Seine Augen waren wie verblaßt — ganz stumpf. Man hatte den Tod kommen sehen, wochenlang — viele Monate lang. —
Jetzt aber war es anders gewesen.
Jetzt war der Tod heruntergestürzt — wie ein Habicht aus blauer Höhe niederstößt auf sein Opfer. Wohl hatte man ihm seine Beute im letzten Moment noch abgejagt, aber allzunahe hatte man das Schwirren seiner starken Flügel gehört. —
Monika sah jetzt im Wachen und im Traum ihres Bruders regungsloses Gesicht, das starre Weiß der Augäpfel unter halbgeschlossenen Lidern.
Wie oft hatte sie gehört von Leuten, die jung gestorben waren. Aber das hatte ihr nie Eindruck gemacht. Was sie von anderen hörte, blieb ihr immer ganz gleichgültig. Sie erfaßte eine Sache erst dann, wenn sie sie erlebte.
Und nun hatte sie gesehen, schaudernd mitgefühlt: das Ende! —
Das brennende Mitleid, das sie für den Bruder gefühlt, verschwand, sobald sie sah, daß Heinrich mit einem Tage Kopfschmerzen davonkam.
Aber der Eindruck blieb. Es blieb die wahnsinnige Angst: nicht sterben, ehe ich gelebt, ehe ich alles Süße gekostet, was das Leben zu schenken hat.
Und es kam der Zweifel, der nagende Zweifel: tue ich recht, wenn ich mich vergrabe in tote Gelehrsamkeit — wenn ich mein Leben verstreichen lasse mit dem Erlernen von Systemen, von Theorien?
Mein Gehirn arbeitet — meine Geisteskräfte werden stärker durch Uebung und Erziehung, aber abstrakte Wissenschaft ist nicht das Leben.