Ich musste mir etwas Anderes einfallen lassen. Ich hielt Sara über Wasser in meinem linken Arm. Mit dem rechten Arm zog ich meinen Gürtel von der Hose. Dann band ich den Gürtel um Saras Brust und hielt das eine Ende in den Zähnen. Jetzt hatte ich beide Arme frei. Ich fand eine Wurzel und kletterte die lehmige Böschung hinauf, das Ende des Gürtels noch in den Zähnen. Es wurde jetzt aber zu kurz. Ich hob ein Bein über einen kleinen Baumstamm und hielt mich mit dem Bein. Ich zog Sara mit beiden Händen hinauf und fasste sie unter den Armen. Dann hob ich sie auf meine Schultern und kletterte den Rest der Böschung hoch.
Wir hatten es geschafft, wenigstens soweit. Ich nahm ihr den Gürtel schnell ab und hob sie bei der Hüfte auf und liess ihren Oberkörper baumeln. Dabei kam dass Wasser aus ihren Lungen. Sie hatte viel geschluckt. Sofort setzte ich meinen Mund an den ihren und blies. Langsam—einen Atemzug nach dem andern. Ich lauschte. Nichts. Ich blies wieder und wieder. War es zu spät?
Ich arbeitete mechanisch. Keine Gedanken gingen durch meinen Kopf, weder hoffnungsvolle noch deprimierte. Ich tat einfach, was ich tun musste.
Dann fing sie an leicht zu atmen. Erst ganz sanft. Ein Weilchen atmete sie leicht und dann nahm sie plötzlich einen tiefen Atemzug. Ihre Augen waren immer noch geschlossen. Die Atemzüge waren kurz, zuckend. Doch langsam wurden sie tiefer und ausgeglichen.
Jetzt entspannte ich mich ein Bisschen. Ich merkte erst jetzt, wie sehr meine Hüfte schmerzte. Sara sah nicht einmal so schlecht aus. Sie hatte keine Schrammen. War hier und dort zerkratzt und rot, doch schien nichts gebrochen zu sein. Sie blutete ein Bisschen von ihren Händen, die aufgeschürft waren. Jetzt bemerkte ich auch ein paar kleine Wunden an den Füssen, die bluteten. Es war aber nicht schlimm.
Ich hatte mich auf einen Stein gesetzt und hielt Sara in meinen Armen. Ich hielt sie sehr nahe, meine Lippen auf ihren Schultern. Ich küsste ihre Schultern wieder und wieder. Sie fing an zu schlottern. Und da plötzlich, sie öffnete ihre Augen und starrte mich an. Sie starrte mich lange an. Ich hoffte sie hatte keinen Gehirnschaden erlitten. Konnte sie nicht sprechen? Ich wartete.
Ich legte sie auf den Boden und zog meine nassen Hosen und meine Jacke aus. Dann legte ich die Jacke um Sara und knöpfte sie zu. Vielleicht würde sie das ein Bisschen aufwärmen. Dann versuchte ich ihr die Hosen anzuziehen. Doch ich brauchte ihre Hilfe und sie schien noch immer nicht ganz wach zu sein.
Da hob ich sie wieder auf, nahm sie in meine Arme und zog ihr die Hosen an. Da hielt ich sie, meine kleine Sara. Wie glücklich ich war, dass sie am Leben war. Wie glücklich! Sie schien bequem zu sein in meinen Armen und schloss die Augen. Sie schlief ein. Ihr Herz klopfte immer noch hart. Sie atmete schön regelmässig jetzt. Ich musste nur Geduld haben. Das war nicht allzu schwer, denn es war schön, sie zu halten.
Sie schlief ein Weilchen und öffnete die Augen wieder und schaute mich lange aus ihren grossen blauen Augen an. Von ihrem Gesichtspunkt starrte sie einen Fremden an. Sie wusste ja nicht, wer ich war. Sie schien erstaunt und etwas misstrauisch. Ja sie schaute mich geradezu vorwurfsvoll an. Sie schien auch nicht zu wissen, was passiert war. Sie nahm die Augen nicht von mir, sie starrte wie eine Puppe. Ich zog sie an mich und verbarg ihr Gesicht in meinen Armen. So hielt ich sie ein Weilchen. Dann schien sie die Liebe zu spüren. Sie legte ihre Arme um meinen Hals und klammerte sich an mich, als wäre ich ein Felsen im tobenden Meer. Ich hätte gerne gesagt: "Sara, meine kleine Sara". Doch ich durfte nicht. Ich durfte nicht verraten, dass ich ihren Namen wusste.
Dann liess sie los und ich auch. Sie starrte mich wieder an und sagte langsam: "Ich fiel in den Fluss." "Ja", sagte ich. Um vorzubeugen, dass ich ihren Namen aus Ungeschick gebrauchte, fragte ich sie: "Wie heisst du?" Sie dachte lange nach und wendete ihren Kopf. Ich dachte schon, dass sie nicht antworten würde, doch dann sagte sie mit leiser Stimme, fast flüsternd: "Sara."