In solchem Frieden wuchs auch der zweite Sohn des preußischen Königspaares, Prinz Wilhelm, auf, bis vor den Toren Jenas und Weimars der Staat zerschlagen ward, den Friedrichs Geist gebaut hatte. Es kamen die Jahre der Schmach und Knechtschaft, die in bekannter Weise tief in des Prinzen Leben eingriffen: in einem gefesselten Staat, unter dem hoffnungslosen Kummer des Vaters, in seinem kindlichen Gemüt verwirrt durch den Tod der geliebten Mutter reifte er zum Jüngling heran. Am Aufschwung der Nation nimmt er dann tätigen Anteil, ohne sich irgendwie den Idealen und Zielen eines großen deutschen Vaterlandes hinzugeben. Friedrich Wilhelm III. sind diese Ideale immer fremd geblieben; auch der Sohn des Königs blieb in den Überlieferungen der preußischen Größe gebunden, wie doch die Reformen eines Stein und Hardenberg zunächst Preußen gegolten haben und diesem zugute gekommen sind. Dieses Preußen aber hat alles daran setzen müssen, um nach dem Kriege, der dem einzelnen deutschen Menschen nicht die Freiheit des Tuns und Denkens brachte, seine Stellung als Großmacht zu behaupten. Europäische Aufgaben und Notwendigkeiten führten diesen Staat an die Seite Österreichs und Rußlands; einen lebendigen Ausschnitt solcher Bestrebungen bietet ein wesentlicher Teil der folgenden Briefe.

Des Prinzen Wilhelm Pflichten- und Interessenkreis war in fast ausschließlicher Weise von Anfang an ein rein militärischer: es kam seinen Anlagen, Neigungen und Anschauungen entgegen, der erste Soldat des Staates und der Armee zu sein, einer Armee, die an der allgemeinen Erstarrung nach der Reformzeit teilhatte, deren frischer Tätigkeitsdrang nach 1815 unerstickt war, aber doch unerfüllt blieb, deren Ausbau und Entwicklung jedoch der Prinz alle besten Kräfte seines Wesens zuwandte, seitdem er in den Jahren des Friedens in der Rangstufenleiter bis zum Kommandeur des dritten Armeekorps emporstieg und ernstlich bemüht war, alle Forderungen solcher Führerposten zu kennen und ihnen bis ins kleinste gerecht zu werden. Er hat immer danach gestrebt, diese weitschichtige Materie völlig zu durchdringen und zu beherrschen; die Sorge um die Armee als Ganzes — in Bereitschaft sein ist alles — und um den einzelnen Mann verläßt ihn nie, wenn er aus der Fremde oder von daheim seinem Vater schreibt; in ausführlichen Briefen, die sich gelegentlich geradezu zu Denkschriften weiten und nachweislich als amtliches Material benutzt werden, wagt er Kritik an Beschlüssen und Maßnahmen des Königs zu üben... hier geht ihm immer die Sache über die Person; dem militärisch-technischen Detail widmet er die gleiche Aufmerksamkeit wie den schwerwiegenden Fragen der inneren oder äußeren Organisation. So ist und bleibt er Offizier, dessen rastlose Arbeit, eiserne Pflichttreue und unermüdliche Lernbegier immer irgendwie der Macht des Staates dienten, an dem sich das Wort seiner Mutter aus dem Juli 1810 bewahrheitete: „Unser Sohn Wilhelm wird, wenn nicht alles trügt, wie sein Vater einfach, bieder und beständig“ —, über den aber auch aus dem Jahre, in dem diese Briefe beginnen, eine Äußerung lautete: „Prinz Wilhelm ist die edelste Gestalt, die man sehen kann, der imposanteste von allen, dabei schlicht und ritterlich, munter und galant, doch immer mit Würde.“ Dabei stand er den liberalen und nationalen Ideen, die stärker als je um 1830 in Norddeutschland um sich griffen, ablehnend gegenüber, und den nationalen Bewegungen, die den Boden der Verträge von 1815 erschütterten, begegnete er vom Standpunkte der großen, „heiligen“ Alliance; er faßte alles unter dem Gesichtspunkte der Revolution und nur im festen Zusammenschluß der „legitimen“ Gewalten meinte er immer wieder, könne man ihnen begegnen.

