Bern, den 12. September 1839.

Gestern bei meiner Ankunft hierselbst erhielt ich ein Schreiben des Fürsten Wittgenstein vom 29. v. M., in dem er mir in Ihrem Auftrage schreibt, daß Sie mir meine weitere Reise oder Rückkunft lediglich anheimstellen, indem Sie mich zwar vom Kommando der Manöver entbunden hätten, aber dies meine Rückkunft nicht ausgeschlossen habe. Welch’ einen Eindruck diese Ihre Ansicht auf mich gemacht hat, vermag ich nicht zu beschreiben. Keine Ahnung hatte ich von derselben. Ich bin drei Wochen ohne Antwort geblieben auf meine Anfrage, ob ich, da ich das schwere, schwere Opfer brächte, nicht zum Manöver zurückzukehren, mit Augusta diese Zeit in der Schweiz verreisen dürfte. Erst am 19. August erfuhr ich durch Luisens Brief an Augusta, daß Sie deren Reise zu mir und ihre fernere Reise mit mir genehmigt hätten. In Karlsruhe erhielt ich Ihren gnädigen Brief vom 20. August, worin Sie sogar eine Andeutung wegen einer Traubencur in Meran, also zum Oktober, machen; wie konnte ich nach diesem Allen annehmen, daß Sie meine Rückkehr zur Manöverzeit erwarten? Auch darf ich es frei gestehen, daß ich nicht es mir klar zu machen weiß, in welcher Art sich meine Anwesenheit in Berlin und Potsdam nach Ihren Intentionen gestalten sollte, ob, wenn ich hergestellt, als Zuschauer bei einem Truppenkommando erscheinen sollte oder hätte kommandieren sollen, so lange es schön Wetter und nicht fatiguant war, oder ob ich als Reconvalescent hätte, wie im Frühjahr, zu Hause bleiben sollen?

Wäre mir Fürst Wittgensteins Brief 48 Stunden früher zugekommen, so wäre ich Tag und Nacht nach Berlin geeilt und hätte am 15. September mir Ihre Befehle selbst in dieser Beziehung erbeten; das ist nun unmöglich. Ja, wenn mir Ihre Intention nur in Baden bekannt geworden wäre, so hätte ich den ersten Plan meines Arztes, nach der Molkencur eine kleine Schweizertour bis zum Beginn der Manöver, selbst mit Augusta ausführen können. So aber ist Fürst Wittgensteins Brief an dem Tage, den 29. v. M., geschrieben, an welchem wir unsere Reise begannen und mir hier zugekommen, nachdem wir 14 Tage verreiset sind und zwar heute, wo das Lager bezogen wird. Den Brief des Oberst v. Lindheim vom 23. Juli aus Teplitz konnte ich aber auf keinerlei Art so auslegen, daß ich nach Berlin kommen sollte, ohne mein Kommando zu übernehmen. Und wenn ich dies hätte übersehen zu verstehen, so hätte ich wohl erwarten dürfen, daß mir mein Mißverstehen sogleich angedeutet worden wäre, als ich am 3. August Augustas Reise zu mir und mit mir während der Manöverzeit bei Ihnen beantragte. Dies Alles aber geschah nicht, sondern Ihre Genehmigung zur Schweizer Reise erfolgte ohne alle Restriction. Somit ich also in jeder Beziehung recht unglücklich bin. Denn ich sehe nun, daß ich gegen Ihren Willen abwesend vom Manöver bin und gegen Ihren Willen reise. Mir wollen Sie gnädigst dieses unglückliche Mißverständnis nicht aufbürden, und schicke ich dieserhalb dem Fürsten Wittgenstein heute die nötigen Briefe und Korrespondenzen zu. Unsere Reise ist über alle Begriffe vom Wetter begünstigt; die himmlischsten Sommertage begleiten uns fortwährend, so daß wir Alles im vollsten Maaße genießen und ich war bis heute vollkommen wohl.

Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.

Personenregister


Faksimile des Briefes auf den Seiten [50–52]