Ebenso sicher ist, daß die Porträts von einem Maler aus Dürers Schule herrühren. Da aber, wie schon dargethan wurde, Pentz und die beiden Beham nicht wohl in Frage kommen können, so wird man sein Augenmerk auf einen andern Schüler Dürers richten müssen.
Schlenk hatte im Herbst 1524, also kurze Zeit, bevor die Porträts gemalt wurden, sich einen eigenen Hausstand gegründet. Er war von Haus aus unbemittelt; um so eher werden ihm seine Gönner einen Verdienst zugewendet haben.
Daß es Schlenk außerdem nicht an Talent gefehlt hat, um die Porträts zur Zufriedenheit auszuführen, dafür ist Beweis, daß ihn ein Dürer in seiner Werkstätte heranbildete. Ein Meister wie Dürer würde sicher keinen Stümper um sich geduldet haben.
Nach alledem wird man kaum fehlgehen, in Georg Schlenk den Maler des Bildnisdiptychons zu suchen.
Der Tod Dürers beraubte Schlenk seiner Stütze. Dürer starb am 6. April 1528. Nicht lange darauf finden wir Schlenk in einer ganz unerwarteten Lage: er bewarb sich im März 1529 um eine Anstellung als städtischer Aufdinger[22]. Die Aufdinger waren die Auf- und Ablader der Kaufmannsgüter, die in Nürnberg zur Verzollung kamen. Sie wurden nach den Haupthandelsstraßen bezeichnet: es gab Aufdinger auf der polnischen Straße, dann Aufdinger auf den Straßen nach Sachsen, Franken, Schwaben, Bayern und Ungarn[23]. Das Ämtchen als Aufdinger muß, allerdings wohl zumeist wegen der Trinkgelder, ein recht einträgliches gewesen sein; denn es war immer ein großer Zudrang dazu, und wiederholt mußte der Rat einschreiten und fremden Eindringlingen, die keine Bestallung hierzu hatten, das Aufdingen bei Strafe verbieten[24]. Als Schlenk um einen Aufdingerposten anhielt, ließ der Rat Erkundigungen einziehen, ob er sich dazu eigne. Sei es nun, daß er für so eine schwere Arbeit körperlich zu schwach war, oder daß keine Vakanz bestand, er erreichte seinen Wunsch nicht und versuchte es das Jahr darauf, wenn auch wiederum vergebens, als Nürnberger Landbote eine Stelle zu erlangen[25]. Endlich aber glückte es ihm doch, in städtische Dienste zu kommen: er wurde im April 1532 zum Zöllner am Vestnerthor ernannt und noch im selben Jahre ans Tiergärtnerthor versetzt. Vorher aber hatte er zusammen mit seiner Frau Susanna sich eine Zeitlang seinen Unterhalt als Inhaber einer Garküche erworben[26]. Das Geschäft, dessen Seele jedenfalls seine in der Kochkunst bewanderte Ehegattin gewesen sein wird, muß aber doch wohl ihren Erwartungen nicht entsprochen haben, und der Posten eines städtischen Thorzöllners muß Schlenk erwünschter gewesen sein.
Im ersten Augenblick will es kaum glaublich erscheinen, daß ein Schüler Albrecht Dürers als Zöllner sein Fortkommen suchte. Allein es war nichts Ungewöhnliches, daß Handwerker, denen ihr Gewerbe keinen genügenden Unterhalt gewährte, sich nach einem Nebenverdienst umschauten; so finden sich gleichzeitig ein Rotschmied und ein Nadler unter den Zöllnern. Zu den Handwerkern zählten aber damals auch noch die Maler: es war noch keine Scheidung eingetreten zwischen Kunst- und handwerksmäßiger Malerei. Ja, nach damaliger sozialer Auffassung wurde ein Maler noch nicht einmal einem Handwerker gleich geachtet; denn die Malerei war noch eine freie Kunst, die jeder ausüben konnte, der den Beruf dazu in sich fühlte. Die freie Kunst aber galt erst als Vorstufe des Handwerks, hatten ja doch die meisten freien Künste sich erst allmälich zu organisierten Handwerken mit vorgeschriebenen Lehr- und Gesellenjahren, mit Meisterstücken und festen Gesetzen und Ordnungen entwickelt. Es ist daher erklärlich, daß die Nürnberger Maler immer und immer wiederum, auch zu Dürers Zeit, und zwar nicht bloß, um unliebsame Konkurrenz fern zu halten, sondern auch um ihren Stand sozial zu heben, an den Rat die Bitte stellten, aus ihrer freien Kunst ein Handwerk zu machen.