So stand er auf festem, nüchternem Boden, den er völlig kannte, und war imstande, mit der hier nötigen Klarheit allen Forderungen und Tatsachen seines Lebens gerecht zu werden. Bevor die hier mitgeteilten Briefe beginnen, war er durch das alles aufwühlende Herzenserlebnis seiner Jugend gegangen, das nach seinem Teile ihn auch zum Manne gereift hatte; das Auf und Ab seiner inneren wie äußeren Beziehungen zu Elisa von Radziwill klingt nur an einer, freilich wichtigsten Stelle dieser Briefe an und der schmerzlichste Abschluß dieser ihn stählenden Episode wird dem Vater gegenüber schriftlich nicht erwähnt: „Ich werde Elisa wiedersehen, ich gehe nach ihrem väterlichen Gute Antonin,“ sagte er am 29. Mai 1829 zur Gräfin Elise von Bernstoff — er war von seinem Vater beauftragt worden, seiner kaiserlichen Schwester entgegen zu fahren — „meine Schwiegermutter selbst hat mir den Wunsch ausgesprochen, daß dieses mein erstes Wiedersehen mit Elisa vor meiner Vermählung überstanden sein möchte.“

Prinz Wilhelm hatte den „Staat als Willen“ über sich erkannt, „er hat sich gefügt, ohne einen Bruch“, wenn er auch die mannigfache „Prinzessinnenschau“, die seiner Verlobung mit Augusta von Weimar vorausging, als innere Qual empfinden mochte. Als aber die endgültige Entscheidung — nach einem hier wohl zum ersten Male bekannt werdenden Schwanken — in dieser Lebensfrage gefallen war, begegnet er der künftigen Gefährtin mit herzlichster Zuneigung, und die Briefe aus dieser Zeit, die die menschlich-wertvollsten sind, bezeugen — auch wohl zum ersten Male —, daß der Prinz nicht nur „voller Attention für die Prinzeß“ war; hier klingt wahrlich mehr als die bisher immer nur beobachtete und behauptete kühle Herzenshöflichkeit durch, hier wird der zurückhaltende Ton, den er sonst nach höfischer Sitte der Zeit und aus seiner eigenen Erziehung heraus dem Vater gegenüber anschlägt, überwunden, und der Mann muß von dem berichten, was ein Inhalt seines Daseins wird und blieb; er tut es nicht in romantischem Überschwang mit tönenden Phrasen, sondern in jener Weise, der der Leser von heute in jedem Worte die aufrichtige Ehrlichkeit der Empfindung anmerkt.

Ein freundlicher Zufall hat es gefügt, daß diese briefliche Liebesidylle aus Weimar, die mit etlichen Unterbrechungen vom Oktober 1828 bis zum März des folgenden Jahres reicht, zwischen zwei größeren Gruppen von Berichten steht, die die Anteilnahme des Prinzen Wilhelm an den Vorgängen der europäischen Politik zeigen — „ich kannte und träumte nur ein selbständiges Preußen, eine Großmacht im europäischen Staatensystem“ hat er zwanzig Jahre später über seine innere Einstellung zu diesen Dingen geurteilt — und dadurch dartun, daß es ihm vergönnt und möglich war, die Welt auf manchen Reisen kennen zu lernen. Die verwandtschaftlich ihm nahe stehenden Höfe von Petersburg und dem Haag hat er öfters besucht; hier kommen die beiden wichtigen Fälle in Frage, wo er, in den ersten Monaten von 1828, die Zuspitzung des russisch-türkischen Konfliktes mit seiner Auswirkung auf die Weltlage beobachten konnte und wo er der Pariser Julirevolution von 1830 ganz nahe sein durfte. Beide Male schickte er seinem Vater „eine Fülle von Berichten“, von denen Erich Marcks’ Erwartung gilt, „daß man sie wohl kennen möchte“.

