Mit dem Regierungsantritt Karls X. im Jahre 1824 waren in Frankreich rückschrittliche Tendenzen und Elemente erneut ans Ruder gekommen. Gesetzgebung, Verwaltung und Presse gerieten in mannigfache Abhängigkeiten, Parteikämpfe erfüllten die Kammern, Leitungen, Gerichte und Salons, deren Debatten einen europäischen Widerhall fanden. 1828 kam es zu einer regierungsfeindlichen Mehrheit unter den Deputierten; an Stelle des Ministerpräsidenten Villèle amtierte Herr von Martignac, der vergeblich versuchte, eine gemäßigte Mittelpartei zu bilden. Karl X. glaubte daher im Juli 1829 ein Ministerium seiner Wahl einsetzen zu können, an dessen Spitze der unbeliebte Herzog Jules de Polignac trat. Der König hoffte durch Erfolge in der auswärtigen Politik durch Eroberungen am Rhein oder durch Kolonialerwerb in Algier eine Regierung nach seinem Sinne durchführen zu können; als aber die heimgeschickte oppositionelle Mehrheit der Deputierten-Kammer durch die Neuwahlen wieder dorthin zurückkehrte, begann die Situation sich zuzuspitzen; der „rechtlose Willkürakt“, durch den Karl X. mit seinen „Ordonnanzen“ vom 25. Juli 1830 das Wahlrecht einschränkte und die Preßfreiheit aufhob, kostete ihm den Thron. Die Pariser Revolution vom 26. bis 29. Juli, deren allgemeine Bedeutung nach einem Worte Jakob Burckhardts in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ als europäische Erschütterung viel größer als die spezielle politische war, der dreitägige Aufstand, in welchem die Pariser Liberalen durch das großstädtische Proletariat den legitimen König davonjagen ließen und den nationalen auf den Thron setzten, das Werk der studierenden Jugend und gleich ihr republikanisch gesinnter Arbeiter triumphierte über die militärischen Mittel des verblendeten Königs. Der Befehlshaber der königlichen Truppen, Marschall Marmont, konnte die Lage nicht halten; die „Ordonnanzen“ wurden zurückgezogen und ein volkstümliches Ministerium mit dem Herzog von Mortemart in Aussicht genommen; trotzdem aber verhandelte der König insgeheim mit den Männern um Polignac weiter und verlor somit die letzte Möglichkeit eines Ausgleiches; in der Frühe des 30. Juli hatte der jugendliche Thiers, der Redakteur des „National“, der am meisten zum öffentlichen Widerstande gegen die „Ordonnanzen“ beigetragen hatte, durch einen glänzend stilisierten öffentlichen Aufruf auf den Herzog von Orléans als auf den kommenden Mann Frankreichs hingewiesen. Im Stadthaus von Paris führte der alte Lafayette wie einst im Jahre 1789 die Nationalgarden des Landes, und die Riesenstadt zitterte vor einer Wiederholung blutiger Straßenkämpfe.... da beschleunigte jener meisterhafte Aufruf die Bildung einer Partei Orléans.

Louis Philippe, Herzog von Orléans, hatte sich in den entscheidenden Tagen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; jetzt erging an ihn die Aufforderung, den Posten eines Generalstatthalters zu übernehmen, der er sich nicht mehr entziehen konnte. Im Laufe des 31. Juli hatte er durch eine Proklamation diese Würde angenommen und zeigte sich mit Lafayette unter der Trikolore dem Volk: das Schicksal Karls X. war besiegelt; am 2. August hat er mit dem Dauphin auf die Krone verzichtet, und wenige Tage später bestieg der „Bürgerkönig“ Louis Philippe den Thron von Frankreich. Seine europäische Anerkennung ist verhältnismäßig rasch erfolgt.... Prinz Wilhelm weiß in den nachfolgenden Briefen dieses Vorgehen der Mächte nicht scharf genug zu tadeln. Im selben Monat, am 25. August 1830, brach in Brüssel die belgische Revolution aus; noch waren die europäischen Kabinette durch die französischen Ereignisse derartig verwirrt, daß sie diesen neuen, gefährlichen Unruhen zunächst verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstanden. Durch einen Besuch bei dem ihm verwandten niederländischen Hofe Im Haag hatte Prinz Wilhelm die Ereignisse in Paris fast aus nächster Nähe miterleben können; wenn ihn auch Ende August desselben Jahres eine militärische Inspektionsreise nach dem Rheinland rief, so blieb er doch mit dem niederländischen Hofe in enger Verbindung und erlebte den Beginn der Trennung der durch die Willkür der Großmächte 1814/5 zusammengekuppelten Nationalitäten der Holländer und Belgier.