Das Bestreben durch ein städtisches Ämtlein sich ein gesichertes Nebeneinkommen und so eine bessere Existenz zu verschaffen, muß einen großen Umfang angenommen haben: so beschwerten sich einmal die Tüncher, daß Handwerksgenossen, die ein Amt von der Stadt hatten, auch noch das Meisterrecht ausübten; doch der Rat wies sie barsch ab und drohte ihnen: falls sie bei ihrem Anliegen beharrten, werde er ihre Gesetze wieder aufheben und ihr Gewerbe wieder zu einer freien Kunst erklären[27]. Doch gehen wir zu Beispielen aus der Malerwelt über. Im Jahre 1510 erhielt Sebald Baumhauer, der nach dem Zeugnisse Neudörfers selbst von Dürer als Maler hochgeschätzt wurde, den Posten eines Kirchners bei St. Sebald[28]. Ferner wurde im Jahre 1531 der Maler Lienhard Schürstab Knecht in der Wage[29], und doch kann er als Maler nicht ganz unbedeutend gewesen sein, da ihm einmal für ein Tafelbild 53 Gulden ausgezahlt wurden[30]. Endlich rückte im Jahre 1532 der Maler Sebald in die Stelle eines Stadtpfeifers ein[31]. Nürnberg war überhaupt kein günstiger Nährboden für die Malerei. Kein Geringerer als Albrecht Dürer, der noch dazu nicht bloß von seiner Kunst, sondern auch vom Kunsthandel lebte, ist hierfür ein klassischer Zeuge. In einem Briefe an den Nürnberger Rat vom Jahre 1524 äußert er sich mit Bitterkeit[32]: »Hab auch, wie ich mit Wahrheit schreiben mag, die dreißig Jahr, so ich zu Haus gesessen bin, in dieser Stadt nit um fünfhundert Gulden Arbeit, das ja ein Geringes und Schimpfliches und dannacht von demselben nit ein Fünfteil Gewinnung ist, gemacht, sunder alle mein Armut, die mir, weiß Gott, sauer ist worden, um Fürschten, Herrn und ander frembde Personen verdient und erarnt, also daß ich allein dieselben mein Gewinnung von den Fremden in dieser Stadt verzehr.« Und Georg Pentz, der zweitgrößte Maler, den Nürnberg in seiner Blütezeit hervorgebracht, kam nie aus Geldnöten heraus und nahm ein unrühmliches Ende. Auch die beiden hoch begabten Maler Hans Sebald und Barthel Beham, die gleich groß als Maler, Zeichner und Kupferstecher waren, fanden in Nürnberg kein lohnendes Feld für ihre Thätigkeit. Hans Sebald Beham wanderte nach Frankfurt aus, und sein Bruder Barthel, der einst wegen seines religiösen Radikalismus von sich hatte reden gemacht, zog an den kunstliebenden Hof der streng katholischen Herzoge von Bayern in München. Vermochten also schon so bedeutende und vielseitige Maler in Nürnberg keine ausreichende Existenz zu erringen, so wird man sich nicht mehr wundern, daß Schlenk, der ohnehin von Haus aus unbemittelt war und also in verdienstloser Zeit nichts zuzusetzen hatte, nach dem Beispiele anderer seine Hand nach einem kleinen Ämtlein ausstreckte, um sich und seine anwachsende Familie vor Not zu schützen.[33]
Aber er scheint auch nicht den Mut besessen zu haben, als Maler den Kampf ums Dasein aufzunehmen; es fehlte ihm an festem Charakter: wir finden etwas Unstätes und Haltloses bei ihm wie bei seinen Kindern.