Seine Sendung nach der russischen Hauptstadt zu Schwester und Schwager hatte diesmal allerdings bereits einen wichtigen Hintergrund und Unterton: er sollte „den Argwohn Rußlands gegen die unabhängig sich zwischen den beiden östlichen Kaisermächten haltende preußische Politik bekämpfen“; gut informiert und ständig beraten hat er diese Mission erfüllt, schon deswegen, weil er von vornherein aus legitimistischen Gründen auf der Seite Rußlands und des Zaren stand, dabei sogar eifrig, aber vergeblich versuchte, seinen Vater zu energischer, kriegerischer Anteilnahme auf russischer Seite zu bewegen. Daß man den Briefen des Prinzen an den König, die von den Ereignissen des Hoflebens, von winterlichen Festen, von militärischen Einzelheiten natürlich auch zu erzählen wußten, an zuständigen Stellen Bedeutung beimaß, geht aus der Voraussetzung des preußischen Gesandten in Petersburg hervor, „daß der Minister des Auswärtigen in Berlin, Graf Bernstorff, Kenntnis von dem politischen Teile der Berichte des Prinzen an den König hat“, und der vielgewandte, vielhörende und geschwätzige Varnhagen von Ense notiert am 4. April 1828 in seinen „Blättern aus der preußischen Geschichte“: Prinz Wilhelm berichtet sehr fleißig und genau aus Petersburg, seine Briefe gibt der König an Witzleben, seinen allmächtigen Adjutanten.

Der Besuch im Haag — im Juli 1830 — schloß sich an einen Kuraufenthalt des Prinzen Wilhelm in Ems an, das seitdem die öfter aufgesuchte Heilstätte gegen eine in diesen Jahren nie ganz aufhörende Kränklichkeit war; hier war es Zufall, daß er als Gast des niederländischen Hofes Zeuge von Ereignissen sein durfte, die seinen ganzen Anschauungen völlig zuwiderliefen und die ihm Veranlassung wurden, seinen Standpunkt dem Vater und König gegenüber auf das schärfste zu präzisieren. Von den inneren Angelegenheiten und Notwendigkeiten Preußens oder gar Deutschlands ist in den Briefen der nächsten Jahre, in denen das Bürgertum auch hier, wenn freilich sehr langsam und allmählich, „die politische Macht ergriff“, selten etwas zu spüren und zu lesen. Er kann auf einer militärischen Inspektionsfahrt, auf der er seinen Vater vertreten muß, im August und September 1830 die Auswirkung der französischen revolutionären Bewegung im Rheinlande beobachten, kann aus Thüringen, wo Teile des seiner Führung unterstehenden Armeekorps in Garnison lagen, Ähnliches melden und nimmt dann öfter die Gelegenheit wahr, in Berlin in manchmal breiter Ausführlichkeit zu Fragen seines eigentlichen, d. h. militärischen Berufe das Wort zu ergreifen. Daneben steht die Sorge um den würdigen Ausbau des ihm zur Wohnung angewiesenen Tauentzienschen Palais Unter den Linden und um den Schlößchenbau auf dem Babelsberge bei Potsdam; er weiß hie und da den Vater für die Angelegenheiten ihm, d. h. dem Prinzen nahestehender Persönlichkeiten zu interessieren, wie des Prinzen Radziwill und des Fürsten Solms; einmal taucht eine Frage der preußischen Justizverwaltung und eine des Kirchenregimentes auf, die er im Sinne und zum Vorteil der staatlichen Autorität erledigt wissen möchte, er erörtert brieflich mit dem König die wichtige Frage des Erziehers des Sohnes seiner Ehe, der damals schon als der Thronerbe galt, und meldet dem Vater in jubelnder Beglücktheit die Geburt der Tochter Luise. Mit brieflichen Berichten von einer bis nach Mailand sich ausdehnenden Schweizer Reise, die er mit seiner Frau unternahm und die sich an einen Kuraufenthalt in Ems und Baden-Baden anschloß, endet das Corpus dieser Korrespondenz. Es ist für Prinz Wilhelm sehr charakteristisch, daß ihm die Freude an der neuen Umgebung, durch die ihn diese Fahrt führte, getrübt ward durch ein scheinbares Mißverständnis wegen seiner Anteilnahme an einem Manöver in der Heimat! Von mancher anderen Reise, wie z. B. von den Besuchen in Petersburg zwischen 1829 und 1835 weiß er kaum etwas zu berichten, was des Festhaltens wert wäre, desgleichen von dem Wiener Aufenthalt im März 1835, als es galt, „durch das sichtbare Eintreten Preußens die schwierige Lage der drei Minister zu festigen, die für den schwachsinnigen, aber legitimen Nachfolger Franz’ I., Ferdinand, die tatsächliche Regierung übernahmen“. Dagegen wird seine praktische Anteilnahme an der Weiterbildung der Armee und ihren Forderungen, z. B. in den Fragen über die Länge der Dienstzeit, über die Vermehrung der Kadettenanstalten, über die Dienstreisen, Kosten der Generäle — um nur weniges zu nennen — hier erneut dargetan und weiterhin erhärtet.

