„Eine bedauerliche Unreife! Aber sonst spricht nichts gegen Ihre Aufnahme in meine Gymnasial-Kurse. Ihre Ansichten werden Sie bei uns schon ändern.“

Gedankensprung

Diese Ueberzeugung der Gestrengen erwies sich als nicht stichhaltig.

Nachdem Monika eine Zeitlang an den Kursen teilgenommen, war ihre Lebensauffassung immer noch die gleiche.

Infolge ihrer eminent leichten Auffassungsgabe gehörte sie nach kurzer Zeit zu den besten Schülerinnen, ausgenommen in Mathematik, einer Wissen schaft, von der sie nie auch nur das geringste verstand.

Alles in allem machten ihr diese Kurse sehr viel weniger Eindruck, als sie erwartet. Es war eigentlich wie in der Schule von Fräulein von Zieritz, nur daß man hier mit dem Vatersnamen aufgerufen wurde, statt wie dort mit dem Vornamen, und daß die Schülerinnen hier nicht einheitlichen Alters waren, sondern in den verschiedensten „Jahrgängen“. Und die Damen stammten aus den verschiedensten Milieus.

Neben Fräulein von Roch, der Tochter eines aktiven Generals, mit den korrekten Manieren der preußischen Offizierstochter, saß Olga Iwanowna Safiro, eine Russin von vager Herkunft und recht asiatischem Benehmen.

Neben Frau Kramer, einer Frau mit ergrauenden Schläfenhaaren, die zu Hause zwei halbwüchsige Kinder hatte, saß ein kaum sechzehnjähriges Mädel, das vor wenigen Wochen noch die Schule besucht.

Neben dem abgerissen gekleideten Mädchen, das sich nicht satt aß, um Geld für die Kurse aufzu bringen, saß die Tochter eines Kommerzienrats, die einen wahren Juwelierladen zur Schau trug.

Uebrigens waren so ziemlich alle in dieser aus allen Windrichtungen zusammengewehten Schar von ehrlichem Lerneifer erfüllt. Und fast alle waren sie durchdrungen von der Idee, daß nun eine neue Zeit für die Frau hereinbreche.