Das kunstreiche Gebilde des europäischen Friedens mit seinen wohlabgemessenen und aufeinander berechneten Pfeilern, Legitimität der Krone, christlicher Sinn der zur heiligen Allianz vereinten Monarchen-Völker, die je nach ihrer geschichtlich gewordenen Eigentümlichkeit ihren gesetzlichen Anteil am Leben besaßen —, dies Gebäude, umsorgt von den einen, gehaßt von den andern, das selbst die gefährliche Erschütterung des Aufstandes der Griechen gegen ihren legitimen Sultan schließlich überdauert zu haben schien, stürzte zusammen. Kunst, Weisheit und Gesittung, die in seinem Innern Schutz gefunden hatten, schienen aufs neue gefährdet. Nichts Geringers als einen Rückfall in die Barbarei, einen neuen Dreißigjährigen Krieg weissagte Niebuhr. Die Angst, daß wie vor vierzig Jahren das Feuer nicht auf seinen Herd beschränkt bleiben und die Welt wiederum in seine Flammen getaucht werden würde, schien Recht zu bekommen, als die Revolution nach Belgien übergriff. Preußen begann vielleicht gar, nicht allein durch die Nachbarschaft der Rheinprovinz, sondern vor allem durch das nahe verwandtschaftliche Verhältnis seines Königs zu dem Beherrscher des niederländischen Gesamtstaates — Friedrich Wilhelms III. Schwester Wilhelmine war die Gattin des Königs der Niederlande — unmittelbar hineinverwickelt zu werden, ganz abgesehen davon, daß sich für ein revolutionäres Frankreich aus dem benachbarten — belgischen — Ereignis ungeahnte Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Politik von 1792 ergaben. Eine Wolke neuer Revolutionskriege drohte am Horizonte heraufzuziehen.... Doch die belgischen Verhältnisse klärten sich.... die Londoner Botschafterkonferenz gab der von den Revolutionären durchgeführten Trennung ihren nachträglichen Segen; im Januar 1831 wurden unter dem Vorantritte Preußens von dem vereinigten Europa die Grundmauern des zukünftigen belgischen Staates gelegt.

Im Haag, den 28. Juli 1830.

.... Der gestern hier bekannt gewordene Coup d’état des Königs von Frankreich erregt allgemeines Aufsehen und allgemeine Besorgnisse. Die Nachrichten, die man hier haben will, sollen, wenn sie gegründet sind, die Besorgnisse sehr gegründet erscheinen lassen und eine nicht zu berechnende Reaction befürchten lassen. Im entgegengesetzten Falle, d. h. wenn dieser Coup d’état glückt und ohne Reaction verläuft, so ist Charles X. nur Glück zu wünschen, denn die Wirtschaft würde doch zu toll in Frankreich, wenn nicht, so sind leider die Folgen unberechenbar.

Im Haag, den 2. August 1830.