Ueber seinen gleichnamigen Sohn Georg[34] ist nur Ungünstiges zu berichten. Er heiratete 1546 in erster Ehe eine Tochter des Nürnberger Gerichtsprokurators Georg Selnecker, mit der er vorher unerlaubten Umgang gepflogen. Nach der Geburt des achten Kindes mißhandelte er sie derart im Wochenbett, daß man ihren Tod ihm zur Last legte[35]. Sein Lebtag brachte er es zu keiner ruhigen und sicheren Existenz. Bald finden wir ihn als Hilfsschreiber bei den Amtleuten des Sebalder und Lorenzer Waldes, bald als Profoßschreiber in der Kriegsstube, bald als Schreiber des Heuwägers. Seine Bitte aber um eine feste Anstellung wird abgelehnt, und der Rat giebt den Auftrag, nach einem andern geschickten Schreiber zu trachten, »daraus kunftig ein Canzleyschreiber zu machen und zu Mererm zuprauchen sein möcht.« Nunmehr verschwindet er eine Zeitlang vor seinen zahlreichen Gläubigern aus der Stadt. Nach seiner Rückkehr bittet er um Zulassung als Prokurator vor Gericht, erhält aber eine kategorische Abweisung. Gleichwohl muß er nachher doch vorübergehend als Prokurator aufgetreten sein; denn der Rat ließ die Verfügung ergehen: »Jörgen Schlenken seiner Leichtfertigkeit halben hinfuro zu kainer Curation, noch dergleichen Sachen mehr am Gericht zuzulassen.« Was er aber offen nicht thun konnte und durfte, trieb er im Geheimen: er wurde Winkeladvokat, befaßte sich aber mit so unsauberen Sachen, daß ihm 1565, weil er »sich solcher bosen Hendel vielfeltig beflissen«, die Stadt Nürnberg und ihr Gebiet »10 Meil hinden« sein Lebenlang verboten wurde; doch gewährte ihm der Rat einen Strafaufschub von vier Wochen, und in dieser Zwischenzeit wußte er sich einflußreiche Fürsprache zu verschaffen: er wurde auf Bitten des Grafen Konrad von Castell und dessen Gemahlin wieder begnadigt. Er besserte sich aber nicht. Zwei Jahre darauf forderte er von neuem den Zorn des Rats gegen sich heraus durch eine jedenfalls sehr unziemlich abgefaßte Supplikation, die er für einen Petzensteiner, »der sich Jakob Neunburger genannt«, aufgesetzt hatte. Nunmehr wurde er auf fünf Jahre aus der Stadt Nürnberg verbannt und richtete von Neuenmarkt aus Bettelbriefe an den obersten Landpflegschreiber der Stadt Nürnberg Bonifatius Nöttele und die beiden Landpflegschreiber Johann Leikauf und Lorenz Nützel[36] mit dem Anliegen, ihm mit einem Zehrpfennig zu helfen, um sein und seiner Kinderlein Notdurft anderswo zu suchen. Sie spendeten ihm zwei Gulden, aber mit dem Vermerken, das Geld nicht seiner alten Gewohnheit nach unnützlich zu verschwenden. Durch den Erfolg ermutigt, ersuchte er sie dann noch um ein »Fürlehen von einem Thaler zu einer Zehrung nach Würzburg«, da ihm mitleidige Personen »im Lande zu Franken Conditiones fürgeschlagen«[37]. Doch schon im Jahre 1569 ist er wieder in Nürnberg zu finden und hat die Kühnheit, den Rat nochmals um eine Anstellung in städtischen Diensten zu bitten, erhält aber zur Antwort: »meine Herren wüßten kein Ampt, das für ihn wehr ledig, darumb möcht er sich an andern Orten umthun«. Seit dieser Zeit läßt er sich nicht mehr nachweisen und ist jedenfalls auswärts gestorben und verdorben.
Georg Schlenk des älteren anderer Sohn Michel widmete sich wie sein Vater erst der Malerei und wurde hierauf ebenfalls städtischer Thorzöllner[38]. Im Jahre 1549, wo er sich — in erster Ehe — verheiratete[39], finden wir ihn zunächst als Zöllner am Vestnerthor[40] und dann seit August 1557 am Spittlerthor[41]. Hier gab er später (1565) aus unbekannten Gründen den Zöllnerposten ganz auf[42] und zog schließlich, Weib und Kind verlassend, als Soldat nach Italien, wo er (1576) unter den Besatztruppen der Stadt Genua erwähnt wird[43]. Von dort ist er nicht zurückgekehrt, und seine Frau, die außer für ihre eigenen Kinder auch noch für Stiefkinder zu sorgen hatte[44], mußte schlecht und recht bis an ihr Lebensende sich als Hebamme durch die Welt bringen[45].