar schon sein, daß man einen Entschluß fassen kann.

Der König ist heute vom Loo hier eingetroffen; es werden die Grenz-Festungen, welche nicht hinreichende Garnisonen haben, stärker besetzt werden, dieselben gegen einen gewaltsamen Angriff vorbereitend armiert werden und zum 1. September, wo die Beurlaubten stets einkommen, aber nicht vollzählig, sollen dieselben complett eingezogen werden, mit Ausnahme der Reserve-Bataillone. Man ist hier natürlich sehr gespannt, was Sie wegen Luxemburg und Saarlouis befehlen werden, so wie überhaupt auf die vorbereitenden Maaßregeln am Rhein, da die Niederlande von Niemand eher und kräftiger Unterstützung erwarten können, als von Preußen, wenn es zum Extreme kommen sollte. Von Thionville aus sind Vorposten gegen unsere Grenze ausgesetzt worden.

Im Haag, den 6. August 1830.

Die Hoffnung, daß der König von Frankreich das Äußerste wagen würde, um seine Macht und sein Ansehen, d. h. seinen Thron wieder herzustellen, ist verschwunden. Die heute hier erhaltene Eröffnungsrede des Herzogs von Orleans in den Kammern zeigt uns offiziell die Resignation des Königs und des Dauphins an. Glücklicherweise nicht die des Herzogs von Bordeaux, welche aber von der sublimen Nation auch verlangt wird. Sollte Charles X. auch zur Resignation für den minorennen Kleinen noch gezwungen werden, so scheint es mir, kann Europa diesen Akt nicht anerkennen; es würde ja die Revolution bis zur letzten Neige anerkennen und legalisieren.

Daß hier nur dieser Gegenstand die stete Conversation macht, können Sie leicht denken. Die Meinungen, die sich hier ausbilden, zerfallen in zwei Hauptabteilungen; 1.) darf man die stattgehabte Revolution ungestraft von Europa gehen lassen, also sie legalisieren, oder muß man ihr auf das Bestimmteste und Entschiedenste entgegen treten und Frankreich züchtigen? 2.) Darf man eine solche Züchtigung vornehmen, ohne befürchten zu müssen, die revolutionären Prinzipien fast in allen Staaten zum Ausbruch zu reizen und wird man nicht vielmehr aus dieser Befürchtung die Revolution anerkennen müssen, was mit anderen Worten heißt, die Revolutions-Partei in ganz Europa cajolieren und zur nächsten Nachahmung des 27. bis 29. Juli anspornen?