Die entscheidenden, ausschlaggebenden Züge seiner Art und seines Wesens, die die Gewähr für seine und damit nach dem Gange der Geschichte auch für unsere Zukunft boten, erkennen wir in diesen Selbstzeugnissen seiner Persönlichkeit: den Offizier, den Anhänger des legitimen Königtums, den konservativen Mann der Arbeit und Pflicht von klarer, kräftiger Zuverlässigkeit, dessen wahre Größe einmal darin bestehen sollte, in weiser Selbsterkenntnis und Selbstbeschränkung den Männern die freie Bahn des Wirkens zu öffnen und zu gönnen, die ihm das Schicksal in den Weg führen sollte... er war ein fertiger Vierziger, als diese Briefreihe mit dem Tode Friedrich Wilhelms III. abbrach. Mit dessen Hinscheiden wandelte sich wohl die preußische Welt, noch aber konnte niemand ahnen, daß Prinz Wilhelm berufen und auserwählt sein sollte, die deutsche Welt zu formen und zu leiten.

Einmal ist — ganz vorübergehend — in diesen Briefen von dem Denkmal die Rede, das dem Großen Friedrich von Preußen vor den Fenstern des prinzlichen Palais errichtet werden sollte; seine Grundsteinlegung war der letzte offizielle Regierungsakt, dem der alte, längst kranke König von den Fenstern eben dieses Hauses, also gleichsam als Gast seines Sohnes, beiwohnen konnte ... es war am 1. Juni 1840... Prinz Wilhelm leitete den militärischen Teil der Feier... es war des Vaters letzte Freude.... am 7. Juni starb der König.... der neue Herrscher Preußens grüßte den Bruder als Thronfolger und Prinz von Preußen... eine neue Zeit begann für ihn, für Land und Volk; von den Briefen aber, die fast bis zu diesen Tagen reichen, gilt ein Wort Paul Kehrs[2]: „aus jeder Zeile schauen uns längst vertraute Züge entgegen: des Prinzen Schlichtheit und Wahrhaftigkeit, sein Ernst und seine Gewissenhaftigkeit, Gottesfurcht und vornehme Gesinnung, sein militärisches, monarchisches und preußisches Selbstgefühl und Pflichtbewußtsein.“

Der russisch-türkische Konflikt.

Die durch den Wiener Kongreß und seine Schlußakte im Sommer 1815 wiederhergestellte Ruhe und Ordnung Europas hat ein Jahrzehnt später im Wetterwinkel des Balkans eine erste Störung erfahren; der Aufstand Griechenlands gegen die Türkei galt der Volksmeinung des Kontinents als eine Fortsetzung des Freiheitskampfes, der gegen Napoleon geführt worden war, und die klassizistisch orientierte Bildung der geistigen Oberschicht in den Großmächten Europas glaubte darin antike Ideale eines Miltiades oder Leonidas verlebendigt zu sehen.... begeisterte Männer zogen allenthalben nach Morea, um mit Gut und Blut sich für die Sache der griechischen Freiheit einzusetzen.

Im Gegensatz dazu sah das Regime des Fürsten Metternich in dieser griechischen Erhebung nur Rebellion — die Pforte war ja die legitime Obrigkeit —, die man auf die von Frankreich ausgegangenen revolutionären Ideen, auf die Umsturzbewegungen der Demagogen aller Länder zurückführte; hinzu kam die Befürchtung, daß Rußland den türkisch-griechischen Konflikt zum Anlaß und zur Grundlage weiterer Eroberungspläne machen würde. Die fünf Großmächte Europas — Rußland, Österreich, Frankreich, England und Preußen — waren sich klar und einig darüber, daß eine etwaige Befreiung Griechenlands das Auseinanderfallen der Türkei zur endlichen Folge haben müsse und daß Rußland davon den eigentlichen, wenn nicht sogar den alleinigen Nutzen haben werde. Deswegen war Österreich, an dessen Südostgrenze ein nie gefährlich werdender Nachbar, eben der Türke, saß, gegen jede Veränderung eines ihm vorteilhaften status quo; auch England sah in einer Erstarkung Rußlands eine Bedrohung seiner Stellung im nahen und fernen Orient.

Diesen sich zuspitzenden Gegensätzen in der russischen Außenpolitik standen etliche Schwierigkeiten im Innern gegenüber. Kaiser Nikolaus, der die Lieblingsschwester des Prinzen Wilhelm, Charlotte, zur Gattin hatte, mußte den durch den sogenannten Großmutsstreit hervorgerufenen Aufstand der Dekabristen niederwerfen: sein älterer Bruder Konstantin hatte zwar auf die Regierung nach Alexanders I. Tode verzichtet, da ihm aber ein Teil des Militärs anhing, kam es zu Tumulten.

Wenige Wochen später ward durch das „Protokoll“ vom 23. März/4. April 1826 zwischen Rußland und England eine Regelung der türkisch-griechischen Beziehungen vereinbart[3]; dabei hatte der Kaiser eine schriftliche Erklärung, keine Eroberungen zu machen, nicht abgegeben und „die englische Politik konnte in Zukunft von Rußland auf einem Felde kontrolliert werden, wo sie bisher unfaßbar gewesen war“. Im Spätsommer gab die Pforte in allen strittigen Punkten nach, und der Vertrag von Akkerman war ein voller Sieg der Großmächte über den Sultan. Der wahre Grund dieses plötzlichen Einlenkens aber war der, daß die Türkei für den trotz aller Friedensbemühungen drohenden europäischen Krieg eine Militärreform dringend bedurfte, und deshalb brauchte der Sultan zunächst Frieden!

Unterdessen ging ein anderer von Rußland geführter Krieg glücklich zu Ende: gegen Persien war der General Paskewitsch siegreich; im Februar 1828 erfolgte der Friedensschluß.... der in den Briefen des Prinzen mehrmals genannte Abbas Mirza ward von Kaiser Nikolaus als der allein berechtigte Nachfolger des Schahs anerkannt, und beide Herrscher wollten in Zukunft in Freundschaft und guter Nachbarschaft miteinander leben.