„Nein, wenn ich denke, wie ich aussah, als ich in Deinem Alter war, — Du bist gar nicht schlank genug für ein junges Mädchen, — ich habe heute noch zehn Zentimeter Taillenweite weniger als Du, und Du bist auch nicht bescheiden genug für ein junges Mädchen. Nein, ein wirklich hübsches junges Mädchen muß ganz anders aussehen: große, fragende Kinderaugen muß es haben.“

„Na, groß sind doch meine Augen genug!“

„Ja, aber keine fragenden Kinderaugen! — Und ein kleines, kleines Mündchen muß ein schönes junges Mädchen haben und eine schlanke Taille und einen bescheidenen Gesichtsausdruck.“

„Nur die Lumpe sind bescheiden!“

„Mone, wende den Goethe bloß nicht immer so entsetzlich falsch an. Also: hübsch bist Du nicht. Klug, — ja, das will ich nicht leugnen. Du bist sehr begabt, Du mußt das Hauptgewicht auf Deine geistige Ausbildung legen, — zur Hausfrau hast Du auch kein Talent.“

„Ich möchte Schriftstellerin werden.“

„Kind, Du hast doch einen förmlichen Größenwahn. Sieh mich an: ich bin doch Deine Mutter, — na, und bin zwanzig Jahre älter als Du, und mir ist es nicht einmal gelungen, gedruckt zu werden. Vierzehnmal habe ich Manuskripte abgeschickt — und alle, alle habe ich sie zurückbekommen. Das einzige, was je von mir gedruckt worden ist, ist ein Küchenrezept, — — und da willst Du Schriftstellerin werden?! Wo ich so viel mehr Gemüt habe als Du —“

„Gemüt ist literarisch gar nicht mehr modern,“ versicherte Monika.

„Ach, man weiß wirklich nicht, was man mit Dir anfangen soll,“ klagte die Mutter weiter, „um die Jungen ist mir ja nicht angst, das hat der Papa auch schon immer gesagt: „um meine Söhne ist es mir nicht angst, aber um Monika.“ — Ja, mit Mädchen hat man seine liebe Not. Am besten wäre es vielleicht, Du würdest studieren.“

„Aha, Tante Kläres Prinzipien,“ bemerkte die Tochter.