„Ich will gar nicht leugnen, daß Kläre Einfluß auf mich hat. Sie ist riesig klug, die klügste von uns Schwestern. Sie weiß ganz genau, was sie tut, wenn sie ihre eigene Tochter studieren läßt. Und so begabt wie Bertha bist Du noch lange. Ich bin sogar überzeugt, daß Du noch leichter lernst.“

„Liebe Mama, soll ich studieren, um zu beweisen, daß ich leichter lerne als Bertha? Oder hast Du noch einen anderen Grund, um mir zum Studieren zu raten?“

„Aber, Kind, ich habe Dir doch eben alles lang und breit auseinandergesetzt: Du hast mehr geistige als körperliche Vorzüge, Du hast wenig Chance, Dich zu verheiraten. Das Studium sichert Dir eine geachtete gesellschaftliche Position. ‚Fräulein Doktor‘ ist doch ganz was anderes, als wenn Du womöglich simple Gouvernante wirst. Irgend was wirst Du doch tun müssen. Der Papa hätte es ja natürlich nicht gewollt, — er hätte es „unstandesgemäß“ gefunden, — aber ich habe solche Vorurteile nicht. Ich bin eine moderne Frau! Ich gehe mit der Zeit mit.“

„Und mit Tante Kläre — —,“ sagte Monika ironisch.

Die Anregung der Mutter ging ihr lebhaft im Kopf herum.

Zunächst einmal war sie tief gekränkt, daß die Mutter ihr Aeußeres so ungünstig beurteilt; die anderen Leute fanden sie doch hübsch, sagten ihr das in unverblümter Weise. Was das Studieren anbetraf, so war sie nicht etwa abgeneigt, die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen. Bei ihrem lebhaften Wissensdurst, ihrer Freude am Lernen wäre ihr das Studienprojekt geradezu ideal erschienen, wenn sie nicht eine lebhafte Abneigung gegen den Begriff der „Studentin“ gehabt hätte. Sie selbst kannte gar keine studierende Frau, sondern hatte sich aus Witzblättern und aus Redensarten, die sie gehört, eine Art Zerrbild der Studentin geschaffen, die sie sich mit kurz geschnittenen Haaren, männlichen Allüren und in uneleganter Kleidung vorstellte. Immerhin hatte sie keine Einrede, als sie eines Tages von ihrer Mutter ersucht wurde, mit ihr zu Fräulein Doktor Stark zu kommen.

Fräulein Doktor Stark war die Begründerin und Leiterin der Mädchen-Gymnasial-Kurse, in denen Damen zum Abiturienten-Examen vorbereitet wurden.

Monika war unsympathisch berührt von dem scharfen Blick der grauen Augen. Dazu kam der schneidende Tonfall, in welchem das Fräulein Doktor ihre knappen Fragen stellte.

„Ihr Name?“

„Freiin Monika von Birken.“