Auf der Durchfahrt durch Gotha kommen soeben Reisende an, welche von Hanau bis Fulda, Fulda selbst ausgenommen, alle Städte im Aufruhr gefunden haben. Allenthalben würden, wie vor einigen Nächten in Hanau, die öffentlichen Bureaus und Beamten-Wohnungen geplündert und verbrannt und alles schreie nach Freiheit, der Kurfürst verweigere eine Verfassung, die Wappen wurden abgerissen, die Durchreisenden mußten mit: es lebe die Freiheit rufen, wobei man ihnen eine Axt vors Gesicht hielt; nicht nur die Städte, sondern auch die Bewohner des platten Landes sind im Aufstande; sie jagen die Schulzen und Amtsleute fort, ziehen bewaffnet von einem Ort zum andern, setzen sogleich Wachen und Signale aus, kurzum die Sachen werden natürlich durch immer noch nicht habhaft zu werdende Emmissaire nach ein und demselben Plane geleitet, überall wird gesengt und gebrannt, aber nirgends gestohlen. Auf Zuruf einer Stimme: es ist genug für heute geht alles ruhig auseinander gerade wie in Brüssel bei dem Rufe: c’est assez. Der soeben eintreffende Großherzog von Oldenburg bestätigt nicht nur all’ die eben erzählten Greuel, sondern ist Augenzeuge derselben gewesen, indem auch ihm unter anderm jene Axt vorgehalten worden ist. In Fulda war gestern Mittag bei seiner Abreise die Unruhe auch schon ausgebrochen und die schwachen Behörden hatten sogleich die Licent-Erhebung, welches die Haupt-Forderung der Meuterer ist, aufgehoben. Das Militär sieht überall ruhig zu dem Unwesen zu. Der Großherzog von Oldenburg und der Herzog von Coburg, der mir gestern Rendez-Vous in Gotha gab, sprachen Beide äußerst determiniert, besonders ersterer hatte echte Ansichten über das Militär und seine Leistungen bei solchen Excessen ausgesprochen. Wenn nur endlich irgendwo einmal Ernst und Strenge gegen die Meuterer gezeigt würde und nicht überall die unzeitige Nachgiebigkeit erblickt würde[82]... Der Großherzog von Oldenburg machte den glaube ich ganz zweckmäßigen Vorschlag, man sollte mobile Colonnen formieren in hiesiger Gegend, in Böhmen und Bayern vielleicht, die sich gleich nach den aufgestandenen Gegenden zu begeben hätten, um sie zur Raison zu bringen. Der Herzog von Coburg drängt, wohl sehr mit Recht, auf eine Art Manifest des Bundes, in dem diese unerhörten Frevel öffentlich verpönt und als mit Gewalt zu bekämpfend dargestellt würden.
Weimar, den 14. Oktober 1830.
Sie haben mich durch den Grafen Lottum[83] befragen lassen, was es für eine Bewandtnis mit einer Rede habe, die ich in Coblenz gehalten hätte, die jetzt in mehreren Zeitungen gedruckt stehe. Wenngleich mir der Graf Lottum nicht sagen konnte, auf Befragen, ob Sie den Inhalt dieser sogenannten Rede tadelten, so mußte ich durch seine Sendung durch Sie an mich doch etwas Tadelndes vermuten. Es kann mir daher nichts übrig bleiben, als den wahren Zusammenhang der Sache vorzutragen, um mich dann Ihrem Schicksale zu überlassen. Daß ich keine Reden zu halten pflege, wissen Sie wohl und am allerwenigsten war meine Stellung in den Rhein-Provinzen diesen Sommer dazu geeignet; denn große Reden verfehlen oft ihren Zweck, wenn es auch nur darum wäre, weil die Menschen sich sagen: der will uns durch Redensarten gewinnen. Alles, was ich gesagt habe, war im Conversationstone gesprochen bei der Präsentation der Behörden, wo dann bald diese, bald jene Äußerung zu Einem oder dem Anderen oder auch zu Mehreren zugleich gesagt wird; und beim Interesse des Gegenstandes kam es natürlich oft, daß ein Jeder zu horchen versuchte, was ich sprach, dann also auch alle still waren und man so meinen Worten die Ehre angetan hat, sie in eine Rede zusammenzufassen.
