Was mir an Ihrem gnädigen Briefe natürlich das Interessanteste war, war Ihre Ansicht über das, was wegen der Ereignisse in Frankreich zu tun sei. Da ich daraus ersah, daß Sie mit der hier bereits bekannten englischen Ansicht sich einverstanden erklären, und wie man indirect nun auch weiß, daß Österreich so denkt und Rußland so denken wird, so sehe ich freilich, daß ich mit meiner Ansicht das Feld räumen muß, wobei es vielleicht vergönnt sein wird, daß ich meinem Innern die ausgesprochene Überzeugung bewahre und daß Gott gebe, daß meine Besorgnisse nicht kurz über lang eintreffen, namentlich wenn nun noch der Orleans anerkannt wird; dann dürften in 10 bis 15 Jahren viele dergleichen Könige auf Europas Thronen sitzen, wenn auch die mit mir Gleichgesinnten für die gute Sache zu sterben werden gewußt haben.

Da Sie selbst mit Gewißheit annehmen, daß über kurz oder lang wir von der Revolution werden ergriffen werden, weil Frankreich die Eroberung Belgiens und des linken Rheinufers verlangen wird, eine Ansicht, die ich in einem meiner ersten Briefe von hier auch schon auszusprechen wagte, so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich auch noch über diesen Gegenstand ausspreche und namentlich, ob nicht ein Angriffskrieg Europas gegen Frankreich jetzt vorzuziehen sei.

Frankreich ist in diesem Augenblick in einem Zustand von Unsicherheit über das, was es getan hat, über die Möglichkeit der Erhaltung des Erlangten, über die Maßregeln, welche Europa ergreifen wird, von dem Alle gewiß Mißbilligung und Strafe fürchten; demnächst daraus folgend sehen wir die Parteiungen täglich in Paris ausbrechen, die der Roi citoyen und die Seinigen mit Proklamationen dämpfen müssen; man sieht in den Journalen bereits die alte Unzufriedenheit mit dem Souverain und den Ministern ausgesprochen (trägt die Zügellosigkeit der Presse unter der vorigen Regierung nicht einen großen Teil der Schuld der jetzigen Revolution?); wir sehen die Armee in einer völligen Reorganisation, mit detachierten Armeen in Algier und Griechenland; wir sehen die freimütigen Äußerungen vieler Pairs und Deputierten, die sich aus den Ämtern zurückziehen, es mit ihrem Gewissen nicht vereinigen könnend, der neuen Regierung zu schwören und zu dienen (und wie stark mag die Partei derer nicht sein, die eben so denken, aber sich nicht ausspricht, die aber auf Europa hofft und wartet als Erlöserin?). Alle diese Verhältnisse werden noch Monate lang so bestehen, aber die Consolidierung des Reichs und der Verhältnisse wird mit Riesenschritten fortschreiten, wenn es erst erfährt, daß Europa nicht intervenieren wird oder gar Orleans anerkennt. Die Unsicherheit und Bangigkeit im Lande verschwindet dann, die Gutgesinnten unterwerfen sich dem Anerkannt-Bestehenden, die Armee ist reorganisiert, die detachierten Corps werden herangezogen.

Wenn so also in Jahr und Tag das neue Frankreich sich consolidiert haben wird und sich kräftig und gerüstet fühlt, einen Schlag nach außen tun zu können, dann wird es uns angreifen. Wenn der Himmel uns dann den Sieg gibt, so wird der Kampf, wie Sie selbst sagen, auch nicht leicht sein, nein, er wird ungleich schwerer als diesen Augenblick sein, da man dann nicht mehr darauf rechnen kann, einen unsicheren und schwankenden Thron, der nur von Parteiungen erzeugt und gehalten wird, mit einem Schlag wie 1815 zu zertrümmern, sondern weil man es alsdann mit einer, das neue Verhältnis teils lieb gewonnenen, teils ruhig ertragenden Nation zu tun haben wird. Und das Ende des Ganzen ist, daß man mit dem Geschöpf der Revolution einen Frieden schließt, wenn die Pariser nicht ihren Orleans wie ihren Napoleon und ihren Charles nach Belieben absetzen wollen und Europa dies abwarten muß, bis es mit dem Herzog von Bordeaux und der Legitimität hervortritt.

Wenn dagegen Europa jetzt mit diesem Princip auftritt und gemeinschaftlich wohl gerüstet in 2–3 Monaten den Krieg erklärte, bis wohin alle Armeen am Rhein concentriert sein könnten, so würde man Frankreich weder durch eine stillschweigende noch durch eine officielle Anerkennung des Geschehenen consolidiert haben, noch es consolidiert finden, sondern man findet es in dem geschilderten Zustande von Unsicherheit über die Möglichkeit der Erhaltung des Geschehenen, in der gerechten Besorgnis, einem Stoß von ganz Europa nicht widerstehen zu können; die gute Partei würde mit Ungeduld den Moment erwarten, wo die Legitimität triumphieren wird und wo der nicht anerkannte Souverain von Europa destituiert wird; man findet die Armee noch nicht organisiert und nicht einmal einen Feldherrn, wie Napoleon, der 1815 Alles electrisierte und der dennoch in einer Schlacht nur von zwei großen und einer kleinen Armee geschlagen unterlag. Wieviel Chancen also für das Gelingen eines Angriffskrieges jetzt gegen Frankreich. Und selbst für den ungünstigst anzunehmenden Fall, den ich der Erste bin, als gewiß aufzustellen, daß im Moment, wo Europa Frankreich den Krieg erklärt, alle Parteien zusammenstimmen und zusammenhalten werden, um den einfallenden Feind abzuwehren, so würde dadurch diese Harmonie im jetzigen Moment von nicht größerer Dauer sein als 1815. So wie damals würde vielleicht mit einem Schlage die Sache beendigt, denn Orleans’ Thron scheint mir nicht einmal so fest zu stehen als der von Napoleon in 100 jours.

Demnach hat es mich also bedünken wollen, daß ein Aggressiv-Krieg Europas jetzt gegen Frankreich nicht nur zum Besten und zum Triumph der guten Sache gereichen würde und die Revolution dadurch allenthalben auf lange Jahre unterdrückt werden würde, sondern auch der Kampf viel leichter und der Erfolg sicherer sein würde. Auch wer weiß, ob, wenn Frankreich einst Belgien und uns angreift, wir auf die Armeen der Verbündeten rechnen können, die sie jetzt des Princips halber stellen müßten oder dann nur auf die tractatmäßigen Corps.

Wie ungeduldig ich bin, zu erfahren, was Europa auch ohne Kriegserklärung beschließen wird, um sein Mißfallen mit der Revolution auszusprechen, begreifen Sie gewiß. Die Nicht-Anerkennung Orleans und die officielle Mißbilligung alles Geschehenen und damit Frankreich seinem Schicksal sich überlassend, dürfte jetzt doch noch nötig sein, um wenigstens einen moralischen Eindruck der Einigkeit Europas zu geben und dadurch Frankreich zittern zu machen.

Verzeihen Sie gnädigst meine freimütigen Äußerungen, aber der Moment ist zu groß, als daß ich es nicht wagen dürfte, mich auszusprechen, wenn es auch nur verhallende Worte sind.

Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.

Düsseldorf, den 28. August 1830.