Berlin, den 10. Februar 1832.

Durch den Kriegsminister ist mir Ihr Befehl zugegangen, nach welchem eine sehr bedeutende Beurlaubung bei der Infanterie eintreten soll. Die Staatskassen müssen freilich sehr erschöpft sein, da Sie sich zu dieser Maaßregel entschlossen haben, denn Niemand ist ja fürsorglicher für das Wohl der Armee als Sie und Niemand weiß daher besser als Sie, wie schmerzlich dieser Befehl der Armee sein muß, wie desorganisierend er momentan und vielleicht auf länger auf dieselbe wirken muß. Ich kann daher auch nicht, wenn ich es mir auch gern unterstehen möchte, auf Zurücknahme dieser Anordnung für die ganze Infanterie antragen; aber ich wage es, Ihnen die Lage der Infanterie des dritten Armee-Corps untertänigst vorzutragen. Durch die Dislocation derselben außer ihrem Cordon trifft diese Maßregel dieselbe ungleich härter und führt weniger zum Ziel der Ersparnisse.

1.) Die Beurlaubung wird nicht viel vor Ende des Monats eintreten, sodaß also ungefähr dieselbe nur auf 3 Monate eintritt.

2.) Nach meinem ungefähren Überschlag wird die Entlassung beim dritten Armee-Corps circa 2200 Mann betragen. Der Mann zu 3 Taler monatlich berechnet, gibt die Summe von 10000 Talern, in 3 Monaten also 30000 Taler, welche erspart werden.

3.) Davon sind jedoch wiederum abzurechnen wenigstens 14 Tage Hin- und 14 Tage Her-Marsch, also wieder ein Monat, sodaß wieder 10000 Taler abzurechnen sind, und es bliebe also nur ca. 20000 Taler Ersparnis.

4.) Wie Wenige werden sich finden, die auf eine so kurze Zeit nach Hause gehen, wie sie kein Unterkommen, kein Verdienst auf 2 Monate finden?

5.) Bei der Aussicht einer großen Revue für das dritte Armee-Corps wird die Maaßregel für dasselbe im höchsten Grade drückend. Die Desorganisation der Truppen tritt in dem Moment ein, wo die Compagnie-Exercier-Zeit beginnt, wo die Rekruten durch die Zusammenstellung mit den alten Mannschaften erst anfangen sich zu orientieren und als Soldaten zu fühlen. Das Fortschreiten der Ausbildung von Stufe zu Stufe, Compagnie-, Bataillon-, Regiments-Exercieren wird unmöglich, teils aus Mangel an Formations-Möglichkeit, teils weil mit vier wachtfreien Nächten die Mannschaft so fatiguirt wird, daß an ein systematisches Exercieren kaum zu denken ist. Jede Vermehrung von Kranken im Frühjahr, die leider jetzt immer zu erwarten ist, jedes kleine Kommando und andere Zufälligkeiten vermindern den wachtgebenden Stand, sodaß bald mit 3, bald mit 2 Nächten wird aufgezogen werden müssen. Bei einer solchen Fatigue hat die Erfahrung, namentlich in Coblenz bis zum Jahre 1830, gelehrt, daß die jungen Leute nicht auf dem Posten sich wach zu erhalten vermögen, sie schlafen ein, werden so betroffen, arretiert, sodaß ihre Existenz höchst gefährdet ist, da sie zwischen Ermattung auf Posten durch Mangel an Schlaf, was die Gesundheit untergräbt, und Arretierung wegen Erliegung der Fatigue zu wählen haben. Dies Bild erscheint grell, ist aber leider aus der Erfahrung von Coblenz gegriffen und findet sich in einem Brief von mir an den General Witzleben aus Ems von 1830. Ich fürchte mit Recht, daß ähnliche traurige Verhältnisse nun in Magdeburg, Erfurt, Cüstrin und Wittenberg eintreten werden. Wie soll bei solchen Fatiguen viel exerciert werden können? Die Ausbildung der Truppe ist also während der drei Monate fast unmöglich.

6.) Am 1. Juni soll die beurlaubte Mannschaft wieder eintreffen bei den Regimentern. Um Ihre Zufriedenheit zu erlangen im Herbst, ist es unumgänglich nötig, daß wie 1827 die Vorübungen der Truppe systematisch in ihrer größeren Zusammensetzung fortschreiten; sonst kann ich nicht verantwortlich sein für Ordnung der Ausführung des Verlangten. Eine desfalsige Berechnung ergibt, daß die Erfurter Garnison in der Hälfte Juli aufbrechen muß; sie hat also kaum 5 Wochen, um mit der Mannschaft im Detail alles nachzuholen, was erforderlich ist. Welch’ ein kurzer Zeitraum für die feine Ausbildung im Detail; welche Anstrengungen, welche Überbietung der Kräfte aller Teile gehört dazu, um zu Stande zu kommen? Eine so übermäßige Anspannung erkältet leicht den höchsten Eifer und die größte Lust. Und wenn es mir auch glückte, das Corps wie vor 6 Jahren Ihnen vorzuführen, so bangt mir wahrlich vor der Frage, was für Kräfte aufgeboten wurden, um in so kurzer Zeit so viel zu erreichen.

Aus dieser, ich fühle es, sehr kühnen und gewagten Darstellung der Folgen, welche die Beurlaubungsmaßregel bei meiner Infanterie haben wird, unterstehe ich mich darauf anzutragen, die Maßregel bei dieser Infanterie zurückzunehmen, teils, weil die Ersparnis-Erzielung bei derselben gering ist, durch ihre Dislocation, teils weil die Kräfte der Mannschaften beim Wachtdienst und bei den übereilten späteren Übungen gefährdet werden... Ich muß bemerken, daß meine Befehle zur Beurlaubung bereits abgegangen sind, eine gnädige baldige Entscheidung also sehr erwünscht ist.