Übrigens sprach ich mich nicht allein in Coblenz so aus, sondern in Cöln, Düsseldorf, Aachen, Lippstadt, Wesel usw.; überall sagte ich dem Sinne nach dasselbe und dies Alles habe ich mir aus den Inhalten Ihres eigenen Briefes... construiert. Demnach ging der Sinn meiner Worte dahin: „daß Sie es bedauerten, zum zweiten Male von der Bereisung der westlichen Provinzen und der dortigen Armee-Corps verhindert zu werden und daß Sie mir aufgetragen hätten, dies den Truppen und den Einwohnern bekannt zu machen“. Wenn im vergangenen Jahre ein so schöner Grund Sie von dieser Reise abgehalten hätte, so wäre es nur im höchsten Grade zu beklagen, daß in diesem Jahre der Grund ein so höchst trauriger, unglücklicher sei; denn bei den jetzigen gestörten Verhältnissen in Frankreich, die ganz Europa in Unruhe und Bewegung zu setzen drohen, hätten Sie natürlich die Residenz nicht verlassen können, um sich mit Ihren Alliierten desto rascher beraten zu können. Was die französische Revolution beträfe, so würden Sie sich nicht in diese inneren Angelegenheiten mischen; man würde die Revolution wie einen Krater beobachten, der in sich selbst ausbrennen müßte und man würde nur auf seiner Hut sein, daß dieser Krater keine Crevasse bekäme, aus der sich der Gährungsstoff auf andere Länder ergießen könne. Sollte Preußen jedoch nicht angegriffen werden, so wären Sie fest entschlossen, alle Ihre Kräfte aufzubieten, um den jetzigen Besitzstand zu erhalten, und Sie würden keinen Mann Ihrer bewaffneten Macht zurücklassen, um auch den letzten Ihrer Untertanen zu beschützen und sich zu erhalten. Was die verschiedenen Aufstände im Preußischen beträfe, so hätten Sie dem wohlgesinnten Teil der Untertanen Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie sehr sie Ihrem Szepter anhingen, indem sie den Emeuten allenthalben rasch ein Ziel gesetzt hätten. Ich müßte aber einem Jeden zu bedenken geben, daß man nicht nur durch Aufstände gegen Sie sich auflehnen, sondern daß auch durch Gesinnungen und Handeln eines Jeden in seinem Wirkungskreise Auflehnung entstehen könne, und daher müßte ich namentlich die Behörden aufmerksam machen, genau den geregelten und vorgezeichneten Gang Ihrer Regierungsform ins Auge zu fassen, damit ein Jeder in Ihrem Sinne Recht und Billigkeit ausübe. Jede Abweichung hiervon wäre gegen Ihre Absicht und gegen den Sinn Ihrer Regierung und könne daher eine Ahndung nach sich ziehen.
Wenn Sie gegen diese Worte und deren Sinn etwas zu erinnern finden, so muß ich Belehrung darüber erwarten; ich glaube aber versichern zu können, daß sie nicht nachteilig gewirkt haben und das Interesse, welches Sie an den getrennten Provinzen nehmen, den Einwohnern von Neuem gezeigt und sie sehr erfreut hat.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Im Dienste des Staates.
Berlin, den 14. November 1830.
Auf meinen dienstlichen Antrag, den Kavallerie-Regimentern die Kriegsreserven-Mannschaften so lange zu belassen, bis die Augmentations-Mannschaft im Februar oder März eintrifft, habe ich heute die abschlägige Bescheidung des Kriegsministers auf Ihren Befehl erhalten. Verzeihen Sie gnädigst, wenn ich noch ein Mal in dieser Angelegenheit mich direkt an Sie wende. Mein Zweck kann ja kein anderer sein, als Ihre Kavallerie vor einem möglichen Erscheinen im Felde zu sichern, der ihr und ihrem Namen nur Nachteil bringen kann.