Nürnberg.

Dr. Edmund Braun.

Der Meister der nürnberger Madonna[65].

Treten wir vor ein bedeutendes Kunstwerk, so ist eine der ersten Fragen, die sich uns aufdrängen, wer hat es gemacht. Die Frage ist begreiflich und gerechtfertigt, nicht nur vom Standpunkte des Historikers aus, sondern für jeden verständnisvollen Beschauer. Was uns interessiert, was uns anzieht oder abstößt, ist nicht nur das Kunstwerk als solches, sondern auch die Individualität des Künstlers, welche aus ihm spricht. So viele Irrtümer unvermeidlich unterlaufen, wenn Künstlernamen einzig aus stilistischen Kriterien bestimmt werden, man wird da, wo schriftliche Nachrichten oder gute Traditionen fehlen, immer wieder auf diese Bestimmungsweise geführt werden.

Unter den plastischen Werken der beginnenden deutschen Renaissance wird die nürnberger Madonna (G. M. 314, Städtische Kunstsammlung Plastik 5) stets in erster Linie genannt. Vielfach wird sie als das bedeutendste Werk der deutschen Plastik des frühen 16. Jahrhunderts bezeichnet, oft ist sie besprochen, in Abgüssen und Abbildungen ist sie allgemein verbreitet und bewundert.

Die Bezeichnung eines Kunstwerkes als bedeutendstes ist stets eine relative, insbesondere besteht zwischen Kunstwerken, bei welchen in erster Linie der intensive Ausdruck der Empfindung angestrebt wird und solchen, welche mehr die formal harmonische Schönheit der Erscheinung betonen, eine ästhetische Antinomie. Erstere haben eine höhere individuelle, letztere eine mehr typische Bedeutung, und unvermeidlich muss bei ihnen der Ausdruck der Gemütsbewegungen um einige Grade herabgestimmt werden. Und doch können zwei Werke dieser beiden Gattungen die gleiche Vollendung besitzen und bezüglich der Gattungen selbst sind wir nicht berechtigt, die eine der anderen überzuordnen. Wohl aber sind wir darüber klar, daß erstere mehr dem malerischen, letztere mehr dem plastischen Ideal entspricht. Die nürnberger Madonna, welche wohl mit Recht als Teil einer Kreuzigungsgruppe betrachtet wird, gehört zu letzterer Gattung. Die Figur ist das Werk eines großen Künstlers, welcher an formaler Begabung, an reinem Schönheitssinn alle seine Zeitgenossen überragt. Eine so ungewöhnliche Sicherheit des plastischen Könnens ist Niemanden angeboren, sie wird nur allmählig in ernster Arbeit erworben. Es ist ganz ausgeschlossen, daß der Meister nur diese eine oder nur wenige Arbeiten geschaffen habe. Solche sind aber bis jetzt nicht bekannt geworden. Ob ihm die Pietà in der S. Jakobskirche in Nürnberg zugewiesen werden darf, ist zum mindesten fraglich.

Daß aber das ganze Werk eines so großen Meisters bis auf eine Figur zu Grunde gegangen sei, ist höchst unwahrscheinlich.

Nürnberger Madonna.