Wenngleich ich annehmen darf, daß Sie von Allem unterrichtet sind, was sich Schreckliches in Paris in den Tagen vom 27. bis 30. ereignet hat, so nehme ich keinen Anstand, dasjenige Ihnen hiermit schleunigst zukommen zu lassen, was man hier teils direkt, teils indirekt erfahren hat. Die Abdication des Königs und des Dauphins zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux, unter Vormundschaft des Herzogs von Orléans, scheint sich nicht zu bestätigen. Herr d’Agoult, von dem erst heute die ersten Meldungen eingegangen sind, schreibt, daß Marschall Marmont noch einen Teil von Paris besetzt hält; eine Deputation der sich constituiert habenden Regentschaft hat ihm folgende Vorschläge gemacht: Der König soll sogleich das Ministerium wechseln, sogleich die Ordres vom 25. Juli zurücknehmen und die Kammern zum 3. berufen, dann wolle man weiter mit ihm unterhandeln. Marmont habe erklärt, er habe keine Instruktionen, werde aber Polignac aufsuchen, der in der Nähe sei. Nach einer halben Stunde sei er mit der Antwort gekommen, daß auf solche Conditionen nicht unterhandelt werden könnte, worauf ihm die Deputation erwidert: Voulez-vous donc la guerre civile? was Marmont mit einer stillschweigenden Verbeugung und weggehend beantwortet habe. Der König soll, nach Einigen, mit 8–10000 Mann nach der Vendée, nach Anderen nach Lille sich gewendet haben. In Lille waren auch Unruhen ausgebrochen, die aber durch die Garnison ohne Blutvergießen gestillt worden sind. Nach eben eingehenden Nachrichten hat die Stadt aus ihrer Mitte eine Municipalität gewählt. Die ganze Picardie soll im Aufstand sein. In Rouen sind die Unruhen den Parisern gleich gewesen. Da alle Nachrichten übereinstimmen, daß die Garde und die übrigen Truppen in Paris trotz des enormen Verlustes treu geblieben sind und von der übrigen Armee also wohl dasselbe zu erwarten steht, so behalte ich die Hoffnung, daß, wenn der König nur fest bleibt, er noch im Stande sein wird, die Sache herzustellen, wenn die erste Wut in Paris sich gelegt haben wird und zugleich die Politik des übrigen Europas sich als recht einig und imposant darstellt. Der König der Niederlande, bei dem ich gestern und vorgestern in Loo[67] war, wo gerade diese Nachrichten ankamen, war noch unentschieden, was er tun sollte; bevor er irgend ein Message an Karl X. sendet, falls er sich der Grenze nähert, will er erst abwarten, was derselbe für Maßregeln ergreift, doch scheint es, werden hier die Grenz-Festungen stärker besetzt und armiert und Alles zu einer schleunigen Complettierung und Mobilmachung vorbereitet. Der König hier ist der Ansicht, daß, den Fall ausgenommen, daß Charles X. mit seiner treu bleibenden Armee die Ruhe und seine Autorität wiederherstellt, jeder andere Fall nur die mittelbare oder unmittelbare Einwirkung der bewaffneten Macht der anderen Staaten nach sich ziehen kann, d. h. entweder einen Grenz-Cordon oder geradezu einen Einmarsch in Frankreich auf Wunsch seines Königs, um ihn zu restituieren. Aber dann nur Einheit und Übereinstimmung, um nicht etwa einzeln sich Extras auszusetzen. Mir scheint dies Raisonnement des Königs sehr richtig. Er ist für seine südlichen Provinzen ganz ruhig bis jetzt, und mit Recht, da alle geheimen Nachrichten von dort den Geist als sehr gut beim Empfang der schrecklichen Pariser Begebenheit schildern. Die Festigkeit des Königs diesen Winter hier gegen die Generalstaaten ist von unberechenbarem Nutzen also gewesen, wie man sieht. Gott gebe, daß alles so bleibt.

Das Extra-Blatt des Courier français, welches die heillose Proclamation Lafayettes an die National-Garde enthält, wie die 1000 anderen kleinen Charakter-Züge der citoyens, werden Sie wohl erhalten haben, da es hier angekommen ist wie sonst die gewöhnlichen Zeitungen.

Ihnen den Eindruck, den dies Alles auf mich gemacht hat, zu schildern bin ich nicht im Stande. Bei Lesung dieser Sachen glaubt man Zeitungen von vor 40 Jahren zu lesen. Es ist wirklich gräßlich. Ich hatte den festen Glauben, bei Allem, was man in Frankreich sich trainieren sah, daß dennoch nichts zum Ausbruch kommen würde, weil eben die Nation die Greuel einer Revolution gesehen hat und kennt, und also eher wie jede andere davor zurückbeben müßte. Aber nein. Eine 40jährige bittere Erfahrung hat sie nicht klüger, nicht ruhiger gemacht.