Diese andeutenden Bemerkungen umschreiben ungefähr den Inhalt der hier veröffentlichten Briefe des Prinzen Wilhelm von Preußen, ohne ihr Detail und ihren Reiz irgendwie zu erschöpfen. Sie sind in ihrer Form, ihrem Stil und Ausdruck der klarste, beste Spiegel ihres Schreibers.

Er weiß in frischer Anschaulichkeit zu schildern, was er sah und erfuhr, er bleibt immer sachlich und versteht aus den Tatsachen, wie sie ihm entgegengetreten, in Verbindung mit der ihm angeborenen und eingegebenen Überzeugung scharf und klar sein Urteil abzuleiten; er vermeidet bewußt jegliche Phrase irgendwelcher Art, weil er weiß, daß sie nicht zu seinem Wesen paßt. „Die Wärme eines herzlichen, schlichten Empfindens, die Sicherheit eines reinen und männlichen Charakters“, die Erich Marcks aus den längst bekannten Briefen an den General Natzmer mit Recht herauslas, ist auch in diesen Briefen an den königlichen Vater zu finden und dringt bei aller anredelosen Beherrschtheit des Tones — wie selten ändert sich die fast formelhafte Unterschrift „Ihr Sie liebender Sohn Wilhelm“ in einen Klang kindlicher Herzlichkeit! — doch immer wieder durch. Im stilistischen und sprachlichen Ausdruck sind freilich die im Original oft schwierig zu entziffernden Briefe noch völlig abhängig von den Grundlagen der Jugendbildung und Jugenderziehung des Prinzen: sie wirken oft in Wortstellung und Satzbau wie aus dem Französischen übersetzt.... das geht stellenweise so weit, daß er die richtige Satzkonstruktion nachträglich korrigiert, wobei manchmal das Gegenteil von dem herauskommt, was er sagen will; zahlreiche Fremdworte finden sich, die hie und da auch mal in nicht richtiger Weise angewendet werden.

Manches freilich vermissen wir in diesen Briefen: nicht einmal weiß er aus Weimar etwas von Goethe zu erzählen, niemals fällt ein Wort über die mannigfachen Kräfte, die sich nach dessen Tode im deutschen Schrifttum regten und die doch der beste Spiegel einer neuen Wertung der Zeit durch die Zeitgenossen waren; gerade weil Prinz Wilhelm diesem „Neuen“ innerlich ablehnend und fremd gegenüberstand, sucht man wohl nach einem kritischen Worte über das Junge Deutschland und des allmächtigen Metternich Maßnahmen, die gegen diese „Literaten“ gerichtet waren. Auch sonst treten tiefere geistige Interessen nicht hervor[1]; gerade darin aber wird der Gegensatz zu dem kronprinzlichen Bruder ganz klar und deutlich.