„Mehr als mich,“ brummte Monika. „Fremde Kinder behandelst Du immer besser als uns, Mama.“
„Die ärgern mich auch weniger als Ihr! Nicht ein einziger von Euch ist gehorsam.“
„Das hat Tante Kläre wohl auch gedacht und unseren Einfluß auf Bertha gefürchtet,“ sagte Monika. „Mir wird doch immer gesagt, daß ich so demoralisierend wirke — de — mo — ra — li — sie — rend...,“ sang sie im Walzertakt und schwang die Mutter in die Runde.
Nach Berthas erstem Besuch bei Birkens war Mali von ihrer Nichte entzückt. Das machte aber niemandem einen großen Eindruck, da sie sich für unendlich viele Leute begeisterte.
In diesem Falle hatte sie wirklich keine genügende Ursache, entzückt zu sein. Bertha besaß nichts irgendwie Hervorragendes.
Sie war ein schlankes, blondes Mädchen mit schmalen Schultern und ziemlich ausdruckslosen Augen. Ihre geistige Befähigung war knappes Mittelmaß, ihr Charakter war harmlos freundlich, nur momentan war ihre Stimmung verbittert durch den Zwang, den die Mutter auf sie ausübte. Bertha wäre so froh gewesen, wenn man sie das Leben hätte führen lassen, wie es alle ihre Freundinnen führten: in der Wirtschaft helfen, ein bißchen Klavier spielen, ein bißchen malen, hübsche Handarbeiten machen, Bälle besuchen, die Eisbahn, den Tennisklub.
Und dann sich verloben — ach, himmlisch! — heiraten, hübsche Kinder haben mit schön frisierten Haaren und weißen Spitzenkleidern.
Und da kam Mama nun mit der unglücklichen Idee des Studiums.
So oft sie ihrer Tochter auch vorhielt, in welch begnadeter Zeit sie lebe, daß es ihr gestattet sei, all ihre Geisteskräfte voll zu entfalten, indes ihre Mutter seinerzeit durch die herrschenden Anschauungen gezwungen gewesen, dem herrlichen Plane: ganz im Dienste der Wissenschaft aufzugehen, zu entsagen — Bertha ließ sich nicht überzeugen.
Sie gehorchte zwar dem Gebot der Mutter, aber ohne jede innere Freudigkeit.