»FErners ist zu wissen, daß dieses Wercke von Paulo Francken, weiland Modisten und Rechenmeistern zu Memmingen angefangen, und 1601 in Druck gegeben worden, nachmals hat solches jetziger Verleger an sich erkaufft, und es nun der lehrgierigen Jugend zu guten, mit etlicher Autoren Hand vermehret, wider aufflegen lassen, nicht zweifflend, es werde allen Liebhabern der zierlichen Schreibkunst, damit bedient seyn; sonderlich aber den Schulhaltern, welche sich durch diese Vorschrifften vieler Mühe entheben können.«

Damit wären wir nun bei Paulus Frank als dem Autor unserer Sammlung von Initialen angelangt. Daß an dieser Autorschaft in der That nicht zu zweifeln ist, ergiebt sich noch aus einer Reihe weiterer Umstände, die zugleich einiges Licht über die Persönlichkeit des kunstreichen »Modisten und Rechenmeisters« verbreiten.

Das »R«, welches er bei dem L der mittleren Folge seinem Monogramm hinzugefügt hat, bedeutet ohne Zweifel »Rechenmeister«. Eine weitere Hinzufügung findet sich auf dem X der mittleren Folge (s. Fig. 1)[85], nämlich die Zahl 97, welche wohl nichts anderes als die Jahreszahl 1597 bedeuten kann. Es ist also anzunehmen, daß Paul Frank die Zeichnungen zu diesen Holzschnitten um das Jahr 1597 angefertigt hat. Ob sich vollständige Exemplare des von ihm dann 1601 in Druck gegebenen Werkes, dem, wie die trefflichere Erhaltung, die klarere und schärfere Ausführung zu verraten scheint, auch unsere Blätter angehören mögen, noch erhalten haben, vermag ich nicht zu sagen. Es kann jedoch als wahrscheinlich gelten.

Zeitlich noch weiter zurück führt uns eine in Leder gebundene Handschrift in kl.-qu.-fol., welche der im germanischen Museum deponierten Merkelschen Sammlung angehört[86] und auf 16 Pergamentblättern die köstlichsten kaligraphischen Schreibvorlagen von Paul Franks Hand enthält[87]. Das Titelblatt lautet: »Anweißung Kunnstlichs vnnd artlichs schreibens Daraus dann ein Jeder Junger die Fundament der gebreuchligisten Lateinischen Teutschen Fractur Cantzley vnd Currentschrifften begreiffen vnd lernnen kan Durch Paulum Franckh von Gfreß Allen liebhabern dieser Kunst zum besten verordnet. Im Jar Jhesu Christi Anno 1587.«

Fig. 3.

Jedenfalls ist auch diese »Anweißung« auf den Druck berechnet gewesen, mit dem Buch von 1601 hat sie aber wohl nichts zu thun, da sie mit unseren Holzschnitten keine direkten Berührungspunkte bietet, beispielsweise auch das Monogramm Paul Franks auf keiner der handschriftlichen Schreibvorlagen erscheint, von ihm also wohl erst um etwa zehn Jahre später in seine zur Reproduktion bestimmten Arbeiten aufgenommen wurde. Ein gedrucktes Exemplar ist mir von der »Anweißung« ebenfalls nicht bekannt. Wie sehr sich dieselbe aber im Stil unseren Holzschnittfolgen nähert, wird am besten durch die Gegenüberstellung eines F der Handschrift (Fig. 2) mit einem Holzschnitt-F (Fig. 3), welches zu dem Alphabete mittlerer Größe gehört, veranschaulicht werden. Hier wie dort der gleiche prächtige Schwung der Linien und Schnörkel, die gleiche Vorliebe für schön verlaufende Spiralen, für allerlei Vergitterungen und für die wie kräftige gotische m-Striche aussehenden Quer-Einschiebsel, die für Paul Franks Art besonders charakteristisch sind. Nur ist, wie zu erwarten, die ganze Ausführung in den Handzeichnungen auf Pergament noch eine ungleich sorgfältigere, feinere und reichere, als die Holzschnitte aufweisen. Auch das ergiebt sich bereits aus einem Vergleich der beiden hier reproduzierten F.

Zur Biographie des Paul Frank erfahren wir aus der Pergamenthandschrift der Merkelschen Sammlung vor Allem, daß er aus Gefrees in Oberfranken gebürtig gewesen ist. Als er seine »Anweißung« schrieb, im Jahre 1587[88], war er aber wahrscheinlich bereits in Memmingen ansässig. Es wäre sonst wenigstens auffallend, daß der Inhalt seiner Schreibvorlagen mehrmals[89] gerade auf Memminger Verhältnisse Bezug nimmt. Acht Jahre später (1595) ereignete sich mit Paul Frank in Memmingen ein tragischer Fall: er wurde zum Mörder. Christoph Schorer berichtet darüber in seiner Memminger Chronik: »Den 3. October hat Paulus Franck, Modist vnd Teutscher Schulmeister allhier, so mit andern Teutschen Schulmeistern auff dem Stadt Weyher (welcher den vorigen Tag gefischet worden) gewesen, im herein gehen zwischen den Gärten den David Lochbichler, sonst Girtler genand, Schulhaltern mit einem Faust-Hammer am Haupt also verletzet, daß er den 13. October hernach gestorben«[90]. Welches die Veranlassung zu dieser That gewesen, ob überhaupt eine vorsätzliche Verwundung vorgelegen oder nur ein unglücklicher Zufall obgewaltet hat, hören wir nicht. Möglich, daß Konkurrenzneid oder verletzte Eitelkeit dabei im Spiel gewesen sind, denn — um schließlich auch noch ein Wort über den mutmaßlichen Charakter unseres Mannes zu sagen — ein etwas übertriebenes Selbstgefühl scheint Paul Frank eigen gewesen zu sein und verrät sich auch in seinen Arbeiten. Ist es schon ein seltenes Vorkommnis, daß ein Rechenmeister fast jedes seiner für den Holzschnitt gefertigten Blätter mit seinem Monogramm signiert, so kennzeichnen ihn auch mehrere der für seine »Anweißung Kunnstlichs vnnd artlichs schreibens« gewählten Vorlagen oder Beispiele durch ihren Inhalt als eitel und von unverhältnismäßigem Stolze auf seinen Künstlerberuf erfüllt. Verschiedentlich ist darin von den Rechenmeistern oder Schreibkünstlern die Rede, namentlich von dem durch seine »Ehrbarkeit, Redlichkeit, gute Sitten, Tugend und Vernunft berühmten« kaiserlichen Kammer-Kanzleischreiber Veit Stoß aus Schweinfurt, von dem weiterhin einmal[91] in der »sehr gemainen vngebrochenen Canntzleyschrifft«, nebenher, aber wohl sehr geflissentlich mitgeteilt wird, daß ihm Konrad Lang von Überlingen »Ein Schloß Hummelburg gnant widerkaufflichen verkaufft habe«[92] u. s. f.

Über den späteren Lebensgang des Paul Frank habe ich bisher nichts weiter ermitteln können, als was sich aus seinen Holzschnitten und der Vorrede zu der »Kunstrichtigen Schreibart« des Paulus Fürst ergab und oben mitgeteilt worden ist.

Nürnberg.