Was nun meine Besuche in den Städten am Rhein betrifft, die ich nach den stattgehabten Emeuten dort machte, so fand ich zuvörderst in Elberfeld eine Niedergeschlagenheit, die nicht zu schildern ist; der Empfang und die Versicherungen von Anhänglichkeit, welche ich 5 Tage dort vorher erlebt hatte, mochten den Anwesenden wohl eine Art Scham erzeugen, die ich mich veranlaßt fand selbst als falsch und unnötig ihnen vorzuhalten. Denn der Aufstand war ja durch die niedrigste Volksklasse erzeugt worden und durch diejenigen, welche jetzt als Repräsentanten der Bürgerschaft vor mir standen, sogleich ohne Militär gedämpft worden, sodaß ihnen ja nichts zur Last fiel, sondern ich im Gegenteil ihnen nur danken konnte für ihr schönes, entschlossenes und festes Benehmen. Diese Worte richteten sie wieder auf, und gewiß ist die Stimmung dort vorzüglich und die Anhänglichkeit an Ihre Person außerordentlich groß. In Köln war ich bei meiner ersten Anwesenheit ohne alle äußeren Zeichen von Enthusiasmus behandelt worden, ja ich möchte eher sagen, daß man in der Stadt fast keine Notiz von mir nahm, obgleich abends die Stadt erleuchtet war, aber schwerlich ganz freiwillig. Um so auffallender war es mir, daß, als ich nun nach dem Auflauf wieder herkam, der auch durch die Bürger allein gedämpft worden war, ich sogleich beim Aussteigen mit Hurrah von den Bürgern und von den Angeseheneren begrüßt ward, was sich auch wiederholte, wo ich mich sehen ließ, woraus ich sehr deutlich entnehmen konnte, daß sich die Bürger etwas darauf zu Gute taten, daß sie ihre Anhänglichkeit an Ruhe und Ordnung, an Ihre Person und an den bestehenden Zustand der Dinge auf eine so eclatante Art durch ihr Benehmen gegen die Aufrührer hatten kund tun können.
Die einzelnen Wünsche, die ich im allgemeinsten gehört habe, gehen hauptsächlich darauf hin, daß man es sehr gern sehen würde, wenn mehr Eingeborene in Westphalen und im Rheinland angestellt würden. Ein anderer Wunsch ist, daß die Geschäfte rascher betrieben werden möchten, indem die Sachen in den Ministerien entsetzlich verschleppt werden. Und dann noch, daß das Unterrichtsministerium praktischer eingreifen möchte, was freilich von Altenstein[79] nicht mehr zu erwarten ist...
Es sind heute schlechte Nachrichten aus Brüssel gekommen. Man hat dort die Thron-Rede öffentlich verbrannt und ein Auflauf von 5–600 Menschen hat stattgefunden; um 11 Uhr Abends war jedoch die Ruhe hergestellt. Es scheint, daß diese Nachricht zu ernsten Mitteln endlich den Anstoß gibt, aber die Generalstaaten sollen erst diese Mittel vorschlagen und verlangen; damit gehen immer mehrere Tage verloren; die jungen Truppen, die au qui vive stehen, schon einmal zurück mußten und von den Rebellen bearbeitet werden durch Emissairs und Proclamationen, werden mißmutiger; kurzum die Lage ist sehr bedenklich, wenn nicht bald und rasch etwas geschieht. Der König ist sehr niedergeschlagen. Er sagte mir heute: Wie haben sich die Dinge geändert, seitdem Sie bei uns sind; nirgends ist ja mehr Treu und Glauben zu finden; die heiligsten Rechte werden ja nicht mehr respectiert. Dann setzte er hinzu: Meine Lage ist verzweifelt; wenn ein europäischer Krieg ausbricht, so bin ich paralysiert; mein halbes Reich ist in Aufruhr, die Hälfte der Armee jenseits Brüssel in den Festungen isoliert und diese schwach besetzt; bleiben die Truppen nicht treu, so sind diese Festungen alle für Frankreich erbaut, die Finanzen, die blühten, sind schon jetzt gedrückt, die Papiere so gefallen, daß man mit ihnen keinen Handel machen kann; ich habe also gar keine Mittel tätig zu sein, wenn ein Krieg ausbricht...
Nimwegen, den 19. September 1830.
Gleich vorgestern, als nach dem Diner die ersten alarmierenden Nachrichten eintrafen, sandte der König seinen Adjutanten an Fritz, um ihm den Befehl zum Vorrücken gegen Brüssel zu geben, da nun kein Moment zu versäumen sei, die Residenz zum Gehorsam zu zwingen, bevor das platte Land im Aufstand sei. Fritz erhielt zugleich den Befehl, wenn er mit seinem Corps vor Brüssel concentriert stehe, eine Proclamation zu erlassen, in welcher die Stadt im Guten noch einmal zum Gehorsam aufgefordert wird und in welcher der König eine Art Pardon annonciert und nur die Rädelsführer zu strafen verspricht (eine Art limitierte Amnestie, von der Wilhelm sagt, daß sie doch die Hände nicht zu sehr bände; über das Geschehene ist nichts zu sagen, sonst glaube ich, sind die Amnestien nicht zum Heile der Throne ausgeschlagen). Wenn diese Aufforderung nach einigen Stunden Bedenkzeit nicht angenommen, und ausgeführt ist, so soll Fritz den Gehorsam mit Gewalt erzwingen und da habe ich ihn inständigst gebeten, jedes Straßen-Gefecht zu evitieren und Alles durch ein Bombardement zu zwingen suchen. Wahrscheinlich steht Fritz heute Abend schon vor Brüssel, spätestens morgen, sodaß am 21. bestimmt der entscheidende Schlag sein wird. Gott gebe seinen Segen.
Sollte die Sache manquieren, ja dann sagte mir der König gestern ausdrücklich, daß er alsdann Belgien aufgeben müßte für den Moment; er würde eine Defensiv-Stellung von Antwerpen nach Maastricht nehmen und in dieser die Unterstützung der Alliierten abwarten, die er dann sogleich in Anspruch nehmen würde. Er fügte hinzu, daß dann freilich ein allgemeiner Krieg unvermeidlich sei, da ihm Frankreich habe officiell anzeigen lassen, daß, wenn er von Europa unterstützt würde, der sogenannte König Orleans die Revolution Belgiens seinerseits unterstützen würde. Dahin wären wir nun also in Europa gekommen, daß, während fast alle Mächte die Revolution bekämpften, nun schon das Zerwürfnis eingetreten ist, daß eine bedeutende Macht erklärt, die Revolution unterstützen zu wollen, wenn die andern Mächte sie angreifen wollen. Wohin soll das noch führen[80]!
Ich hoffe, daß Fritz von Oranien in Brüssel den Frieden Europas auf einige Jahre wenigstens noch erhalten wird[81].
Weimar, den 28. September 1830.