In den Kursen — sie war in denselben Zötus eingereiht worden wie Monika — fiel sie durch nichts auf. Eine knappe Mittelmäßigkeit war die Signatur ihres äußeren und inneren Menschen. Für keines der Fächer, in denen man Unterricht empfing, hegte sie besonderes Interesse.

Im Gegenteil! Sie mokierte sich geradezu über Monika, die, als man im Latein und Griechischen die langweiligen Anfangsgründe überwunden, sich für das klassische Altertum zu begeistern begann. Die Glut, die sie in Kindertagen entfaltet, wenn Doktor Rodenberg ihr Sagen erzählt, lebte wieder auf; schattenhafte Träume erwachten zu neuem Leben.

Und nicht nur wie einst sah sie nur die männermordenden Helden, die erzgeschienten Völkerfürsten, nicht nur wie früher verfolgte sie mit heißer Freude am Kampfe das Auf- und Niederwogen der Feldschlacht — jetzt wurde ihr auch die schöne Sklavin lebendig, die blühende Briseïs, die sich zitternd willig dem Peliden gibt. Jetzt schwirrten ihre Gedanken auch um die Götterschönheit der Helena, um die so viel Tausende starben.

Die toten, heidnischen Sprachen, die Monika anfangs so langweilig gedünkt, waren ihr nun Zauberschlüssel — Zauberschlüssel, welche die Pforten zu märchenschönen Gärten öffneten.

Mit einer wahren Gier stürzte sie sich jetzt aufs Lernen.

Und wie immer bei ihr: wenn sie erst angefangen, sich einer Sache zu widmen, so tat sie das ungeteilt; sie richtete all ihre Kräfte, all ihr Sinnen darauf.

Ihre Geisteskräfte schienen zu wachsen in dem scharfen Training, das sie ihnen zumutete, und sie spornte sich selbst immer mehr an.

Weltgeschichte, Chemie, Physik — je mehr, je besser! Mit einem wahren Heißhunger nahm sie alles Gebotene in sich auf und tat weit mehr, als das Pensum erforderte. Ihre Neigung zu Vergnügungen, zum Flirt, trat nun völlig zurück.

Sie wollte nichts weiter, als möglichst ungestört über ihren Büchern brüten. Allein an der Art, wie sie ein Buch aufschlug, wie sie den Einband mit liebkosenden Fingerspitzen umspannte, als sei es eine kostbare Frucht, sah man die Wonne, die es ihr bereitete, sich in den Inhalt zu versenken.

Die Brüder, denen besonders die alten Sprachen unangenehmer Zwang waren, spotteten, wenn sie Monika über den Homer gebeugt sahen.