Ich hatte schon zweieinhalb Jahre nichts mehr mit ihnen zu tun gehabt, als ich ihre Spur wiederfand in Laredo. Sie waren mir fast fremd. Ich erkannte sie, das schon—aber ihr Charakter hatte sich verändert und es war als lernte ich sie wieder kennen, seit Laredo. Mit jeder Beobachtung war ich mehr von ihnen beeindruckt, sie waren gewachsen.
Sie hatten mich nicht erkannt und das war mir auch recht. Ich hatte es erwartet, denn ich hatte mich sehr verändert. Ich sah nicht mehr aus wie früher und das mit gutem Grund. Denn ich war auf der Flucht und niemand durfte mich erkennen. Sie auch nicht, denn das brächte sie in noch grössere Gefahr, als sie schon waren. Ja sie waren in Gefahr, denn das war kein Land in dem Frauen und Kinder unbeschützt reisen sollten. Nun ganz unbeschützt waren sie nicht mehr seit Laredo, denn ich würde auf sie aufpassen. Sie waren dessen unbewusst, hatten nicht einmal bemerkt dass ich ihnen folgte. Nein sie durften mich nicht erkennen, denn wen jemand erfuhr, dass sie zu mir gehörten, dann würden sie gejagt werden, genau so wie ich. Auch konnte ich sie besser beschützen aus der Distanz.
Ja ich liebte sie. Ich liebte sie sehr. Aber ich musste mich fern halten.
Sie durften nicht einmal merken, dass ich hinter ihnen her war.
Darum war ich dem Wirt so dankbar heute abend. Ich hatte nicht selbst eingreifen müssen. Ich wollte nicht dass sie meiner überhaupt bewusst waren. Ich hatte mich also im Hintergrund halten können. Um so besser—aus einem anderen Grund auch—ich war noch nicht schnell genug. Würde ich es je sein? Ich musste, da gab es keine Wahl. "Manchmal muss man tun, was man tun muss!" wie mein Vater zu sagen pflegte als er noch lebte.
* * *
Mit diesen Gedanken im Kopf machte ich mich auf, für einen Spaziergang.
Es blieb noch eine Stunde Tageslicht und ein Bisschen der frischen
Bergluft, die von den Zuni Bergen her wehte, würde mir gut tun.
Auf dem Weg zurück, es war schon dunkel geworden, stolperte ich fast über ein blinde Indianerfrau, die zwei Häuser vom Saloon entfernt sass. Sie hatte eine leere Konservenbüchse die sie mir entgegenstreckte:
"Ein Almosen, Sir, ich bitte sie." Ihr Geruch und ihre schrille Stimme gingen mir auf die Nerven. Als ich an ihr vorbei gehen wollte, schrie sie noch lauter: "Haben sie ein Herz, Sir, haben sie ein Herz".
Das letzte "haben sie ein Herz" war leiser und langsamer gesprochen, so als resignierte sie sich, nichts zu bekommen. Da packte mich dann doch das Erbarmen und ich warf zehn Silberdollar in ihre Büchse. Schnell ging ihre Hand in die Büchse um zu zählen. Dann schrie sie "Oh gnädiger Herr das ist doch zuviel, viel zuviel, soviel brauche ich ja gar nicht. Vergelt es ihnen Gott, sie gütiger Mann." Sie nahm wohl von meinem Tritt an, dass ich ein Mann war und wohl auch, weil die meisten die hier vorbeigingen, Männer waren—wenn sie wirklich blind war.
"Schreien sie doch nicht so, oder die ganze Stadt wird denken dass ich reich bin. Das fehlt mir noch dass einer versucht mich auszurauben."