Der Pokal trägt zwei Marken, deren eine einen senkrecht in zwei Felder geteilten Schild zeigt, von denen das linke zwei Sterne übereinander hat. Die andere Marke bildet ein schlüsselartiger, nach unten halbmondförmig auslaufender Gegenstand. In dem halbmondförmigen Teile befindet sich ein Stern. Der außerordentlichen Liebenswürdigkeit des Herrn Professor Dr. Marc Rosenberg verdanke ich die Erklärung der ersten Marke: sie ist das Beschauzeichen von Sitten. Gleichzeitig aber übersandte mir Herr Professor R., wofür ich auch an dieser Stelle ihm meinen verbindlichsten Dank sage, Beschreibung und Abbildung eines anderen Pokales desselben Sittener Meisters, der, in Genf zur Ausstellung gebracht, eine feste Datierung giebt und im Verein mit dem Spitzerschen das hervorragende Können des Meisters darthut. (Ich erfülle gern die Pflicht, das liberale Entgegenkommen der Genfer Ausstellungskommission in dieser Sache dankend hervorzuheben.) R. urteilt über den Pokal: »Auf der Ausstellung in Genf das beste Renaissance-Becherchen«.

Die Beschreibung aus dem Katalog Nr. 2130 lautet: »Coupe sur pied à couvercle, en argent repoussé, ciselé et doré; sur la coupe le massacre des Innocents, des mascarons et des amours; sur le couvercle, surmonté d’un amour tenant un écu aux armes de la famille de Graffenried, l’insription HOC SECVLVM EST IOCANTIS FORTVNÆ LVDVS. M. D. LXII., à l’interieur du couvercle les armes accolées et émaillées des familles de Graffenried et Michel dite Schwertschwendi. Poinçon de Sion, marque indéterminée. 1562.

»Cette coupe appartenait à Nicolas de Graffenried, Gouverneur d’Aigle et banneret de la ville de Berne (1530-1580)«.

Beide Pokale zeigen in ihrem Aufbau große Ähnlichkeit, nur daß der senkrechte, cylindrische Teil der cupa bei dem Graffenried’schen im Verhältnis zum Gesamtmaß höher ist, während bei dem Spitzer’schen der Schaft freier und schlanker emporstrebt. Der den Deckel abschließende Putto ist bei beiden Stücken derselbe. Die Darstellung des Bethlehemitischen Kindermordes zeigt in der einfachen, äußerst geschickten Komposition, in den muskulösen, beweglichen Figuren eine so augenscheinliche innere Verwandtschaft mit den Plakettendarstellungen, daß ich in weiterer Berücksichtigung der in jeder Beziehung künstlerisch vollendeten Durchführung der beiden Pokale nicht im Zweifel bin, daß wir in dem Sittener Meister auch den Urheber der Plaketten zu sehen haben, daß er nicht etwa nach fremden Mustern gearbeitet hat. Hoffentlich gelingt es der Lokalforschung, auch den Namen dieses bedeutenden Künstlers festzustellen, der, 1560 in Sitten arbeitend, von Italien stark beeinflußt ist, seine Ausbildung aber zweifellos deutschen, vielleicht Straßburger Meistern, verdankt.

Über den Vorbesitzer unsrer Plaketten giebt Nr. 2, »Blendung« interessanten Aufschluß. Auf der Rückseite nämlich hat Kinderhand Linien zum »Rechnen auf der Linie« gezogen und in die Spacien Rechenpfennige mit Hilfe des Zirkels eingetragen. Außerdem aber sind Schreibversuche gemacht, die uns den Namen des jugendlichen Autors verraten. Oben lesen wir die Buchstaben des Alphabets von h—m, unten »all mechtiger«, in der Mitte aber »carollus perckmann«. Die Schrift gehört der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an. Dieser Karl Perckmann ist, da die Plaketten später in den Hallerschen Besitz kamen, also wohl auch vorher in Nürnberg waren, sicherlich ein Mitglied der Nürnberger Goldschmiedefamilie gleichen Namens, aus der zwei Meister bekannt sind: Andreas Berckmann 1651, und Johann B. 1691.

Nürnberg.

Dr. F. Fuhse.

Das Nürnberger Münz-Kabinet des Freiherrn Joh. Christ. Sigm. von Kress.

Zu der Zeit, als Hubert Goltzius der Kupferstecher und Antiquar aus Amsterdam seine Reisen in Europa machte, um für seine merkwürdige Veröffentlichung der alten Kaiserbildnisse nach den Münzbildern Stoff zu sammeln, gab es bereits — wenn wir wenigstens Goltzens Angaben vertrauen dürfen — über 900 Münz- und Medaillenkabinete, die den Besuch lohnten. Allerdings handelte es sich bei den meisten vornehmlich um Antikes, um römische Kaisermünzen, wie sie der Niederländer ja auch hauptsächlich für seine Kupfer verwendete. In Deutschland war es Kaiser Max, von dessen persönlichen Verhandlungen mit seinen Münzstempelschneidern uns noch manches erhalten ist, der das erste Münzkabinet, das zu Wien, begründete.